Nach seinen drei legendären Gore-Filmen Blood Feast (1963), Two Thousand Maniacs! (1964) und Color Me Blood Red (1965) gelang es Herschell Gordon Lewis abermals, sein nach Blut dürstendes Publikum zu schockieren. Der gute Mann drehte mit Jimmy, the Boy Wonder (1966) einen Kinderfilm! (Das ist kein einmaliger Ausrutscher, legte er doch im Jahr darauf mit The Magic Land of Mother Goose noch einen nach.) Danach besann er sich jedoch wieder der Qualitäten, die ihn berühmt gemacht haben, und so flackerten 1967 unter anderem A Taste of Blood und The Gruesome Twosome über die riesigen Projektionswände der amerikanischen Drive-In-Kinos. Letzterer tendiert klar Richtung Two Thousand Maniacs! und ist somit eine schräge Horrorkomödie. Eine schräge Horrorkomödie mit vier happigen Splattereinlagen. Einer der zahlreichen Werbesprüche tönt sensationsheischend aber durchaus berechtigt:
Think you've seen blood and gore?
Think you've seen wild, way-out humor?
Think you've seen stomach-retching mutilation?
You Ain't Seen Nothin' Yet!
Mrs. Pringle (Elizabeth Davis) ist eine in die Jahre gekommene, etwas exzentrische Dame von solch übertriebener Freundlichkeit, daß man sofort weiß: Die Alte hat Dreck am Stecken! Und so überrascht es auch nicht, daß Mrs. Pringle, Inhaberin von The Little Wig Shop (100 % human hair), ihre Perücken in der Tat aus echtem Menschenhaar fertigt, welches auf so rabiate wie schmerzhafte Weise von ihren unfreiwilligen Spenderinnen geschnitten wird. Dafür zuständig ist Rodney (Chris Martell), Mrs. Pringles debiler Sohnemann, der die jungen Frauen vom nahegelegenen College, die eigentlich nur das freie Zimmer mieten möchten, in Empfang nimmt und dann ohne große Umschweife zur Tat schreitet. Das erste Mädel skalpiert er bei lebendigem Leibe, dem zweiten säbelt er mit seinem neuen elektrischen Messer (von Mama geschenkt bekommen, weil er so ein "good boy" ist) den Kopf ab, und die Dritte macht Bekanntschaft mit seiner Machete, bevor er sie genüßlich entweidet. Das würde wohl noch eine Weile so weitergehen, wäre da nicht Kathy Baker (Gretchen Wells), eine blonde Hobby-Detektivin, die das Schicksal der verschwundenen Mädchen aufzuklären gedenkt. Tatsächlich kommt sie der irren Alten und ihrem mörderischen Sohn auf die Spur und begibt sich damit in Lebensgefahr. Was nicht sonderlich verwundert, schließlich ist sie ziemlich dumm. Ihre Abfahrt vom Pringles'schen Anwesen z. B. täuscht sie vor, indem sie ihren roten Schlitten sage und schreibe zwei Meter zurücksetzt!
Selbst für Herschell Gordon Lewis-Verhältnisse ist The Gruesome Twosome ein sehr seltsamer Film, der die Geduld seines Publikums auf eine harte Probe stellt. Lewis entschloß sich, den Streifen zu drehen, um ihn zusammen mit Something Weird als Double Feature zeigen zu können. Something Weird blieb nämlich finanziell klar hinter den Erwartungen zurück und drohte sogar Verlust zu machen, also mußte man den Leuten anderweitig etwas bieten, damit sie in die Kinos strömten. Der Plan ging auf und der Rubel rollte. Lewis kurbelte The Gruesome Twosome in sechs Tagen in Miami herunter, nur um hinterher verärgert festzustellen, daß der Typ, der für die Laufzeitschätzung zuständig war, sich gravierend verrechnet hatte. Gravierend bedeutete in diesem Fall circa zehn Minuten, ergo war der Film zu kurz. Lewis improvisierte und inszenierte in Chicago auf die Schnelle zwei Szenen, die heute fast schon Kultstatus genießen. Die erste ist die etwa vierminütige Eröffnungssequenz, in der sich zwei mit Perücken bestückte Styroporköpfe mit aufgeklebten Augen und Mündern miteinander unterhalten. Die andere ist eine lange und herrlich bescheuerte Parodie auf das prätentiöse europäische Arthouse-Kino, wo eine Frau leidenschaftliche Reden schwingt, während sich der Mann geräuschvoll den Bauch voll schlägt. Als Draufgabe werden auch noch allerlei Früchte lüstern befummelt. Damit ist es Lewis gelungen, die Laufzeit des Films über die Siebzig-Minuten-Marke zu hieven.
Aber selbst wenn man diese zwei dubiosen "Highlights" außer Acht läßt, muß man jede Menge Füllmaterial über sich ergehen lassen. So jagt Kathy mehrere Minuten lang einer Spur hinterher, die sich am Ende natürlich als völlig falsch herausstellt. Der gute Mann, mit dem sie sich keine Verfolgungsjagd sondern einen lächerlichen Verfolgungsspaziergang liefert, hat nämlich nur einen leckeren Knochen für seinen Hund abgezweigt und vergraben, um den Geburtstag des geliebten Vierbeiners gebührend zu feiern. Weiters zu bestaunen: Eine lustige Strandband (beim Gitarristen handelt es sich um Robert Lewis, Herschells Sohn), zu deren Musik Strandhasen in Bikinis unbeholfen tanzen. Ein ausgelassenes Frühstück, bei dem einige Mädels in Pyjamas - ihr werdet es nicht glauben - spontan zu tanzen beginnen (bis H. G. L. dem Spaß ein Ende bereitet, indem er im Radio eine wichtige Meldung ankündigt). Und ein Besuch bei einem Demolition Derby darf auch nicht fehlen. Das sind alles lange, lange Szenen, wo nichts Relevantes passiert und der Film gut gelaunt auf der Stelle tritt. Und dennoch schafft es Lewis, diesen Momenten das gewisse Etwas zu injizieren, so daß man dranbleibt anstatt vorzuspulen oder gar abzuschalten. Das hängt bestimmt auch mit den talentlosen Akteuren zusammen, denen man fasziniert dabei zuschaut, wie sie selbst einfachste Szenen völlig vergeigen. Ein richtiger Hingucker ist immerhin Chris Martell, der den debilen Mörder mit Gusto gibt, lustige Grimassen schneidet, voller Freude sabbert und die Zunge rausstreckt, wie es Miley Cyrus nicht besser könnte. Und Elizabeth Davis als Mrs. Pringle ist auch in Ordnung, vor allem wenn sie mit ihrem ausgestopften Rotluchs Napoleon spricht oder ihrem Sohn sein Lieblingsmärchen Rapunzel vorliest.
Wie oben bereits erwähnt ist The Gruesome Twosome eine schräge Horrorkomödie. Allerdings sind die Trennlinien zwischen Horror und (schwarzem) Humor klar gezogen. In dem Moment, in dem sich hinter dem ahnungslosen Opfer die Tür schließt, ist Schluß mit lustig. Sieht man von den Metzelszenen ab, ist der oft comichafte, augenzwinkernde Ton des Filmes locker und lustig. Wobei es natürlich stark darauf ankommt, wie man "lustig" definiert. Den einen oder anderen Grinser konnte ich mir nicht verkneifen, aber die Gefahr, lauthals loszulachen, bestand zu keiner Zeit. Und dann, wenn Rodney mit Messer oder Machete anrückt, kippt der Ton sofort. Statt locker und lustig ist es plötzlich grimmig und brutal. Aufgrund von Lewis' "Stil", voll draufzuhalten, die Kamera nur minimal zu bewegen und einfach zu filmen, sind die selbstzweckhaften und immens lang ausgewalzten Gore-Szenen ungemein grausam und sehr effektiv. Da ist es sogar egal, daß eine "Leiche" hin und wieder blinzelt. Den diversen Spezialeffekten (zur Anwendung kommen u. a. Tiereingeweide und Fischaugen) mögen zwar die Feinheiten fehlen, aber für Lewis-Verhältnisse sind sie gut gemacht und gewohnt blutig bis zum Exzeß. Nur wenige inszenieren saftiges Gekröse so liebevoll unverschämt wie der am 15. Juni 1929 in Pittsburgh geborene Godfather of Gore. Aber genau das machte Lewis so berühmt-berüchtigt, und genau das erwartet man auch von seinen "Gorrorfilmen". Und daß Alter vor Torheit nicht schützt, beweisen seine Spätwerke Blood Feast 2: All U Can Eat (2002) und The Uh-oh Show (2009).
The Gruesome Twosome eignet sich am Besten für fortgeschrittene Lewis-Connaisseure, die schon einige Erfahrung mit der Handhabung seiner Machwerke haben. Unbedarfte Zuseher könnten auf das Dargebotene unter Umständen verschreckt, entsetzt, verständnislos, angewidert und/oder gelangweilt reagieren. You have been warned.