Roland Klicks „Supermarkt“ aus dem Jahre 1973 ist als Milieustudie angelegt sicherlich ein typisches Kind seiner Zeit. In Hamburg spielend, mag aus heutiger Sicht aber der dokumentarische Stil irritieren, der auf Erklärungsversuche für Willis Verhalten, der minderjährig von zu Hause abgehauen ist und sich auf der Straße durchzuschlagen versucht, weitestgehend verzichtet und auch keine aufregenden Plottwists oder Pointen liefert. Daher fällt es dem Zuschauer schwer, sich mit Willi zu identifizieren und er muss erkennen, dass es sich bei „Supermarkt“ nicht unbedingt um einen sozialpädagogischen Problemfilm handelt. Dennoch sind Ansätze von Sozialkritik durchaus vorhanden, so z.B. in der Figur des um Gutmenschentum bemühten Journalisten, bei dem sich der Verdacht erhärtet, dass er Willi nicht um seiner selbst wegen, sondern vielmehr zur Stärkung seines von aufgrund seines im Bürgertum angelangten gesellschaftlichen Standards vom schlechten Gewissen geplagten Egos helfen möchte – sehr zum Leidwesen seiner entnervten Lebensgefährtin. Am beeindruckendsten aber ist das im Laufe der Jahrzehnte bestimmt zu einem der größten Boni des Films gereifte Zeit- und Lokalkolorit in Form der Trostlosigkeit eines miefigen, hässlichen Deutschlands zu Beginn der 70er Jahre, das hervorragend zur desillusionierenden Handlung des Films passt. Weitere Authentizität erlangt „Supermarkt“ durch den Umstand, dass normale Passanten häufig unwissend und unfreiwillig als Komparsen herhalten mussten. Seinerzeit vermutlich aus der Not heraus geboren, heute ein interessantes Detail, das den dokumentarischen Stil verstärkt. Während der Zuschauer den Werdegang des Protagonisten mal mehr, mal weniger kopfschüttelnd, dann und wann auch verständnisvoll verfolgt, reitet dieser sich mehr und mehr in die sprichwörtliche Scheiße und macht Erfahrungen mit Jugendamt, Straßenstrich und Kriminalität. Statt eines Happy Ends präsentieren uns Klick und sein hervorragender Kameramann Jost Vacano, der u.a. rasante, schnittfreie Kamerafahrten realisierte, eine symbolträchtige, atmosphärische Schlusssequenz, die in ihrer ausweglosen Monotonie den richtigen Schlusspunkt hinter die Geschehnisse setzt. Interessant übrigens das Mitwirken des seinerzeit noch unbekannten Marius Müller-Westernhagens, der nicht nur Willi seine Synchronstimme lieh, sondern auch den sehr stimmigen, melancholischen Titelsong „Celebration“ einsang. Als Fazit möchte ich Roland Klicks „Supermarkt“ als nicht unbedingt lebensbejahendes, ungewöhnliches und eigenständiges Stück Film bezeichnen, das den Zuschauer mit einer nicht immer leicht nachvollziehbaren Handlung auf die Probe stellt und wegen seines Einblicks in eine vergangene Zeit heute vielleicht sogar interessanter als damals ist.