Über fünf Jahre ist es nun her, seit Richard Curtis, der gefeierte britische Drehbuchautor sich erstmals auf den Regiestuhl für einen Kinofilm setzte. Curtis, das Mastermind hinter den großen Comedy-Figuren Rowan Atkinsons, wie Mr.Bean und Blackadder und Autor so beliebter Romantikkomödien wie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Notting Hill“ oder „Bridget Jones“ verfilmte damals mit „Tatsächlich.. Liebe“ einen eigenen Stoff, ein Ensemblestück mit vielen kleinen Ideen, die nie für einen eigenen Film gereicht hätten und das Ergebnis war bestenfalls sehr amüsant, wenn auch qualitativ relativ uneinheitlich – wurde jedoch aufgrund vieler bekannter Gesichter trotzdem ein großer Erfolg.
Jetzt hat sich Curtis mit „The Boat that rocked“ dem Rock’n Roll der 60er angenommen und aus der tatsächlichen damaligen Situation in Großbritannien angenommen, daß unter dem staatlichen Radioprogramm leiden mußte, da die allgewaltige BBC Rockmusik größtenteils aus dem Äther verbannte. So entstanden auf Schiffen vor der Küste Piratensender, die die Nachfrage nach dem großen amerikanischen Rock befriedigten: eine ausreichende Blaupause für Curtis herausragenste Qualitäten: skurile Charaktere und komische Situationen.
Ergo poltert hier ein gerade 18jähriger auf einen ausgeflippten Frachter voller durchgeknallter DJs, die das Programm unter sich aufgeteilt haben und dort der fröhlichen Anarchie mitsamt seltsamen Spielen, Alkohol, Drogen und jeder Menge Platten fröhnen. Genau der richtige Ort, seine Jungfräulichkeit zu verlieren und an der großen weiten Welt zu schnuppern.
Mit dieser Umschreibung hat es sich dann auch schon an Plot für diesen zweistündigen Film, der wie sein Vorgänger größtenteils so wirkt, als habe Curtis größte Mühe gehabt, aus vielen kleinen Ideen ein halbwegs geschlossenes Ganzes zu destillieren, in dem Bemühen, den vielen interessanten Figuren gerecht zu werden.
Tatsächlich ist dies Curtis wohl schwammigster Film, der episodisch sich über seine gedehnte Lauflänge streckt, um, wie man meinen könnte, all die Songs unterzubringen, an denen Curtis Herz gehangen hat. Und das sind mit fast vier Dutzend wahrhaftig nicht wenige.
So sollte man den Film wohl auch eher als musikalischen Trip mit einigen Lachern genießen, vollkommen losgelöst wie die Figuren auf diesem Boot, die praktisch in den Tag (oder die Nacht) hineinleben und hauptsächlich ihren Spaß wollen, wenn sie nicht für fünf Pence den Ersatzrevoluzzer spielen. Ständig suhlt sich Curtis in Zwischenschnitten auf die darbende Bevölkerung am beatsumschwängerten Volksempfänger, die nur dank der Wirrköpfe vor der Küste ihre Existenz ertragen können. Musik macht glücklich, also macht alle mit.
Es wäre nur schön gewesen, wenn neben der Anregung, die Tonspur mit einem gepflegten Joint zu genießen, auch etwas mehr Mühe in die Story geflossen wäre. Die Figur des heranwachsenden Carl ist bestenfalls ein Alibi, denn weder kann sich Tom Sturridge auf der Suche nach seinem Vater gegen die namhaften Darsteller behaupten, noch hat der Charakter irgendeine verbindende Funktion zum Publikum – geschweige denn eine Funktion an Bord, wo er die Monate offenbar mit totalem Nichtstun verbringt.
Der Fokus liegt mehr auf den mageren anderen Plotpoints: die verzweifelten Versuche des moppeligen Dave (Nick Frost mal ohne seinen Dauerpartner Simon „Shaun“ Pegg), Carl die Unschuld rauben zu lassen; die kleine Fehde zwischen dem Count (Philip Seymour Hoffman läßt unrasiert endlich mal wieder die Zügel schießen) und dem schrägen Sexidol Gavin (Rhys Ifans kultiviert seine Abgefahrenheit aus „Notting Hill“); eine gescheiterte Ehe an Bord – und nicht zuletzt die poltrigen Versuche des Minister Dormandy (Kenneth Branagh als Inbegriff des haßerfüllten, steifen Konservativen im Büronazistil), die Musikpiraten zu stoppen.
Gerade der letztgenannte Handlungsstrang hätte für etwas Drama sorgen können, aber Branagh muß sich aufführen wie die Figuren in den „Carry On“-Filmen und wird von der Story immer wieder allein gelassen: mehrfach werden Maßnahmen angekündigt, die nie umgesetzt oder genannt werden. Und wenn man ihn mit einer Sekretärin namens Miss Clitt und einem Assi namens „Titten“ (im Original „Twatt“, was sowohl ein Slangbegriff für einen Idioten wie auch altenglisch für die weiblichen Geschlechtsteile ist) straft, hat man das alles wohl von vornherein nicht sonderlich ernst genommen.
Getrieben von einer wackligen Handkamera, die wohl das schlingernde Schiff einfangen sollte, kann man sich wohl nur an den atemberaubenden Kostümen und den durchgeknallten Gestalten (wie immer herrlich: Bill Nighy als steifer UND abgefahrener Onkel Quentin) erfreuen, wenn man nicht sowieso willenlos mitswingt.
Trotzdem ist der Film ein bißchen zu lang und vor allem das wässrige Finale dauert endlos, ohne den dramaturgischen Boden wieder gut machen zu können.
Aber hier soll in erster Linie ein Soundtrack verkauft werden und das gelingt fehlerlos und so kommt der Film gerade so eben noch über die Wassermarke, ohne auf Grund zu laufen. Kein Vergleich zu einen geradezu meisterhaft durchkomponierten Film wie „Four Weddings“ oder Curtis erstem Kinoskript, dem fast vergessenen „Das lange Elend“ (ebenfalls mit Atkinson und Emma Thompon), aber in der lawinenhaften Lockerheit komisch genug, um durchgängig zu unterhalten, sofern man die narrativen Zwänge mal von sich getanzt hat.
Solide 7/10.