Review

Als im Jahr 2006 der Film "Crank" das Licht der Welt erblickte, da bekamen die Actionfans, die schon so manchen Geschwindigkeitsrausch ausgesessen hatten, Ohrensausen. Eine einzige, adrenalingetriebe Jagd gegen die Zeit, die in einer Reihe übermenschlicher Absurditäten, Grausamkeiten und Unmöglichkeiten kulminierte. Die Aufhebung physischer Gesetze in einem wilden Furor - "krank" im wahrsten Sinne des Wortes.
Für das Regieduo Neveldine/Taylor der große Startschuß ihrer Karriere und gleichzeitig die Hypothek, diesem Film unbedingt einen Nachfolger verpassen zu müssen. Als 2009 dann endlich der dem Tode nahe Auftragskiller Chev Chelios wieder auf Tour ging (und seinen Kilometer-Hubschraubersturz offenbar wirklich überlebt hatte), da trennten sich die Fanmassen wie Moses das rote Meer. Während auf der einen Seite die postmoderne Absurderei als perfekter Abgesang auf das Actionkino als durchgeknallter Trip gefeiert wurde, lehnt die andere Seite die neue Anhäufung von pop- und filmkulturellen Wahnwitzigkeiten als bescheuert ab.
Grund genug, so lange zu zögern, bis man den darauf folgenden Neveldine/Taylor-Film "Gamer" gesehen hatte, eine visuelle Breitseite, ohne Struktur und großartigen Zusammenhang, wie einen ADS-LSD-Trip zu ertragen, jedoch substanziell ohne Wert.
Noch mehr Grund, das Versäumte noch nachzuholen - und man muß konstatieren, daß "Crank - High Voltage" leider "Gamer" näher steht als dem originalen "Crank".

Chelios lebt also, Knochenbrüche sind offenbar kein Problem, nur sein Herz haben ihm asiatische Organhändler leider entnommen und gegen ein mechanisches Herz ausgetauscht, damit der knorke Junge frisch für weitere Organspenden bleibt.
Als sie jedoch das Skalpell an die Mannespracht legen wollen, bricht unser Antiheld aus und macht sich auf die Suche nach seiner ausgebauten Pumpe, wobei diesmal nicht Adrenalin das Mittelchen ist, das ihm am Leben erhält, sondern elektrischer Strom. Insofern heißt es von nun an, Massenmassaker anrichten, die Stadt verschrotten und an allem rumfingern und drüberlecken, was minimum 200 V hat.

Klar, "Crank" war abstrus und vollkommen unmöglich, doch für den zweiten Teil blieb offenbar doch noch Raum für die Übersteigerung in das grotesk Phantastische, ein wie auf Speed gedrehter Wildwuchs, der (bewußt) einem Computerspiel gleicht, bei dem man seine Figur durch die nötigen Level leiten muß, während man aufpaßt, daß genügend Feuerkraft und Gesundheitspunkte bestehen bleiben.
Ohne Pause darf man die nächsten 80 Minuten Chelios durch ein abgefucktes L.A. begleiten, wo er wieder mit seinem Ex-Mediziner-Spezi telefoniert, seine blonde Uschi trifft und gleich auch noch auf der Rennbahn nagelt und sich ansonsten ununterbrochen schießt, prügelt und anderweitig auf die Zerreißprobe stellt. Durchgeknallte Asiaten, fiese Mittelamerikaner, schwule Schwarze und jede Menge albern anbiedernder Behelfsrassismus geben sich die Klinke in die Hand; eine geschmacksfreie Jackass-Action-Variante, der alles egal und nichts heilig ist und die ihren Spaß wohl genau aus dieser zweidimensionalen Ich-scheiß-auf-alles-Haltung bezieht.
Kann man als satirische Grotesk-Karikatur verstehen, kann aber auch als Scheiße-am-Stil bezeichnen, daß genau den gängigen Vorurteilen exploitativ Vorschub leistet, damit das niveaubedenkliche Actionprollpublikum was zu lutschen hat - allein, sogar Actionfans haben so ihre Vorlieben und Qualitätsvorstellungen.

Man muß dem Film sein Dasein wirklich nicht vorwerfen, das Regieduo verhält sich nun mal wie ein Pärchen gehirnberuhigter Konsolenkids, die schon alles gesehen haben, um sich dann durch Mutters Hausapotheke mit den Aufputschmitteln zu fressen und hinterher festzustellen, daß sie neben der neuen Videokamera auch noch ihre prall gefüllte Brieftasche auf dem Küchentisch hat liegen lassen.
Sie dürfen jetzt drehen, wie sie es sehen - und warum auch nicht, selbst wenn man diesem geschmacklosen Optikrausch keine lange Lebenszeit zugestehen wird, zu sehr schmort die Machart im eigenen Saft der Selbstgefälligkeit eines sich auf der Müllkippe der Filmgeschichte bedienenden Obdachlosen.

Sicherlich, die eine oder andere nette Idee ist drin, wenn etwa Chelios und ein Asiate sich in einem Umspannwerk prügeln und dies die Sicht auf einen typischen Godzillakampf in einem Modell-Trafo freigibt. Auch wirkt es charmant bizarr, wenn sich eine Figur mit Ganzkörpertourette das Bild mit der offenbar komplett zugedröhnten und extrem bulimisch wirkenden Bai-Ling teilen muß, die die schlimmste Nervnutte der Filmgeschichte abgibt.
Ansonsten ist alles wie gehabt - exzessive Brutalität, die aber wie weggeworfen visualisiert wird (nicht zelebriert), abgefuckte Charaktere allerorten, bizarre Unmöglichkeiten und das ständige Unterlaufen der tiefergelegten Erwartungen - Actionfilm als finaler Trip.

Manche werden begeistert sein, noch mehr sagen: och ja, da war doch hier und da viel Lustiges drin (sei es nun die endlos ausgewalzte und geblurrte Fickszene auf der Rennbahn samt fliegenden Pferdegemächt, das Abschneider zweier Brustwarzen oder der vielzitierte Schuß durch zwei Silikonbrüste), aber irritiert sind sie wohl ein wenig alle.
Den wahren Spaß haben nur die Regisseure (und vielleicht die Beteiligten, Statham scheint auch gegen solche Grotesken enorm schmerzunempfindlich), die freudig winkend anzeigen, daß sie es schaffen, bis zum Ende der Möglichkeits- und Geschmacksskala zu kommen.
Nur: um ehrlich zu sein, Jungs, nun wissen wir, daß ihr es könnt. Und in der nächsten Zeit sollten vielleicht auch mal wieder andere Themen, Inhalte, Bilder oder Motive zu etwas verarbeitet werden, was eine Halbwertzeit von mehr als zwei Stunden hat.
Mich persönlich hat dieser Overkill nach einer Dreiviertelstunde einfach nur noch ermüdet, die ständige Hysterie und das unausweichliche Sich-alle-fünf-Minuten-Selbstübertreffen sind pubertär und der ganze Film nach Beendigung recht schnell nur ein böser, hektischer Traum, den man niemandem so recht empfehlen kann - außer vielleicht Pubertierenden auf der Suche nach dem nächsten Kick - was so gar nicht zu der satirischen Zitatattitüde paßt, die die Regisseure eventuell in lichten Momenten angestrebt hatten.

"Crank 2" ist nicht dumm, aber er leidet schwer an Übersättigung durch die "Mehr, mehr, mehr..."-Haltung, die er abbildet, ohne je zu sättigen. Aus Asien bin ich Verwandtes ja schon fast gewöhnt, aber die mißbrauchen dafür nicht Jason Statham. Und an manchen Tabus sollte man nicht rühren. (3/10)

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