Sobald noch vor der eigentlichen Handlung „beruhend auf wahren Begebenheiten“ eingeblendet wird, ist grundlegend Skepsis angesagt, denn oft wird das eigentliche Thema in ein völlig anderes Licht gerückt und werden Unwahrheiten hinzugedichtet, um es beim Publikum wirkungsvoller dastehen zu lassen.
Mit der „wahren Geschichte“ verhält sich das ganz anders, denn vorliegender Fall hat sich tatsächlich 1999 in Melbourne zugetragen und wurde bereits als literarisches Werk unter dem Titel „A Perfect Victim“ veröffentlicht.
Debütantin Simone North macht es sich bei ihrer Umsetzung allerdings unnötig schwer, indem sie auf verschiedene Sichtweisen setzt, die oftmals in ein zu plakatives Licht gerückt werden.
Bereits nach knapp einer Stunde informieren die besorgten Eltern, Michael (Guy Pearce) und Liz (Miranda Otto) die Polizei, nachdem ihre fünfzehnjährige Tochter Rachel nicht wie üblich nach dem Ballettunterricht erschien.
Sie ahnen noch nicht, dass die von Selbsthass und Eifersucht zerfressene ehemalige Nachbarin und Babysitterin Caroline (Ruth Bradley) ihre Finger im Spiel hat…
Die Erzählung legt von Beginn an großen Wert auf die Gefühlswelt der wesentlichen Beteiligten und setzt den Fokus weniger auf das Verschwinden Rachels als Kriminalfall.
Nur kurz sehen wir Rachel beim Tanzen und danach nackt in den Armen ihres Freundes und erst im Mittelteil kommt man auf das vermeintliche Opfer zurück.
Im ersten Part konzentriert man sich auf die Recherche der Angehörigen und die gleichgültige Haltung der zuständigen Polizeibeamten, was sich zunächst recht spannend gestaltet, da man als Betrachter nicht mehr weiß als die Eltern (es sei denn, der Fall ist einem bekannt).
Mit dem Übergang zur zweiten Perspektive, nämlich der von Caroline, wird man aus der nachvollziehbaren Besorgnis herausgerissen und mit einer augenscheinlich gestörten Persönlichkeit konfrontiert, welche an allen Ecken und Enden Verhaltensstörungen an den Tag legt. Dabei wird das soziale Umfeld, wie der gefühlskalte Dad (Sam Neill) oder die Funktion ihrer Chefin reichlich oberflächlich abgehandelt, was für die Analyse einer eventuellen Mörderin nicht ausreicht.
Auch der Spannungsgehalt sinkt, denn rasch ist eine Verbindung zwischen dem allzu deutlichen Titel auszumachen, woraufhin sich das Motiv erschließt.
Im letzten Akt kehrt man schließlich zu den Ermittlungsarbeiten und Recherchen zurück und muss am Ende feststellen, dass die Geschichte eine Pointe, eine Quintessenz außen vor lässt.
Die etwas unbeholfen gesetzten Zeitsprünge, die Fragmente emotionaler Ausbrüche bilden nur einen oberflächlichen Teil dessen, was sich seinerzeit bei den Beteiligten abgespielt haben muss, was selbst die äußerst souveräne Kamera mit ihren verschiedenen Fahrten und metaphorischen Blickwinkeln nicht in seiner Komplexität einzufangen vermag.
Dennoch, und das ist dem Streifen auf der Habenseite hoch anzurechnen, können die Darsteller einige Defizite mühelos kaschieren.
Guy Pearce und Miranda Otto zeichnen ein glaubhaftes Bild verzweifelter Eltern mit emotionalen Höhen und Tiefen während der Ungewissheit des Schicksals ihrer Tochter.
Richtig gut ist allerdings Ruth Bradley als psychisch kranke Caroline. Mit brachialer Leidenschaft und Mut zur Hässlichkeit performt sie immer am Rande des Overactings mit vollem Körpereinsatz. Aber auch der Rest der Riege kann durchweg überzeugen.
So interessant die verschiedenen Blickwinkel auf den ersten Blick auch sein mögen, - am Ende lassen diese einen roten Faden vermissen, der die Emotionalität der Geschichte wie aus einem Guss erscheinen lässt.
Denn da prallen, besonders im Mittelteil, nicht nur massive Kontraste aufeinander, auch verliert man phasenweise den Fokus aus den Augen und weiß nicht so genau, worauf die Sache hinauslaufen soll, denn zwischen Drama, Thriller und Portrait vermag sich die Geschichte nie so recht zu entscheiden.
Handwerklich und darstellerisch überzeugt der Streifen allerdings in jeder Hinsicht und mit dem Hintergrund der wahren Geschichte verstärkt sich überdies das Interesse, was im Endeffekt zu einem leicht überdurchschnittlichen Gesamteindruck führt.
Freunde mitreißend geschilderter Kriminalfälle sollten allerdings im Auge behalten, dass sich der Stoff eher wie ein Melodram anfühlt, als ein packender Thriller mit Rätselraten um einen eventuellen Killer.
6 von 10