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In seinem letzten traditionellen Western, „Pat Garrett jagt Billy the Kid“, inszenierte Sam Peckinpah erneut Legenden des Wilden Westen als Relikte einer vergangenen Zeit, so wie er es in seinem größten Erfolg, „The Wild Bunch“, bereits getan hatte.
Bereits der Auftakt zeigt das Ende von Pat Garrett (James Coburn), zumindest in der restaurierten Fassung. Als angegrauter Cowboy wird er auf fast banale Weise abgeknallt, nicht in einem heroischen Duell, während Gegenschnitte zu einer anderen Schießerei überleiten, die am Anfang der Haupthandlung steht: Billy the Kid (Kris Kristofferson) schießen auf bis zum Hals im Sand eingegrabene Hühner als Übung, die Grausamkeit und Banalität in einem ist. Die Assoziationen sind mannigfaltig: Als erschieße der zu diesem Zeitpunkt schon tote Billy den alten Pat, der wiederum fast so wehrlos wie die Hühner ist, als seine Gegner ihn überfallen.
Zu der Hühnerschießerei gesellt sich der junge Pat hinzu, auch um seinen Freund und früheren Banditenkumpel Billy vorzuwarnen: In sechs Tagen wird Pat das Amt des Sheriffs antreten und dann muss der gesuchte Billy verschwunden sein. Denn wie in vielen Western im Allgemeinen und bei Peckinpah im Speziellen ist der Kodex unter Männern eines der Hauptthemen: Pat will sowohl dem Gesetz treu bleiben als auch seinem alten Freund, was aber unvereinbar ist, deshalb können sie sich nur räumlich entfernen. Denn Pat glaubt an sein Amt, das ihn vor allem zur Verteidigung von Ranchern wie Chisum (Barry Sullivan), noch einer Legende des Wilden Westen, aufruft.

Doch Billy hört nicht auf seinen alten Freund, wird verhaftet und flieht wieder. Von da an artet das Ganze in einen Kleinkrieg zwischen den beiden aus, in dem jeder Verbündete sucht, in dem Pat den Outlaw Billy bestrafen will und Billy Pat, weil dieser schließlich auch einer von ihnen ist oder war…
Dies ist das Ringen zwischen zwei Sturköpfen, der eine prinzipientreu und älter, der andere mit einer Mischung aus jugendlichem Leichtsinn und Trotzigkeit. Die aber beide doch Skrupel haben einander zu töten: Während sie die Helfer des anderen ohne viel Federlesen erschießen, darunter auch manche Seitenwechsler und alte Bekannte, da scheinen sie in der Konfrontation nie den Tod des anderen zu wollen. Und selbst wenn Pat schließlich Billy erschießt, dann nur mit großer Traurigkeit, mit einer Totenwache bei dem Erschossenen und in dem Wissen, dass er für viele einen Volkshelden erschossen hat. Denn an Leuten wie Chisum lässt der Film kaum ein gutes Haar, präsentiert sie als skrupellose Geschäftsmacher, die einerseits Banditen wie Billy vom Gesetz jagen lassen, andrerseits munter das Gesetz verstoßen, wenn sie gegen Mexikaner und ärmere Amerikaner bei der Vergrößerung ihres Landes vorgehen.
Es ist ein Abgesang auf die Mythen des Western: Die Helden sind alt geworden und die Zuordnung zu den Kategorien Gesetzeshüter und Outlaw scheint eine willkürliche zu sein, gerade an der Figur des Pat Garrett zu sehen, der die Seiten wechseln kann, während sein Weggefährte Billy ein Bandit bleibt. Sesshaft werden, in den Ruhestand gehen, das können sie nicht, obwohl die Chancen da sind – doch alle sind zu verfahren in ihren Wegen, eine sterbende Art, die sich selbst bei besagtem Aussterben hilft. Das bebildert Peckinpah in teilweise poetischen Momenten, etwa wenn Pat mit einem alten Bekannten und dessen Frau jemanden befragen will, es zum Feuergefecht kommt, der Gegner sowie Pats Bekannter sterben, Pat aber überlebt und nur noch daneben stehen kann, während die Gattin um ihren Mann trauert. Dem sie schon von Anfang an gesagt hatte, dass sie ein schlechtes Gefühl bei der Sache habe. Im Hintergrund spielt Bob Dylans „Knocking on Heaven’s Door“.

Bob Dylan sorgte nicht nur für die Musik in „Pat Garrett jagt Billy the Kid“, sondern spielt auch selbst mit, eine Nebenrolle als Billy bewundernder Messerwerfer. Dabei schlägt der Musiker sich wacker, doch der Film gehört seinen Hauptdarstellern: James Coburn gibt eindringlich den müden Helden, dem nur noch sein Kodex bleibt, während Kris Kristofferson Billy mit einer jugendlichen, manchmal durchaus zynischen Frechheit spielt, die vermittelt, warum an den Revolverhelden „The Kid“ nannte. Bekannte (Western-)Gesichter wie Jason Robards, John Beck oder Richard Jaeckel tauchen in markigen Nebenrollen auf, doch sie bleiben Support für die beiden Hauptdarsteller.
Bekannte Peckinpah-Trademarks wie blutige Einschüsse in Zeitlupe (unter anderem verursacht durch eine mit Münzen geladene Flinte) sowie der Abgesang auf das Männerbild des Wilden Westens finden sich zuhauf in diesem Film, der aber weniger Zug als beispielsweise „The Wild Bunch“ hat, gelegentlich etwas episodenhaft wirkt, wenn sich nicht Pat und Billy selbst treffen, sondern sie auf Vertreter der Gegenseite stoßen und es zwangsläufig zur Konfrontation kommt. Das wirkt gelegentlich regelrecht bizarr, etwa wenn Pat Alias (Bob Dylan) dazu zwingt die Aufschriften von Dosen vorzulesen, während ein anderer Bandit Karten mit ihm spielen muss, wiederholt sich aber etwas mit den Szenen des Sich-Betrinkens, des Sich-Belauerns und des Beisammenseins, das urplötzlich in gewalttätigen Konflikt umschlagen kann – egal wer von welcher Seite gerade da ist, so willkürlich die Parteienbildung auch ist.

Ein starker Abgesang auf den Wilden Westen in seinen letzten Tagen, auf Legenden und das, was sie oft verschweigen, das ist Peckinpah nicht zuletzt dank stimmungsvoller Bilder und eines hervorragenden Soundtracks von Bob Dylan gelungen. Sicher, sein Film ist mehr mit auf die Stimmung und den Subtext als auf eine komplexe Handlung oder ein hohes Tempo konzentriert, aber als derartiges Stimmungsbild ist „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ schon ziemlich stark.

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