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Obwohl Auszeichnungen und Einspielergebnis bei "Es war einmal in Amerika" spärlich ausfielen, darf man heute von einem ganz großen Gangsterepos sprechen. Jedes Wort über den Inhalt wäre hier unangebracht, denn die Erzählweise von Sergio Leones Meisterwerk ist einzigartig. Auf geniale Art und Weise verschachtelt er mehrere Zeitebenen in einem komplexen Storygerüst, das seinesgleichen sucht. Bei Erstkonsum kann man unmöglich alle Details erfassen, wird vor allem in den ersten 20 Minuten ins kalte Wasser geworfen, als man ganz ohne Vorkenntnis gleich mal zwei deftige Gewaltszenen serviert bekommt. Es sollen nicht die letzten bleiben, wie bei "Der Pate" tauchen brutale Sequenzen selten auf, wenn, dann aber äußerst heftig.

Auf Gewalt liegt hier aber sowieso nicht das Hauptaugenmerk. "Es war einmal in Amerika" erzählt vielmehr die Lebensgeschichte von vier Freunden in aller Ausführlichkeit, die als Straßenkinder anfangen, auf Beutezug zu gehen, sich zu einflussreichen Gangstern entwickeln, bis Macht- und Geldgier die Einigkeit zerstört. Diese einzelnen Lebensstufen werden dem Zuschauer behutsam in Rückblenden vermittelt, ohne langatmig zu sein, ein wahres Kunststück bei fast vier Stunden Laufzeit. Während merklich all die Jahre im Film verrinnen, baut man eine richtige Beziehung zu den Figuren auf, deren Charakter sehr deutlich geschildert wird. Auch dem genialen Spiel der Darsteller ist es zu verdanken, dass die Geschichte stets lebensnah rüber kommt. Der Cast ist beachtlich, Robert de Niro und James Woods stechen in den Hauptrollen hervor, andere bekannte Namen wären Dany Aiello, Burt Young, Elizabeth McGovern oder Joe Pesci.

Über all dem schwebt eine melancholische Stimmung, die sich durch die komplette Handlung zieht. Der Film scheint oft in der Vergangenheit zu schwelgen, was vor allem durch die Musik von Jahrhundertkomponist Ennio Morricone deutlich wird, der hier wie immer einen genialen Score ablieferte. Wie so oft ergänzen sich Morricone und Leone perfekt.

Ein wahrer Augenschmaus ist die Ausstattung. Meiner Meinung nach hat die Darstellung New Yorks zur Jahrhundertwende bisher nur "Der Pate - Teil 2" besser hinbekommen, aber bei "Es war einmal in Amerika" wirken die Sets noch verruchter und trostloser und erzeugen eine Wahnsinnsatmosphäre, die durch passende Kostüme noch gesteigert wird. Die Stimmung ist dabei fast immer negativ, nur einmal hat man etwas zu schmunzeln, als die Babys im Krankenhaus vertauscht werden. Ansonsten gibt es für Freunde fröhlicher Filme mit Happy End hier trübe Aussichten. Das Ende hier ist perfekt gelungen, zum Schluss noch einmal ein Zeitsprung zurück, als Noodles in der Opiumhöhle raucht, in die Kamera starrt und lacht. Da möchte man fast weinen, eine superbe Endeinstellung.

"Es war einmal in Amerika" ist ein gewaltig unterschätztes Meisterstück vom großen Sergio Leone, dessen letztes Werk dies hier ist. Einen würdigeren Abschied vom Filmgeschäft hätte er nicht wählen können, das hier ist in Sachen Erzählkunst kaum zu toppen. Dazu die tolle Ausstattung, die großartigen Schauspieler, Spannung für 220 Minuten und reichlich Stoff für diejenigen, die Gewalt nicht unbedingt verabscheuen. Opulentes Kino in Reinkultur, Ansehen ist Pflicht für Cineasten!

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