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Film Noir, Hard Boiled-Detective Story, Hitchcock - was M. Brian King so alles für sein Regiedebut Night Train an Reminiszenzen und Einflüssen nennt, dürfte auch einem gestandenen Filmemacher spätestens im Hinblick auf die Rezensionen seines Werkes eiskalten Angstschweiß auf die Stirn treiben.
Für die Filmkritik sind solche Anspielungen natürlich ein gefundenes Fressen, dass sie nur zu gerne durch den feuilletonistischen Fleischwolf dreht. Da es sich bei dem Film allerdings um eine niedrig budgetierte Direct-to-DVD-Produktion handelt, dürften die meisten Interessenten im Vorfeld lediglich den Klappentext verinnerlicht haben und werden somit den Film nicht an den oben genannten Vorbildern messen, was sowohl für den Konsumenten wie auch den Produzenten zweifellos die bessere Variante ist.

Befreit von diesem filmhistorischen Ballast bekommt man nämlich einen schwarzhumorigen Mystery-Thriller serviert, den man sich für eine Einmalsichtung - sofern man dem erwähnten Genremix nicht abgeneigt ist - durchaus mal vormerken kann.
Der Film beginnt mit einer klassischen Hitchcock-Situation. Nachtschaffner Miles (Danny Glover) lässt einem geheimnisvollen Fremden trotz fehlender Fahrkarte mit dem letzten Nachtzug vor den weihnachtlichen Feiertagen mitfahren. Wenig später liegt der Fremde tot in einem Zugabteil. Vertreter Pete (Steve Zahn) und Medizinstudentin Chloe (Leelee Sobieski) entdecken ein geheimnisvolles Kästchen, das wertvolle Edelsteine enthält und sich mit herkömmlichen Werkzeugen nicht öffnen lässt. Mühsam überreden sie den rechtschaffenen Miles, Leiche und Kästchen verschwinden zu lassen und den Inhalt durch drei zu teilen. Doch schon bald zeigen sich Risse in der wenig gefestigten Dreierbeziehung. Habgier, Misstrauen und verborgene dunkle Seiten bringen das fragile Gleichgewicht ordentlich ins Wanken. Zudem beginnen sich plötzlich auch noch andere Passagiere für die mysteriöse Box zu interessieren ...

Über eine Stunde funktioniert Night Train ganz hervorragend. Ständig gibt es neue Verwicklungen und auch die handelnden Personen machen teilweise erstaunliche Wandlungen durch. Je mehr allerdings der Kriminalplot zugunsten des Mystery-Elements in den Hintergrund tritt, desto mehr verliert die Handlung an Fahrt und Spannung. Ironischerweise scheint der Zug mit zunehmender Laufzeit immer schneller zu fahren und bildet damit (ungewollt) einen klaren Gegenpol zu der immer schleppender erzählten Geschichte.
Ein weiteres Manko ist die Kameraarbeit. Fast die gesamte Handlung spielt im Zug, der aber viel zu hell ausgeleuchtet ist und damit kaum zur düsteren Atmosphäre des Plots passt. Des weiteren wirkt alles etwas zu künstlich. Sämtliche Aussenaufnahmen sind klar als CGI-Material zu erkennen und die Interieurs können ihre Studioherkunft ebenfalls zu keiner Zeit verbergen. Ob dieser artifizielle Effekt nun gewünscht, oder dem niedrigen Budget geschuldet ist, bleibt letztlich ohne Belang. Es funktioniert jedenfalls nicht so recht.

Was den Film neben der spannenden Grundkonstellation dennoch sehenswert macht, sind die zahlreichen bekannten Gesichter. Neben Urgestein Danny Glover, stehen auch noch Steve Zahn, Leelee Sobieski und Matthias Schweighöfer auf der für eine Independent-Produktion äußerst namhaften Besetzungsliste. Vor allem Zahn und Sobieski sorgen mit ihren undurchsichtigen Figuren dafür, dass insbesondere die erste Filmhälfte einen hohen Unterhaltungswert aufweist.

Night Train ist sicher ein Mystery-Thriller der besseren Art, der aber aufgrund seiner künstlichen Optik viel an Atmosphäre einbüsst. Auch das Motiv des Übersinnlichen will nicht so recht mit der Kriminalhandlung harmonieren. Die von Regienovize M. Brian King angekündigten Anleihen beim Matser of Suspense oder der Schwarzen Serie sollte man besser nicht wörtlich und damit als Qualitäts-Gradmesser nehmen. Für einen verschneiten Winterabend ist dieser Nachtzug trotzdem zumindest eingeschränkt empfehlenswert.  

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