Review

Es war einmal… ein Ausbruch, ein Fortkommen von dem Label Westernregisseur, noch dazu mit einem Herzensprojekt: Nach mehreren Jahren Arbeit am Drehbuch verwirklichte Sergio Leone „Es war einmal in Amerika“.
Die Entschleunigung des Westerngenres, die er in „Spiel mir das Lied vom Tod“ betrieben hatte, übertrug Leone nun auf den Gangsterfilm, wo in seinem Westernmeisterwerk in den ersten Minuten kaum ein Wort fiel, da kommt hier die erste halbe Stunde fast ohne Dialoge aus. Im Gegensatz zu Leones Western ist „Es war einmal in Amerika“ allerdings nicht chronologisch erzählt, erst später erschließt sich der Sinn der ersten Szenen, welche die Verfolgung von David Aaronson (Robert De Niro), genannt Noodles, und seine Flucht aus New York zeigen.
In den 60ern kehrt Noodles als alter Mann in den Big Apple zurück, offensichtlich Schuld am Tod seiner engsten Freunde und immer noch ist kaum ein Wort gesprochen worden, über diverse bildliche Details muss man sich zusammenpuzzeln, wer Noodles ist (oder war). Er ist ein Gangster, soviel steht fest, aber das haben auch das Marketing und De Niros Image bereits verraten. Erst nach rund einer halben Stunde, also dann wenn die meisten anderen Filme schon mittendrin sind, beginnt „Es war einmal in Amerika“ so wirklich.

Er erzählt die bisherige Lebensgeschichte von Noodles, der mit einigen Jugendfreunden als kleiner Gauner anfing und während der Prohibition zur großen Nummer wurde – bis ein schicksalhaftes Event ihn zur Flucht zwang…
„Es war einmal in Amerika“ versucht so umfassend wie kaum ein Gangsterfilm sonst eine kriminelle Karriere zu beleuchten. „Der Pate“ brauchte 3 Filme um Michael Corleones Leben zu bebildern, Werke wie „Scarface“ beginnen im Erwachsenenalter und enden mit dem verfrühten Tod der Protagonisten und „GoodFellas“ begann zwar auch in der Kindheit des Protagonisten, verließ ihn aber im als Mann in den mittleren Jahren, nach Ende seiner kriminellen Karriere. Sicher, grob ist auch „Es war einmal in Amerika“ in drei Zeitebenen (Jugendzeit, Karriere während der Prohibition, späte Entdeckung bitterer Wahrheiten in den 60ern) eingeteilt, aber es ist schon ein umfassender Versuch.
Das in das Projekt gesteckte Herzensblut merkt man „Es war einmal in Amerika“ durchweg an: Die Ausstattung ist phantastisch, der Soundtrack exquisit komponiert und zusammengestellt (öfters wird eine leichte verfremdete Version von „Yesterday“ gespielt, deren Töne man aber sofort erkennt) und auf Kundenfreundlichkeit achtete Leone auch nicht: Fast vier Stunden dauert sein Mafiaepos, eine Absage an den gewohnten 90-Minuten-Film, noch dazu ähnlich ruhig, fast langsam erzählt wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ – Details wie das Anzünden einer Opiumpfeife werden nicht ausgespart oder verkürzt, sondern in voller Länge gezeigt.

Die kriminellen Machenschaften bilden den Hintergrund einer typischen Gangsterkarriere: Noodles will nicht arm sein, Autoritätsfiguren wie Polizisten sind auch nicht besser als die Gangster, also arbeitet er mit seinen Freunden (und reichlich Erfindungsreichtum) an einer Verbesserung des eigenen Lebensstandards. Doch all das ist eher Kulisse, hin und wieder wird auf einzelne Unternehmungen der Gang eingegangen (z.B. die Idee Alkoholkisten beim Versenken im Fluss mit Salzsäcken zu beschweren), in erster Linie geht es jedoch um die Geschichte einer Freundschaft.
Vor allem Noodles’ Freundschaft zu Max Bercovicz (James Woods) ist ganz zentral für „Es war einmal in Amerika“: Sie fangen als rivalisierende Gauner an, erkennen das Potential des anderen und werden zu Freunden. Gemeinsam erleben sie das erste Mal Sex, gemeinsam werden sie von Rivalen zusammengeschlagen und Max ist Zeuge von Noodles’ erstem Mord, der ihn ins Gefängnis bringt – umso schwerer wiegt Verrat in einer solchen Beziehung, der auch dem jeweiligen Verräter ein unendlich schlechtes Gewissen bereitet, am Ende des Films können weder Max noch Noodles so wirklich mit dem leben, was sie getan haben, selbst wenn es in einem Falle aus den besten Absichten heraus geschah.

Es wäre jedoch falsch „Es war einmal in Amerika“ nur auf das Zusammenspiel des sehr guten Robert De Niro und des noch famoseren James Woods herunterzubrechen, denn jede Rolle ist hochkarätig besetzt. Gerade William Forsythe kommt richtig zum Zuge, ehe er zum ewigen Nebendarsteller degradiert wurde, Namen wie Danny Aiello, Treat Williams und Joe Pesci geben sich ein Stelldichein – selbst wenn sie nur ein oder zwei Szenen in dem Film spendiert bekommen. „Es war einmal in Amerika“ war und ist ein Event, jeder wollte dabei sein, und die meisten Namen kennt man heute noch, z.B. als Jennifer Connelly als jugendliche Deborah. Eine Ausnahme stellt James Hayden (neben De Niro, Woods und Forsythe das vierte Mitglied der erwachsenen Gang) dar, was aber seinem frühen Tod infolge einer Überdosis geschuldet ist.
„Es war einmal in Amerika“ ist ein großer Film und doch – irgendwie kommt er nicht ganz so meisterlich wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Zwei glorreiche Halunken“ daher. Denn Leones Gangsterfilm ist ein Film über Männerfreundschaften (gerade die Enthüllungen der letzten halben Stunde treffen den Zuschauer ebenso wie Noodles, wobei letzterer gar nicht zugibt sie zu akzeptieren), während Leones Frauenbild hier arg simpel ist. Den Vorwurf der Misogynie, der oft erhoben wird, kann man eigentlich nicht machen („Es war einmal in Amerika“ zeigt das Handeln seiner Figuren sympathisiert aber nicht wirklich mit ihnen), aber das Frauenbild ist simpel, kennt nur die Hure und die Heilige. Letztere wird von Deborah (Elizabeth McGovern) repräsentiert, erstere von eigentlich allen anderen Frauenfiguren in dem Film. Und weil Noodles eigentlich nur diese Sorte Frau gewöhnt ist, will er sich auch mit Gewalt von Deborah das nehmen, was er von den anderen so einfach bekommt, was einer der tragischen Momente in seinem Leben (und in diesem Film ist). Doch für diesen Endpunkt muss der Zuschauer einige Frauenbeziehungen in Noodles’ und Max’ Leben anschauen, die leider unter dem klischeehaften Frauenbild leiden, weshalb „Es war einmal in Amerika“ in diesen Szenen unschön hängt – eine patente Frauenfigur wie Claudia Cardinales Witwe aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ sucht man vergebens, weshalb eine Marginalisierung oder Weglassung der Frauenrollen (so wie in Leones ersten Western) vielleicht am besten gewesen wäre.

Trotz dieser Einschränkung schafft „Es war einmal in Amerika“ allerdings den Zuschauer über fast vier Stunden zu packen, seine Geschichte kurzweilig zu erzählen und gerade die Beleuchtung der Jugendjahre von Noodles, Max und Co. ist ganz großes fesselndes Kino, was nicht nur an den tollen Leistungen der Jungdarsteller liegt. Würde der Film im zweiten Drittel, gerade im Bereich Frauenfiguren, nicht so haken – er wäre ein Meisterwerk.

Details
Ähnliche Filme