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„Tut mir leid, dass mein Leben so eine Tragödie ist!“

„White Lightnin‘“ – das ist das Spielfilmdebüt und gleichzeitig der bis dato einzige Spielfilm des Briten Dominic Murphy, der im Jahre 2009 auf diversen Filmfestivals polarisierte. Das pseudobiographische Drama fußt ganz lose auf dem Leben des als „Dancing Outlaw“ in den USA bekannten Tänzers Jesco White, der ebenso wie der Protagonist dieses Films mit Depressionen, Alkohol- und Drogensucht und Armut zu kämpfen hatte, dem jedoch keine Morde nachgesagt werden.

Jesco White (als Jüngling Owen Campbell, „Betty Anne Waters“, als Erwachsener Edward Hogg, „Alfie“) wurde in den 1950ern als Sohn eines Stepptänzers geboren und kam schon früh vom rechten Weg ab bzw. mit Rauschmitteln in Berührung. Die Konsequenz war, dass er im Jugendarrest landete und eine beachtliche Drogenkarriere einschlug, was ihn schließlich sogar ins Irrenhaus brachte. Als er jedoch den festen Entschluss fasste, es seinem Vater gleichzutun und den Drogen-Teufelskreis gegen eine Stepptanzkarriere einzutauschen, scheint sich sein Leben endlich zum Guten zu wenden: Begleitet von seiner Freundin Edyn alias Priscilla (Carrie Fisher, „Krieg der Sterne“) und seinem Musiker Bob tingelt er durch die Lande und bringt es zu Achtung und Erfolg. Doch seine Psyche ist noch immer äußerst fragil und schließlich verliert er wieder die Kontrolle…

Mit einigen Stepptanz-Bildern aus dem TV fängt der in Schwarzweiß gedrehte „White Lightnin‘“ ganz harmlos an, doch beginnt White, aus dem Off von seiner verkorksten Kindheit zu berichten, von Jugendknast, Drogen und Klapse. „White Lightnin‘“ nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in die Südstaaten, auf Stepptanztourneen, Musik, Kultur – und in die tiefen Abgründe eines Menschen, der das unverarbeitete Trauma des Mords an seinem Vater mit sich als Bürde herumträgt und aufgrund seiner Sozialisation stets an der Grenze zum Wahnsinn steht, die er immer wieder überschreitet. Im Folgenden sehe ich mich zu Spoilern gezwungen:

Der Zuschauer fiebert mit White, dass er sein Leben in den Griff bekommt und immer wieder sieht es gar nicht so schlecht aus: White lernt seine Frau kennen, befindet sich mit ihr auf Tournee und scheint nicht nur sein Leben halbwegs geordnet zu bekommen, sondern sich auch seine Träume zu erfüllen. Doch gibt es auch Konfrontationen mit Rassismus, Eifersucht, Gewalt und immer wieder herbe Rückschläge. Als Priscilla mit einem Schwarzen herumfeixt, bedroht White ihn mit einer Pistole, besäuft sich und verstümmelt sich schließlich selbst. Irgendwann gibt es keine Tourneen mehr, nur noch Alltag mit Priscilla. White wird rückfällig und dreht erneut durch. Er ist schließlich getrieben davon, den Tod seines Vaters zu rächen, tötet jedoch auf sadistische Weise im Drogenrausch die Falschen. Auch ein Polizist wird Opfer seines Wahns, bis er sich im endgültigen Delirium mit der Leiche unterhält, die er für Gott hält und in einem finalen, mit religiöser Symbolik aufgeladenen Ego-Showdown Buße tut, indem er sich wieder selbst, diesmal endgültig, verstümmelt und seine eigenen Körperteile isst, bis er stirbt.

Murphy mutet seinem Publikum in teils surreal anmutenden Szenen die volle Härte psychischer Abgründe und ihrer physischen Folgen zu, in denen Edward Hogg als Charakterdarsteller schauspielerisch brilliert. Das Ambiente ist düster und geprägt von Hoffnungslosigkeit, gegen die White immer wieder wacker ankämpft, bis er von seinen eigenen Dämonen eingeholt wird und letztlich verliert. Diese Tour de Force ist ein unweigerlicher Ritt in den Abgrund, die Murphy in konsequent erschreckenden Bildern ohne Rücksicht auf eventuelle Befindlichkeiten seines Publikums illustriert, dabei gern die Grenzen zum Effekthascherischen touchiert, jedoch auch nichts verschleiert. Dabei ist dieses persönliche Drama niemals mit einem Gewaltporno zu verwechseln, zu sehr bleibt Murphy einem stets nachvollziehbaren Realismus verhaftet, zu nah an der fragilen Persönlichkeit seines Protagonisten, der – wie so oft im Leben – Opfer und Täter zugleich ist, eine bemitleidenswerte, aber auch verabscheuungswürdige, letztendlich zutiefst tragische Figur, die andere mit in ihren Sog des Zerfalls zieht. Musikalisch untermalt von krankem Trash-Country und Südstaaten-Garage wird die Genre-Grenze zum Backwood-Psycho-Thriller mehrfach überschritten.

Murphy kann sich der faszinierenden, fesselnden Wirkung auf den Zuschauer sicher sein, was auch der Grund dafür sein dürfte, dass sein hochambitioniertes und zugleich pessimistisches Werk nicht nur auf Zuspruch, sondern auch auf offene Ablehnung stößt. Wer sich „White Lightnin‘“ öffnet und unbefangen an ihn herangeht, wird indes lediglich dem Finale eine künstlerische Überzeichnung attestieren können, dessen Symbolhaftigkeit als solche eindeutig erkennbar ist und den Prozess der Selbstzerfleischung eindrucksvoll visualisiert. Insofern habe ich lediglich Bauchschmerzen dabei, dass für diese doch stark von der tatsächlichen Vita Whites abweichende Südstaaten-White-Trash-Erzählung dessen Realname verwendet wird und damit mehr Parallelen suggeriert werden, als tatsächlich vorhanden sind. Doch davon abgesehen ist Murphy ein Magenschwinger gelungen, der mehr zu bieten hat als übliche Downer...

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