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Das ist er also, der dritte und letzte Teil von Leones Amerika Trilogie und sein letzter Film überhaupt. Ein monumentales, fast vier Stunden langes Epos über den kleinen Gangster Noodles, gespielt von Robert de Niro, der im Laufe des Filmes um 40 Jahre altert und schließlich innerlich zerbricht, in New York zur Zeit der Prohibition.

Der Film ist nicht einfach nur ein weiterer Gangster- oder Mafiafilm, er ist ein Märchen, eine Fabel über das Leben, beginnend in der Kindheit und endend mit dem Tot.

Und Leone ließ sich nicht lumpen und versammelte hier wirklich alles Stars, die er kriegen konnte: James Woods, Robert de Niro, Elizabeth McGovern, Treat William, Joe Pesci und Danny Aiello (auch wenn sie teilweise nur in kleinen Nebenrollen zu sehen sind). Und sie spielen wirklich ohne Ausnahme grandios (man könnte fast schon göttlich sagen). Selbst die Kinder, die die Jugendbande in der Anfangszeit ihrer "Karriere" spielen, schauspielern bemerkenswert gut, was bei Personen in ihren Alter keineswegs selbstverständlich ist.

Aber gute Schauspieler machen noch keinen guten Film, und daher kommen wir gleich zur zweiten Stärke von "Es war einmal in Amerika", dem Drehbuch in Verbindung mit dem Schnitt. Die Besonderheit an diesem ist nämlich, dass der Film nicht wie gewöhnlich in Chronologischer Reihenfolge, sondern in Rückblenden erzählt wird. So sieht man zu Beginn wie ein Gruppe von Gangstern Noodles sucht und dabei über Leichen geht. Warum sie ihn suchen und wer das überhaupt ist, weiß man nicht. Doch Noodles flieht und verlässt New York. In der nächsten Szene kommt er wieder, jetzt 30 Jahre älter und besucht seinen alten Freund Moe, einen Gaststättenbesitzer. In dessen Kneipe erinnert er sich (mit einem wunderbaren Schnitt, bei dem man ihn erst als alten Mann in einen leeren Raum und dann plötzlich als Jungen auf ein tanzendes Mädchen gucken sieht) an seine Jugend zurück. Von nun an erzählt Leone die Geschichte immer mit Zeitsprüngen, so dass sie sich erst am Ende wirklich zu einem Ganzen zusammenfügt. Beim ersten mal sehen ist das teilweise noch sehr verwirrend und unverständlich, doch wenn man sich den Film noch mal zu Gemüte führt (was man unbedingt tun sollte, da man immer neue Details entdeckt), fügt sich alles wie ein Puzzle zusammen.
Dass das alles funktioniert und nicht langweilig wird hat man der grandiosen Regie von Leone zu verdanken. Im Gegensatz zu "Spiel mir das Lied vom Tod" wählte er hier ein Bildformat von 1:1,85, um die Enge der New Yorker Straßen besser zu verdeutlichen. Trotzdem sind die Kameraperspektiven oft monumental und einprägsam, die Szenen sehr ausgedehnt und lang (was nicht langweilig, sondern extrem Spannungsfördernd ist). Außerdem ist seine Regie wie immer schonungslos: Schon am Anfang wird man direkt in das äußerst brutale und harte Geschehen ohne eine Erklärung hineingeworfen, kein Detail bleibt dem Zuschauer erspart, alle Hoffnungen und Träume werden sofort wieder durch die harte Realität der Straße zerstört. Dabei stützt sich Leone nicht auf eine Gesamtaussage des Films, sondern macht den Zuschauer durch viele kleine Szenen deutlich, was das Leben bedeutet und wie sich die Bedeutung im Laufe der Jahre ändern kann. So sieht man einmal einen Jungen der Bande, wie er mit einem russischen Sahnetörtchen eine Prostituierte einkaufen will. Doch als diese erst noch Zeit zum duschen braucht und er so wartend allein auf der Treppe sitzt, das Törtchen neben ihm, hält er es nicht mehr aus und kostet davon. Nachdem er noch einige Zeit mit sich selbst ringt, kommt das Kind in ihm schließlich doch durch und er isst das Törtchen erst zögernd und dann immer schneller auf und läuft dann davon. Diese Szene ist so rührend und gleichzeitig so offen, wie man es nur selten in einem Film erlebt. Unterlegt wird das ganze von Ennio Morricones meisterhafter Musik, die mühelos mit seinem Score zu "Spiel mir das Lied vom Tod" mithalten kann und einiges zur wehmütigen Gesamtatmosphäre beiträgt.

Kritikpunkt für viele Kritiker war beim Erscheinen des Films die verwirrende Erzählweise (wieder ein Zeichen, das Leone seiner Zeit voraus war) und die unrealistische Darstellungsweise von New York zur Zeit der Prohibition. Die Straßen gleichen eher einem bunten, überfüllten, aber dreckigen Jahrmarkt als einer Großstadt und sind sehr klischeehaft, aber wie Leone selbst auch einmal sagte: Er wollte nicht darstellen, wie es wirklich war, sondern wie seine Version davon ist.

Und so sollte man den Film auch sehen: Nicht als eine realistische Beschreibung der damaligen Zeit sondern als eine Abhandlung über das Leben und seine vielen kleinen Wunder und Eigenarten. Leones Fazit bleibt dabei sehr pessimistisch, so sieht man in der letzten Szene wieder den relativ Jungen Noodles in einer Opiumhölle liegen und eigenartig in die Kamera grinsen, womit den Zuschauer deutlich gemacht wird, dass er sein Leben eigentlich nur verschwendet und nichts erreicht hat, was seine Existenz gerechtfertigt hätte. Ob das eine Kritik an der Lebenseinstellung der meisten Menschen heutzutage an sich ist oder nur auf die Personen des Films bezogen, hat Leone leider mit ins Grab genommen...

Also, nehmt euch 4 Stunden Zeit und seht euch dieses Meisterwerk an, es zählt meiner Meinung nach zu den besten Filmen, die je gedreht wurden, da hier die Gratwanderung zwischen Anspruch und Unterhaltung mühelos bewältigt wurde.

10/10

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