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Irgendwoher kennt man das ja - da würden sich aus Castingshows bekannte Möchtegernsternchen glatt einen Arm absägen, wenn ihnen das nur zu Ruhm und Ehre im Fernsehen gereichen würde. Jan-Henrik Stahlberg und Marcus Mittermeier, die Macher von "muxmäuschenstill" nehmen in ihrer Satire "Short Cut to Hollywood" diesen Umstand wörtlich und präsentieren einen Loser, der in den Staaten aus seiner Niemandsexistenz entfliehen und zur Legende werden will, indem er sich nach und nach zusammenamputieren läßt, um dann live im TV zu sterben.

So weit - so grotesk. Oder vielleicht doch verdammt nahe an der Realität, der wer schon einmal bei RTL, Pro7 oder MTV reingeschaut hat und gern über youtube verfolgt, wie sich die Asiaten bei bestialischen TV-Shows quälen lassen, der weiß, das der Plan gar nicht mal so weit hergeholt erscheint.
Aber für eine Mediensatire scheint in Deutschland noch Platz zu sein, also darf man im leisen Fake-Doku-Stil dabei sein, wie die Bemühungen der drei Freunde erst mal nicht von Erfolg gekrönt sind, der erste amputierte Finger wird fast noch ignoriert und die Medienhonchos reagieren noch nicht mal richtig, wenn ihnen ein abgesägter Arm auf den Tisch gestellt wird.
Dafür muß man schon in Terroristenverkleidung in einem Diner auf Attentäter als "Baghdad Street Boys" machen und schon hat man einen der beliebten Jugendsender an der Backe, mit einer eigenen Show, hysterischen Fans, einem Budget und genauen Verträgen, wann man sich das Licht bitte gänzlich ausschießen soll.

Es sind die letzteren Punkte, die in Stahlkamps Film durchaus real wirken, vom Werbespot bis zum reißerischen Trailer, alles unter dem Eindruck, daß Millionen von Leuten einen anstarren und auf die nächste Sensation hoffen.
Nur: weder ist diese Idee besonders neu, noch sind wir in der Realität noch weit davon entfernt, außer daß das TV Euthanasie noch nicht unterstützt (übrigens eine der wenigen logischen Fehler, die von den Möglichkeiten des TV noch nicht eingeholt wurden).

Satire muß immer den nötigen Biss haben, scharf und ätzend sein, doch "Short Cut" verweist am Anfang zunächst auf deutsche Biederkeit, um dann das Schockpotential des ungenannten Vorhabens auszupacken. Was danach folgt, ist dann zwar zunehmend realistisch, aber auch immer weniger bissig.
Das liegt daran, daß man schon ahnt wohin das führt - der Zuschauer soll sich selbst in der Position des Show-Zuschauers sehen, der natürlich hofft, daß die Freunde den Delinquenten umstimmen, er alles umwirft, zurückkehrt, ein neues Leben anfängt, das Bein nicht absägen läßt.

Dazu bräuchte man als Zuschauer jedoch Zugang zu den Figuren - und an dieser Stelle versagen Mittermeier und Stahlkamp leider ganz. Es soll provinziell-privat und natürlich wirken, aber das Ungekünstelte hilft nur, wenn man sich in die Figuren auch einfühlen kann. John F.Salinger, wie sich der Berufene hier nennt, ist jedoch, neben seiner musikalischen Unfähigkeit, ein ichbezogener Soziopath, dem öfters mal der Wahnsinn aus den Augen rinnt und wenn hie und da bei seinen Ausbrüchen die Jokes sitzen, schreit seine Figur nach einer rabiaten Endlösungslogik für seine Figur. Seine Kumpels, Manager und Chirurg, bleiben dabei bis auf ganz wenige Szenen bloße Chiffres, Stichwortgeber und Helfer, aufgrund deren Persönlichkeitsschwächen man weder eine Verbindung aufbauen kann, noch von ihnen großer Einfluß auf die Story zu erwarten ist.

So ersäuft dann auch die zweite Hälfte zunehmend in einer Aufschubsstory rund um vom Erfolg produziertes Liebesglück und Liebesleid und wird nicht selten zum Roadmoviebilderbogen, der sich in seiner angeblich lebensbejahenden Ironie selbst totläuft.
Der Erzählstil, irgendwo zwischen biederem Independantfilm und Fake-Doku, ist genausowenig mitreißend, wie die gelackten MTV-Bilder einen medieninteressierten Menschen noch überraschen können.
Möglich, daß Personengruppen, die sich selbst noch keine echte Position gegenüber der modernen Medienwelt erobern konnten, das alles für eine beißende Satire halten, aber die werden sich zumeist an der unattraktiven Präsentation stören.

Hervorzuheben ist sicherlich der beachtliche Produktionsaufwand und die gelungene Umsetzung, aber durch den vertretenen Stil torpediert sich der Film leider selbst. Die "Hippen" werden hier keinen Anknüpfpunkt finden für einen gelungenen Einstieg, für die Älteren ist der Film vermutlich noch nicht scharf genug.
Und da man die Figuren meistens nicht eben zugänglich oder noch besser enervierend könnte, kommt alles auf ein großes "Ja, und?" heraus. Andererseits: das funktioniert bei Castingshows momentan auch noch millionenfach und keinen störts - demzufolge fehlt hier ein größerer Aufhänger oder Anreißer. Obwohl ich die Mühe und den Versuch honoriere, mir bis auf gewisse Abschnitte einfach zu uneben und bieder.

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