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Der Calvinismus ist eine seit dem 16. Jahrhundert bestehende, reformistische religiöse Bewegung, dessen Eigenart in der Prädestinationslehre, soll heißen: der Vorherbestimmtheit liegt. Es ist schon von vornherein festgelegt, ob sich ein Individuum auf dem Weg zur Hölle oder auf dem Weg zum Himmel befindet. Diese Dichotomie findet sich auch in Hardcore wieder: Die geordnete heile Welt, in der Familie und eine calvinistische Erwerbsethik (Arbeit als Zweck des Lebens) hoch gehalten werden, steht einer verkommenen, ruchlosen Gesellschaft entgegen, welcher Moral und Würde Fremdworte zu sein scheinen.

Paul Schrader, bekannt geworden durch sein Skript zu Taxi Driver, beginnt seine zweite Regiearbeit im ersteren Milieu. In der amerikanischen Provinz wird Weihnachten gefeiert, es gibt Truthahn, die große tiefreligiöse, calvinistische Familie sitzt beisammen, bevor Familienvater und Fabrikbesitzer Jake VanDorn (George C. Scott, der 1971 seinen Hauptrollen-Oscar für Patton ablehnte) seine Tochter Kristen (Ilah Davis) in die Weihnachtsferien zu einem Treffen junger Calvinisten verabschiedet. Kurze Zeit später jedoch erhält er einen Anruf: seine Tochter wird vermisst. VanDorn heuert einen schmierigen  Privatdetektiv namens Andrew Mast (Peter Boyle) an, der seine Tochter aufspüren soll. Mast wird fündig: Er entdeckt Kristen in einem Pornofilm. VanDorn kann es nicht fassen und er geht selbst der Sache nach, die ihn tiefer und tiefer in die verdorbene Sexkultur einführt, von deren Existenz der asketische Mann bis dahin nichts wusste.

Der deutsche Untertitel „Ein Vater sieht rot" drückt dabei recht deutlich aus, worum es gehen soll: um Selbstjustiz. VanDorn ist jedes Mittel recht, seine Tochter ins behütete Heim zurück zu holen - ohne zu bedenken, dass sie sich eventuell auch freiwillig diesem biederen Prüderie-Idyll ihres Elternhauses entledigt haben könnte. Zwar kommt hin und wieder in Anflügen eine Gesellschaftskritik zum Tragen und in einer Szene mit einem Mädchen im Motel wird die zentrale Bedeutung von Sex, auf welchen die Gesellschaft aufgebaut und mit dem sie durchdrungen sei, klar herausgestellt, doch diese kritischen Ansätze werden zugunsten einer reißerischen Inszenierung nie weiter vertieft.

George C. Scott, der sich in seiner Rolle als verzweifelter Familienvater der sich nur widerwillig in den schmutzigen Porno-, Sex- und Perversionensumpf begibt, in den seine Tochter hineingeraten ist, müht sich in seiner Rolle zwar redlich, verliert aber den direkten Vergleich mit dem Vorbild des in seinem Handeln konsequenteren Charles Brosnan in Death Wish deutlich. Und das, obwohl auch der Subtext von Hardcore ein zutiefst politisch-imperalistischer ist. Der brave, gläubige Familienvater, der seine Werte von außen angegriffen fühlt und sich deswegen verteidigen und Anderen seine Wertmaßstäbe aufdrücken muss: all das ist tiefste republikanische Ideologie. Dazu ein Zitat von VanDorn aus dem Tischgebet vom Festtagsessen: „Wir bitten dich auch im kommenden Jahr, über uns zu wachen, uns zu beschützen vor Not und Gefahr, so es dein Wille ist. Beschütze auch überall auf der Welt unsere Missionare, die ihren Dienst tun. Amen.". Bewahrung religiöser Werte und Legitimation für imperialistische Machtausübung scheinen im amerikanischen Selbstverständnis miteinander einher zu gehen.

Dabei ist jedoch der Weg, der gegangen wird, nicht der über das Gesetz. Die Polizei offenbart sich schon gleich zu Beginn der Suche nach VanDorns Tochter als hilf- und nutzlos, andere Alternativen müssen her - und das ist dann natürlich das Nachforschen auf eigene Faust in einer unbekannten Sub-Kultur, die sich vordergründig nur etwas schmutzig und anrüchig aber kaum verwerflich gibt, hintergründig jedoch als gefährlich, Menschenwürde verletzend und als eine unerwünschte, entartete Form des bisher in allen Poren hochgehaltenen Kapitalismus entpuppt. Die klassische Industrie und das Handwerk, von denen VanDorn mit seiner Fabrik ein Vertreter ist, sind einer modernen gewichen, die mit Frauen und deren fleischlichen Reizen handelt. Die Sexuelle Revolution hat ihre Schattenseiten durch eine Übersättigung der Gesellschaft mit Sex offenbart und der konservative VanDorn versucht eher gegen das System als solches ganz im Sinne der amerikanischen Wildwest-Mentalität anzugehen, als liberal und vernünftig zu sein und sich mit ihm zu arrangieren oder andere Lösungen zu finden. Das alles kumuliert in der Doppelmoral des Films: Einerseits der Versuch einer Gesellschaftskritik, andererseits der Versuch, mit nackter Haut und schmuddeligen 8-Millimeter-Filmstückchen Eyecatcher für sein Publikum zu produzieren. Ja, Hardcore war ein großes Vorbild für den Snuff-Movie-Thriller 8 MM mit Nicolas Cage, aber es sagt ja schon alles aus, wenn sich 20 Jahre später ein eher fragwürdiger Filmemacher namens Joel Schumacher an einem solchen Film bedient: In ihren Qualitäten als Möchtegern-Reißer sind sich beide Filme ähnlich.

Gegen den düsteren und in Ansätzen abgründigen 8 MM verliert Hardcore jedoch in Sachen Atmosphäre. Ein paar rote, grüne oder blaue Blenden in den anrüchigen Etablissements, in denen Sex als Geschäft gesehen wird und die nur selten eingesetzte, stimmige Filmmusik sind zwar zu betonen, aber ansonsten ist der Film arm an Tempo und schleppt sich dahin. George C. Scotts Figur wird abseits seines Glaubens und seiner Religion, die er einem leichten Mädchen in Form seiner angeheuerten Begleiterin ein ums andere mal ebenso wie sein Verhältnis zu Sex erklären darf, keine weitere Dimension hinzugefügt. VanDorn gibt schließlich vor, Pornoproduzent zu sein und veranstaltet im schmuddeligen Motelzimmer - in denen sonst Pornos gedreht werden - Castings, immer in der Hoffnung, eine Spur zu finden. Er taucht selbst in die fremde Welt, die ihm so zuwider ist, ein und will dennoch weiterhin der moralische Saubermann sein. Seine Frau hat ihn verlassen und er geht seinem einzigen Lebensziel nach, das er jetzt noch zu haben scheint: das Finden seiner Tochter - auch wenn die sich vielleicht gar nicht finden lassen will. Mehr erfahren wir nicht, psychologische Durchdringung der Figuren ist vom mäßig spannenden, aber zumindest als authentisch anmutende Milieustudie durchgehendem Film Hardcore, der lieber plakativ als intensiv sein will, nicht zu erwarten.

So wundert es auch nicht, dass sich Paul Schrader mit einem unbefriedigenden angedeuteten Ende um die geratene Rückkehr in die eigene, heile Welt aus der Affäre stiehlt und unvermittelt endet. Zumindest ich hätte generell gern etwas mehr Konsequenz und Konflikte gesehen. Doch die liefert Schrader fernab seiner pseudo-reißerischen Motive der Inszenierung und flacher Charaktere nicht. Das ist schade - oder Konvention. Je nach Betrachtungswinkel (5/10).               

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