Review

SUPERMARKT

(SUPERMARKT)

Roland Klick, BRD 1974

Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!


Deutsches Autorenkino aus den Siebzigern: Ein Film von Roland Klick, der zumindest in Kritikerkreisen als sehr interessanter Künstler gefeiert wird, obgleich er nicht allzu produktiv war und seine Arbeiten beim breiten Publikum nur wenig Beachtung fanden. Dies hier ist (neben dem Neo-Western Deadlock) die renommierteste unter ihnen.

Unser Held Willi ist ... aber nein. Willi ist kein Held. Er ist so weit davon entfernt, ein Held zu sein, wie man nur sein kann. Sagen wir also: Unser Protagonist Willi ist ein junger, noch nicht einmal volljähriger Mann, der ohne Unterkunft und ohne Einkommen durch ein an Trostlosigkeit kaum zu überbietendes Hamburg irrt und sich nicht zu schade dafür ist, das Trinkgeld von den Tellern der Toilettenfrauen zu stehlen. Als ihm unterwegs ein Polizeiauto begegnet, ergreift er schon einmal rein präventiv die Flucht, wird aber gestellt und landet auf dem Revier. Da ihm nun die Heimeinweisung droht, flüchtet er erneut und sucht den Journalisten Frank auf, der ihm auf dem Revier seine Karte zugesteckt hatte.

Frank will sich im Rahmen seiner Arbeit sozialen Aspekten zuwenden und scheint auch darüber hinaus ehrlich hilfsbereit zu sein – er gewährt Willi zumindest vorübergehend das Bleiberecht in seiner Wohnung und will sich um einen Job für den jungen Mann bemühen. Der aber tritt diese Chance mit Füßen, hat nichts Besseres zu tun, als sich Franks Sportwagen „auszuleihen“ und ist bald wieder auf der Straße unterwegs, wo er auf den schmierigen Kleinganoven Theo trifft, der ihn für seine kriminellen Pläne gewinnen kann: Willi soll als vermeintlicher Stricher Kunden aufgabeln und in dunkle Ecken locken, damit Theo sie dort überfallen kann. Das geht freilich schon beim ersten Versuch voll daneben – Willi macht einen Rückzieher, gerät darüber mit Theo aneinander, tötet diesen um ein Haar und landet schließlich in der Luxusvilla eines steinreichen Homosexuellen. Auch hier könnte er bleiben und es sich gut gehen lassen, aber nicht zuletzt in Anbetracht der von ihm erwarteten Gegenleistung ergreift er am nächsten Morgen ein weiteres Mal die Flucht.

Kurz darauf landet er erneut beim engagierten Frank und bekommt mit dessen Hilfe einen Job in einer Autowerkstatt, den er aber binnen kurzer Zeit wieder verliert. Arbeit ist nicht Willis Sache. Das Einzige, was seinem Leben einen Sinn und seinem Treiben ein Ziel verleiht, ist die aufkeimende Beziehung zur Prostituierten Monica, die ihm eines Abends stockbesoffen in ihrem eigenen Erbrochenen auf der Straße entgegengekrochen ist. In dieser Sache meint es Willi tatsächlich ernst: Er will Monica aus ihrem Job und ihrem würdelosen Leben herausholen. Dumm nur, dass er dafür Geld braucht, und zwar eher mehr als weniger Geld – und dass es für ihn nur einen einzigen Weg gibt, um an eher mehr Geld heranzukommen. Daher tut er sich erneut mit dem versoffenen und wie zur Bestätigung seiner Erbärmlichkeit in einer alten Fabrikruine hausenden Theo zusammen, um ein großes Ding zu drehen – die beiden wollen einen Geldtransporter überfallen, während die Einnahmen eines Supermarktes abgeholt werden. Dass so etwas bei Leuten wie ihnen kein gutes Ende nimmt, versteht sich von selbst ...

Oder? Immerhin kann man kann die sehr schöne, wenn auch qualitativ minderwertige Schlusseinstellung dieses Films (Willi läuft mit einer Aktentasche voller Geld zwischen zahlreichen fast uniform gekleideten anderen Aktentaschenträgern durch einen Tunnel) durchaus auf zweierlei Weise interpretieren. Allerdings neigt man fast instinktiv dazu, die offenkundigere, ins vorprogrammierte Unglück (sprich den Knast) führende Variante zu wählen. In einem Film wie Supermarkt wollen die Dinge nämlich für niemanden glücklich enden.

Was aber ist Supermarkt überhaupt für ein Film? Nun, das ist schwer zu sagen. Ein Sozialdrama, was naheliegend erscheint, ist er jedenfalls nicht. Roland Klick, der seine Arbeit eher als eine Art Bewegungsstudie versteht (und Willi daher ständig vor irgendwem oder irgendetwas davonrennen lässt), interessiert sich herzlich wenig für tiefer gehende Betrachtungen und nimmt nicht die Gesellschaft für das von ihm geschilderte Geschehen respektive Willis Situation in Haftung (auch wenn Hauptdarsteller Charly Wierczejewski in einem Interview auf schlimme Zustände in bundesdeutschen Erziehungsheimen verweist, in denen er einige Zeit zugebracht hatte). Natürlich kann man sich die Dinge mit etwas Mühe auch in eine kritische Richtung zurechtbiegen, aber im Kern ist Supermarkt ein unpolitischer Film. Willi ist kein Opfer gesellschaftlicher Verwerfungen, sondern einfach ein planlos durch seine Tage treibender, zu konstruktivem Denken und Tun unfähiger und damit letztlich dem Verderben entgegentaumelnder junger Mann. Ein Verlorener – aber kein Verlierer: Um zum Verlierer zu werden, muss man schon etwas gewonnen beziehungsweise erreicht haben oder wenigstens anstreben, etwas zu gewinnen beziehungsweise zu erreichen. Willi strebt nichts an – zumindest bis er Monica kennenlernt. Aber auch danach ist er auf dem falschen Weg unterwegs.

Und Willi ist auch die mit Abstand größte Hürde, über die man hier als Zuschauer springen muss: Es gibt schon von vornherein nichts, was für ihn spricht, und sein hirnloses und zunehmend kriminelles Handeln steht einem ungetrübten Verhältnis zu ihm auch später entgegen (schlussendlich wird er zwei Menschen ermordet haben). Mit etwas Wohlwollen kann man ihn als Außenseiter betrachten – ein weitreichender Begriff, der auch Figuren wie seine einschließt. So lässt sich Supermarkt, um auf die oben gestellte Frage zurückzukommen, also recht gut als Außenseiterdrama bezeichnen. Mehr noch handelt es sich indes um einen ganz schlichten Genre-, sprich Gangsterfilm. Mich hat er bisweilen ein wenig an die frühen Arbeiten von Takashi Miike erinnert – nicht etwa aufgrund einer überzogenen Gewaltdarstellung (auch Supermarkt scheut sich nicht vor Gewalt, bleibt aber bei ihrer Darstellung sehr zurückhaltend), sondern mit Blick auf den Fatalismus und die allgegenwärtige Trostlosigkeit, die ihm anhaften wie Pech.

Und diese Trostlosigkeit äußert sich nicht nur im Inhalt, sondern auch und sogar ganz besonders in den Bildern: Was wir hier von Hamburg zu sehen bekommen, ist einfach nur deprimierend. Dabei wirken die gewählten Schauplätze (die angesprochene Fabrikruine, zahllose keimige und vermüllte Ecken von St. Pauli, verschlammte Freiflächen zwischen leer stehenden und abbruchreifen Altbauten, aber auch ganz „normale“ und dennoch im allgegenwärtigen, tonnenschweren Grau versinkende Straßen) niemals ausgestellt, sondern ganz authentisch. Hierin findet der Streifen auch seinen entscheidenden Vorzug: Er vermittelt uns nachgerade dokumentarisch wirkende und darin auch zutiefst verstörende Rückblicke auf die Siebzigerjahre.

Zur Optik, die nun schon einmal angesprochen ist, soll noch hinzugefügt werden, dass es sich bei der vorliegenden Fassung um die neue und liebevolle HD-Abtastung des Streifens durch die Filmgalerie 451 handelt: Die Bildqualität ist in Sachen Sauberkeit und Schärfe verblüffend gut. Dass sich die Farben, falls sie jemals da waren, bereits bis auf einige unentschlossene Überbleibsel verabschiedet haben, steht auf einem anderen Blatt. Und ganz ehrlich: Ein unerschütterliches Grau gehört hier einfach dazu.

Darsteller gehören auch dazu, und die machen ihr Ding sehr ordentlich. An ihrer Spitze steht Charly Wierczejewski als Willi – ein Laie, der sich im Prinzip auch ein wenig selbst spielt, denn seine Biografie ähnelt der seiner Figur in einigen Punkten ganz erheblich. Seine Vorstellung wirkt auch durchweg laienhaft, aber das ist ein weiterer Aspekt, der dem Film eher nutzt als schadet. Noch mehr Nutzen zieht er aus dem Mitwirken der wunderbaren und per se über jeden Zweifel erhabenen Eva Mattes, die als Monica zu sehen ist. Darüber hinaus wird der kriminelle Theo von Walter Kohut sehr glaubwürdig verkörpert, Hans-Michael Rehberg macht seine Sache als schwuler Villenbesitzer ebenfalls tadellos, so gruselig er auch daherkommen mag, und einen wunderbaren Kurzauftritt hat Alfred Edel als Franks erregter Chefredakteur. Michael Degen konnte mich als Journalist Frank hingegen nicht wirklich von seiner Figur überzeugen und steht in den gemeinsamen Szenen mit Eva Schukardt, die Franks Freundin mimt, sehr deutlich in deren Schatten. Einen Score beziehungsweise Soundtrack gibt es schließlich auch noch. Er besteht lediglich aus einem einzigen Song – dem von Marius Müller-Westernhagen gesungenen Titel „Celebration“, welcher allerdings sehr häufig eingesetzt wird und auch gar nicht so übel ist. Unter dem Strich darf man ihn als Bereicherung dieses Films betrachten.

So bleibt ein sprödes, weitgehend konventionell angelegtes, erfolgreich um Authentizität bemühtes, von wenig einnehmenden (aber nie abwertend behandelten) Figuren geprägtes und in allerfeinste bundesdeutsche Siebzigerjahre-Tristesse eingebettetes Gangsterdrama, das bei Weitem nicht so viel zu sagen hat, wie man mutmaßen durfte, als nüchterne Milieustudie und Vertreter seines Genres aber tadellos funktioniert. Ich für meinen Teil habe Roland Klicks Arbeit zudem als sehr wahrhaftig und wohltuend unaufdringlich empfunden (gerade im naheliegenden Vergleich mit der gelegentlich arg überzogenen Fassbinder’schen Betroffenheits- und Botschaftsschwere), weshalb meine Beziehung zu Supermarkt eine ausgesprochen gute war – so trostlos dieser Film auch sein mag. Ich werde auf jeden Fall dabei sein, wenn mir wieder einmal etwas von Roland Klick über den Weg läuft.

(05/24)

7 von 10 Punkten.





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