Kaum jemand hätte es für möglich gehalten, doch Chev Chelios hat den Sturz aus einem Helikopter am Ende des ersten Teils überlebt und wird nun von einer Triadengang, die größtes Interesse an seinen Organen hat, von der Straße gekratzt. Als Chev wieder zu sich kommt, findet er sich selbst auf einem OP-Tisch wieder und bekommt im halbwachen Zustand mit, wie sein Herz entfernt und durch ein künstliches ersetzt wird. Kurz darauf gelingt dem Profikiller zwar die Flucht, doch stellt er schnell fest, dass sein neues Herz mit regelmäßigen Stromstößen am Leben gehalten werden muss. Außer sich vor Wut macht sich Chelios auf die Suche nach den Verantwortlichen Johnny Vang, der Chev's Herz dem alternden Triadenkönig Poon Dong zukommen lassen möchte. Eine blutige Spur der Zerstörung hinter sich lassend, begibt sich Chelios auf eine wahnwitzige Jagd durch L.A. und trifft dabei nicht nur auf alte Bekannte, sondern bekommt es zu allem Überfluss auch noch mit einem sadistischen Gangsterboss zu tun, der noch eine alte Rechnung zu begleichen hat...
Nachdem Crank mit dem vermeintlichen Tod des Hauptprotagonisten endete, brachten sich die Verantwortlichen damit selbst in eine missliche Lage, denn der unkonventionelle Actionfilm entwickelte sich zu einem absoluten Überraschungserfolg, was natürlich schnell den Gedanken an sein Sequel nahelegte. Und da es auch Crank mit dem Realismus nicht allzu genau nahm, wundert es wenig, dass Chev Chelios für eine Fortsetzung noch einmal ins Leben zurückkehren durfte, auch wenn sein Körper nach einem Sturz aus einem Helikopter hoch über den Dächern von L.A eigentlich absolut zerschmettert sein müsste. Doch dadurch, dass sich der Profikiller zu Beginn des zweiten Teils wieder bester Gesundheit erfreut, wird schon zu Beginn der grundlegende Tenor des Films angegeben. Noch übertriebener, noch brutaler, noch absurder, kurz, noch cranker sollte das Sequel werden und dieses Vorhaben ist den beiden Regisseuren Mark Neveldine und Brian Taylor in jeder Form gelungen. Crank 2: High Voltage ist einer der wohl durchgeknalltesten Streifen, die jemals ein Mainstream-Publikum erreicht haben und wird in seiner grenzenlosen Absurdität selbst so manche Fans des ersten Teils gewaltig vor den Kopf stoßen.
Die Grenzen der Realität weit hinter sich lassend, erinnert Crank 2: High Voltage nun endgültig an die filmgewordenen feuchten Träume eines Videospiel-Junkies. In gewohnt schnell geschnittener Musikvideo-Ästhetik ist dieser Film im Grunde ein ebenso selbstzweckhafter wie ironischer Gewalt- und Actionporno für die MTV-Generation, den man in den meisten Fällen vermutlich nur lieben oder hassen kann. Was bei Crank seinerzeit noch neu war und für Ableger wie Shoot 'Em Up oder Wanted sorgte, wird von Mark Neveldine und Brian Taylor nun über jede Grenze hinweg ausgereizt. Über einen roten Faden scheint Crank 2: High Voltage nicht zu verfügen, der ganze Film wirkt wie eine Ansammlung irrwitziger und wahnsinniger Szenen, die sich die Regisseure entweder im Drogenrausch oder beim Stuhlgang haben einfallen lassen. Hier kracht und knallt es zwar an allen Ecken und Enden, doch Spannung erzeugt der Streifen in seinen 92 Minuten kaum, dafür hat die Handlung einfach weder Hand noch Fuß. Die Story ist hier onehin nichts weiter als konsequenter Nonsens, der offen zu dieser Tatsache steht, um ein pures Feuerwerk an zelebriertem Schwachsinn zu entzünden.
Die hauchdünne Handlung ist quasi 1:1 aus dem ersten Teil übernommen, nur dass sich Chev hier durch Stromstöße, statt durch Adrenalinschübe am Leben erhalten muss. Dennoch kann hier nicht von einem einfallslosen Ableger gesprochen werden, denn in Sachen kranker Ideen toppt Crank 2: High Voltage alles zuvor Dagewesene. Ein Bad Guy bekommt zur peinlichen Befragung rektal eine Pumpgun eingeführt, offene Brustkörbe werden als Aschenbecher zweckentfremdet und damit die Sexszene aus dem ersten Teil noch getoppt wird, treiben es Chev und Eve dieses Mal auf einer Pferderennbahn vor tausenden von Zuschauern in allen nur erdenklichen Stellungen. Damit jedoch noch lange nicht genug. Die Grenze der Absurdität wird spätestens dann überschritten, als sich Chev und Johnny Vang in einer Art Rausch-Halluzination plötzlich in zwei Godzilla-Wesen verwandeln und vor einer Miniatur-Stadt ganz im Stile der alten Monsterfilme aufeinander eindreschen. Wer diesen Film auch nur ansatzweise ernst nimmt, hat also von vorne herein die Arschkarte gezogen und wird sich spätestens nach 10 Minuten verzweifelt die Hände vors Gesicht schlagen. Natürlich wurde hier auch die Gewaltschraube noch einmal deutlich angezogen. Wurde Crank damals noch ungeschnitten mit einer FSK 18 durchgewunken, ist die 18er Fassung von Crank 2: High Voltage noch um gut zweieinhalb Minuten gekürzt worden. Das spricht für sich und erklärt sich in der Uncut-Fassung mit äußerst blutigen Schießereien und einer im Grunde genommen allgegenwärtigen, als selbstverständlich verkauften Gewalt wie von selbst.
Wer sich jedoch auf das Ganze einlassen kann, wird mit diesem Film einen temporeichen, vulgären und in dieser Form einmaligen Höllenritt erleben, der aber von einigen zu langen Szenen etwas gestört wird. So wirkt etwa der Rückblick in Chev's Kindheit in Form einer klischeehaft gestalteten Talkshow etwas unnötig und auch die eine oder andere Dialogszene scheint die Gesamtlaufzeit etwas strecken zu wollen. Dafür überzeugen dann aber die Schauspieler vollauf. Der schillernde und abwechslungsreiche Cast wird natürlich wieder von Jason Statham angeführt, der als gewaltbereiter und scheinbar schmerzresistenter Profikiller wieder einmal überzeugt und in allen Szenen die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Neben ihm gibt es ein Wiedersehen mit vielen Bekannten aus dem ersten Teil. So ist nicht nur Amy Smart, die hier weitaus mehr Haut zeigen darf als noch im Vorgänger, wieder mit von der Partie, sondern auch Dwight Yoakam als Doc Miles und Efren Ramirez, der hier den Zwillingsbruder seines Charakters aus dem ersten Teil spielt. Und noch ein weiterer alter Bekannter hat ein äußerst schräges Cameo als abgetrennter Kopf, der in einem Wassertank künstlich am Leben erhalten wird.
Letztendlich ist es schier unmöglich, Crank 2: High Voltage in Worte zu fassen. Der Film ist eine unnachahmliche Gratwanderung zwischen kompromissloser Action, irrwitzigen Situationen und einem absolut schrägen Humor, der gegenüber seinem Vorgänger noch einen deutlichen Zahn zulegt. Leider sind die Verantwortlichen dabei etwas übers Ziel hinausgeschossen und lassen den Film etwas zu oft ins Lächerliche abdriften. Fans und Liebhaber des ersten Teils werden hier zweifelsohne noch ihren Spaß haben, doch selbst für viele Actionfans dürfte Crank 2: High Voltage deutlich zu viel des Guten sein. Wer jedoch weiß, auf was er sich hier einlässt, wird mit diesem Streifen seinen Spaß haben.
Crank: High Voltage
USA 2009, 92 Min.
Freigabe: SPIO/JK: keine schwere Jugendgefährdung
Regie: Mark Neveldine, Brian Taylor
Darsteller: Jason Statham, Amy Smart, Dwight Yoakam, Efren Ramirez, Julanne Chidi Hill, Reno Wilson, Keone Young, Art Hsu, Joseph Julian Soria, Bai Ling, Clifton Collins Jr., David Carradine