Review

Auch wenn er es längst nicht mehr nötig hatte: Mit diesem Film lieferte Sergio Leone wieder einmal den Beweis ab, dass er einer der besten Regisseure überhaupt war.
Wieso? Antwort folgt.

Zum einen schafft er es, auf brillant verschachtelte Art und Weise, eine relativ langweilige Geschichte, die wenn in der richtigen Chronolgie erzählt, eigentlich wohl einfach nur zäh rübergekommen wäre, so dass ein falsches Gefühl der Spannung erzeugt wird. Dadurch gelingt es dem Film, seinen Zuschauer in seinem Bann gezogen zu halten, weil er ja von vornherein weiß, dass etwas ganz schreckliches passieren wird. Und das gelingt Leone fast vier Stunden lang, andere Regisseure hätten nach knapp zwei Stunden versagt.
Denn machen wir uns nichts vor, diese Geschichte, die hier erzählt wird, ist nicht halb so komplex wie zum Beispiel der Pate, dennoch gelingt es Leone, einen von der ersten bis zur letzten Minute zu fesseln.

Zum anderen gelingt es Leone auf seine ihm typische Art und Weise, einen derart derben Zynismus in seine Erzählung zu packen, dass bei jedem anderen Regisseur, die Moral der Erzählung  extrem sauer aufschlagen würde, doch nicht so bei Leone, bei ihm wirkt es eher extrem männlich (bzw. in manchen Fällen Frauenfeindlich, dazu später etwas versteckt mehr...).

So ist es auch manchmal verwunderlich, dass ausgerechnet die von DeNiro verkörperte Figur als Identifikationsfigur ausgewählt wird, noch verwunderlicher ist auf den ersten Blick, dass man auch noch Sympathien mit ihm hat, denn objektiv betrachtet ist seine Figur extrem schäbig:
Zum einen vergewaltigt er seine große, seine Jugendliebe nach einem anfangs romantisch anmutenden schönen Abend.
Dann verrät er seine Freunde an die Polizei, was zu deren Tod führt, dafür benutzt er auch noch die gutgläubige Freundin seines besten Freundes.
Auch sonst ist er eher eine scheinheilige Figur, die die ganze Zeit über im Fahrwasser seines Freundes mitfährt, alles mitmacht, was dieser vorschlägt.
Erst als er denkt, er könne es sich langsam gemütlich machen, verrät er ohne mit der Wimper zu zucken, alles woran die Freunde angeblich die ganze Zeit über geglaubt hatten.
Dass man Sympathien für so eine Figur entwickeln kann, liegt nur an Leones meisterhafter Regie. Das soll jetzt nicht DeNiros Spiel schmälern, in Wahrheit ist es eine seiner besten Rollen, doch auch James Woods spielt wie im Rausch, ja eigentlich spielt er DeNiro sogar an die Wand. Aber Leone gelingt eseinfach auch dadurch, dass er sämtliche Charaktere ihrer Einfachheit beraubt, jeder in diesem Film ist ein komplex durchstruktiererter Egoist, nur allzu menschlich, und lediglich derjenige, der am wenigsten "monströs" erscheint, erfährt unsere Sympathien.

Das wiederum bringt uns zum eigentlichen Hauptdarsteller des Films: James Woods.
Seine Filmfigur ist kalt, berechnend, vom Ehrgeiz zerfressen, kalkulierend, und das Wichtigste: Die treibende Kraft hinter der besispiellosen Karriere dieser Handvoll Freunde.
Er sit derjenige, der diese Leute der großen Gesellschaft näher bringt, er ist derjenige, der Noodles (DeNiros) Figur immer wieder warnt, nicht immer nur bei seinem Straßengeruch zu verweilen, sich weiter zu entwickeln.
Er ist überhaupt derjenige, der Noodles überhaupt Zugang zu der Clique aufrecht erhält, als dieser nach zehn Jahren aus dem Gefängnis kommt und in eine bestehende Ordnung einfach so als Partner integriert wird.

Dennoch, Leone gelingt es, in meisterhafter Manier, DeNiro als Identifikationsfigur zu etbalieren und jeden seiner Schritte - so niederträchtig sie auch sein mögen - nachvollziehbar zu machen.
Woods bleibt kühl und unerreichbar, ja sogar arrogant.
Es wirkt sogar fast so, als würde Woods DeNiro zum Verrat drängen...

So ist Es war einmal in Amerika auch viel mehr als nur ein Gangsterfilm: Er ist ein Film über Liebe, Verrat, Freundschaft, Loyalität, Schuld und Sühne.
Mehr als nur einmal werden einstmals aufrechte Männer im Verlauf der Erzählung im Rausch der Macht korrumpiert, ohne dass sie es merken, und irgendwann können sie nicht mehr zurück.
So ist dieser Film tatsächlich, wie es der Titel auch vermuten ließe, ein Abgesang auf den amerikanischen Traum, hier wird ganz offensichtlich der amerikanische Albtraum zelebriert.
Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten des Verrats der eigenenen Ideale.

Jeder der irgendwann mal hoch hinaus flog, kommt irgendwann auch mehr als nur unsanft herunter, kann kaum noch in den Spiegel sehen, so ganz ohne Maske (man verweise hier mal geschickt auf das erste Aufeinandertreffen von DeNiro mit Elisabeth McGovern nach mehreren Jahrzehnten).

So kommt es schließlich wie es kommen muß in einer finalen Konfrontation, welche selbst da noch mehr als bitter und zynisch rüberkommt. Dazu weiter unten gleich mehr...

Zur Inszenierung selbst ließe sich noch vieles sagen, aber wir belassen es mal bei nur einiges:

So sind gewisse Längen dennoch nicht zu verleugnen, vor allem in der Phase der Kindheit der Freunde, wo beispielsweise ein Junge minutenlang ein Stuck Kuchen isst, während er auf eine Nutte wartet. Solche Sachen sind zwar ganz amüsant, aber ziehen den Film nur unnötig in die Länge, weil sie bei fast vier Stunden Laufzeit einfach nicht so sehr ins Gewicht fallen und den Film nur unnötig aufblähen. Wäre dies eine Serie, dann wäre diese Szene absolut nachvollziehbar, aber in so einem Kontext ist das dann einfach nur zu viel des Guten.
Und solche kleinen Juwele baut unser Altmeister doch zuhauf ein.

Die Masken sind - wie schon fast üblich in sämtlichen Leone-Filmen - hundsmiserabel, schmälern den Gesamteindruck nicht wesentlich, aber es stört trotzdem, dass so ein offensichtliches Meisterwerk mit so einer Besetzung sowhl vor als auch hinter der Kamera sich mit so einem billigen Maskeneffekt herumschlagen muß.

Die Musik von Ennio Morricone ist wie immer ein Hauptbestandteil der Filme Leones. Auch hier verzichtet Morricone auf den reißerischen Stil seiner frühen Collaborationen mit Leone und geht erneut ein bißchen ins Musical- bzw. Oper- oder Operettenhafte.
Zwar ist seine Musik absolut nicht zu bemängeln, manchmal aber wie häufiger in den letzten Zusammenarbeiten mit Leone einfach nur seicht.
Das ist jetzt auch keine große Kritik, denn Morricone steckt selbst hiermit noch den Rest der fast gesamten Hollywoodkomponisten in die Tasche, aber manchmal hat man das Gefühl, dass es auch anders gegangen wäre...

Nun zum Film selbst:
Wie gesagt der Pate 1 und 2 sind allemal von der Story her die besseren Geschichten, sind diese doch komplexer strukturiert, haben sie doch auch grandiose Schauspieler und zelebrieren sie doch auch augenscheinlich den Aufstieg und Fall und Aufrechterhaltung einer Mafiafamilie. Beleuchten diese Filme auch Zeit- und Sitten jener Zeit, gepaart mit einer präzisen Sezierung der Zusammenarbeit von Politik und Verbrechen.
Es war einmal in Amerika ist da einfacher gehalten, zwar werden auch hier immer wieder diese Verstrickungen beleuchtet, angedeutet und angesprochen, doch der Ansatz ist weitaus niedriger, hier geht es nicht um Macht -sei es Ausbau oder Erhalt - hier geht es um Freundschaft, Loyalität, auch Schuld und Sühne.
Beide Filme (Der Pate 1und 2 werden hier als ein Film betrachtet) sezieren ein Amerika und stellen es als kalt und gar nicht so fabelhaft dar, doch während es beim Paten überall so ist, bleibt Es war einmal in Amerika wirklich nur auf jenes Land begrenzt.
Beide Filme sind eigentlich Tragödien ersten Ranges, doch während der pate sich noch die Möglichkeit einer oder mehrerer Fortsetzungen offen hält, ist Es war einmal in Amerika in sich geschlossen und es bleibt keine Möglichkeit der Fortführung mehr übrig: Noodles hat sein Leben gelebt, es ist vorbei.
Bietet Der Pate die besseren schauspielerischen Leistungen, Ausstattungen, Maske usw. auf, so kann das Leone mit seiner Inszenierung mehr als Wett machen, und sein Film ist zu keinster Zeit streckenweise so langweilig wie der Pate (obwohl manch andrer Regisseur wie oben erwähnt diesen Effekt durchaus hätte erzielen können).

So gelingt es Leone auch tatsächlich seine überragenden aufpeitschenden Finals aus der Dollar-Trilogie oder seines Spiel mir das Lied vom Tod trotz eines ruhigen Finales noch zu toppen:
Denn man wartet fast vier Stunden auf diesen einen Augenblick, die Akteure sind alt und dem Tode nahe, so kann man kein Gemetzel mehr erwarten, und dennoch, diese Konfrontation und diese Auflösung: So bitter sie anmutet, so brillant ist sie auch.
Dennoch sollte man aber nicht meinen, dieser Film wäre amerikafeindlich, im Gegenteil, es bricht dem Zuschauer fast das Herz zu sehen, wie Amerika sein Potential verschenkt hat.

Alles in allem ist dies also nciht nur ein grandioser Abgesang auf den amerikanischen Traum, es ist ein grandioser Gangsterfilm, der wenn man die vier stunden mal durchhält, ein absolutes Meitserwerk ist und in seiner europäischen Schnittfassung sogar dem Paten überlegen ist (das ist subjektiv), zumindest aber sich vor ihm nicht zu verstecken braucht (das dürfte objektiver sein).

Groß, ganz groß, superlativ: 10 Punkte

Details
Ähnliche Filme