Review

Fantasy aus Deutschland, das geht zumeist in die Hose.
Nicht zuletzt, weil die meisten Deutschen die Sache entweder zu intellektuell angehen oder dermaßen plakativ internationalen Vorbildern nacheifern, daß nicht mehr als eine müde Kopie dabei herauskommt.
Aber nun haben wir ja "Die Tür"! Die Vorlage verfaßt von einem von Deutschlands meistgelesenen Autoren, der sich seinen Ruhm vor allem durch ein paar Thriller mit einem Kater als Hauptfigur verdiente, aber auch sonst recht produktiv war, nur daß es in diesen Fällen noch an Bekanntheitsgrad fehlt. Zeit also, dem Buch "Die Damalstür" jetzt mittels eines kleinen, feinen Films für das Genre des Mystery-Thrillers (oder auch wahlweise Mystery-Dramas), etwas Anerkennung zu verschaffen.

Allein, das funktioniert leider nicht so wie es soll oder besser sollte.
Dabei haben wir einen in Anno Saul einen akzeptablen Regisseur, in Mads Mikkelsen einen internationalen europäischen Star, in Jessica Schwarz einen aufgehenden deutschen Darstellerstar und eben die Vorlage, die die bestrickende Frage stellt, wie es wäre, wenn man eine gewisse Zeitspanne in seinem Leben zurückgehen könnte, um seine Fehler zu vermeiden und sein Leben erfolgreicher noch einmal aufzuarbeiten. Und wie moralisch kompliziert das sein kann, da man ja schlecht zweimal existieren kann, vor allem wenn noch mehr Menschen auf diese Idee verfallen.

Den Mißerfolg jetzt am kleinen Budget (4,5 Millionen) aufzuhängen, wäre zu kurzsichtig geurteilt. Sicherlich, mehr Geld bedeutet auch mehr kreativen Freiraum, aber bisweilen kann man mit so gut wie gar nichts eine Menge auf die Beine stellen.
De facto sollte man aber auf jeden Fall überhaupt etwas zu erzählen haben und hier geht die Misere los.

Das Grundproblem des Films könnte sein dramatischer und moralischer Aufbau sein, denn die Situation des in die Vergangenheit geflüchteten Malers, der den Tod seiner Tochter mitverschuldet hat, bessert sich durch ihre Rettung leider nur kurzfristig. Nur wenige Minuten später hat er im Zweikampf sein jünger ego umgebracht, wurde von der Tochter beobachtet und ist nun bei ihr zwar wegen ihrer Rettung angesehen, gilt aber leider nicht als ihr Vater. Und die Probleme rund um die notdürftig verscharrte Leiche häufen sich.
Was könnte man aus dieser Grundsituation an Suspense herauspressen, wenn der Sumpf einem bis zum Hals steigt, obwohl man doch nur seine Frau zurückerobern will und mit seiner Tochter glücklich leben. Wenn man unter Druck gerät, weil es mehr Menschen als einen selbst gibt, die das gleiche Ziel verfolgen, wenn der seelische Druck immer stärker wird.

Anno Saul kann mit dem relativ simplifizierten und letztendlich logisch komplett aus den Fugen geratenen Skript leider nichts Brauchbares anfangen, auch wenn die erste Hälfte dramaturgisch wenigstens Geschmack auf mehr macht, was den Plot angeht.
Visuell ist da das Kind schon längst in den Pool gefallen, denn präsentiert wird das alles in einem deutschen Nebenstraßenlook, der jeder Folge von "Rosa Roth" oder dem "Kleinen Fernsehspiel" an Provinzialiät das Wasser reichen kann.

Mads Mikkelsen, der ja Identifikationsfigur sein soll, spielt seine Rolle mit der Hölzernheit des in sich Versunkenen, ein Normalo von der traurigen Gestalt, tragisch, aber leider gänzlich ohne Charisma - und mit so gut wie keiner wahrnehmbaren Mimik. Dagegen wirkt die mimische Agilität von Jessica Schwarz leider um so bemühter und überzogener, während Thomas Thieme als fülliger, aber bedrohlich sinistrer Nachbarswachhund Komik und Provinzialität so mischt, daß es zwar für Schmunzler sorgt, aber nicht zum Rest paßt.

Solange sich alles auf die Grundsituation, die Rückgewinnung der Familie und den Mord dreht, funktioniert das alles noch, auch wenn die Inszenierung drückend auf sperrig-aride Filmkunst macht, wo Spannungsförderung vonnöten gewesen wären. Karg wirkt es, aber die dissonante Musik macht den Zuschauer immerhin unruhig und läßt die Parallelwelt immer befremdlich und leicht bedrohlich wirken. Es ist alles ruhig, zu ruhig.

Doch als man sich an die Figuren dann endlich gewöhnt hat, verwandelt sich der Film mit jeder weiteren Szene, die den Handlungsrahmen erweitert, in ein immer unlogischeres, abstruses und lächerlicheres Etwas, das mit dem wahren Gehalt des Plots leider überhaupt nicht zurecht kommt. Die aus dem Hut gezauberten, ebenfalls weltenbummlerischen Nachbarn, die aus dem Nichts kommende Sicherheitstruppe, der mordanratende Kleingartennachbar, eine Referenz an "Body Snatchers" und schlußendlich das komplett aus Zusammenhang gerissene Auftauchen der eigenen (älteren) Ehefrau lassen den Film komplett aus den Fugen geraten, von dem lächerlich amateurhaften Actionende mit Lachgarantie mal ganz abgesehen.

Mag sein, daß einige Zuschauer (selbst ohne Buchkenntnis) einfach die Tatsache feiern, daß der Film sie tatsächlich mehrfahr überrascht oder übertölpelt oder generell einfach ins Nirgendwo führt (im Zeitalter des vorkonfektionierten Films, der sich komplett im Trailer erklärt durchaus eine Weiterentwicklung), letztendlich muß so ein Film aber dann auch etwas zu erzählen haben, daß sich moralisch oder dramaturgisch diskutieren läßt.
Es gibt jedoch keine Statements zu Recht oder Unrecht, zu Gefühl und Vernunft, so Leben und Tod, zur Planung und Affekt, die Szenenfolge schmeißt jeden Ansatz immer gleich wieder über den Haufen, um "Aktion" in dem kurz vor der Erstarrung befindlichen Drama zu bieten und läßt groß und breit offen, wer die Figuren eigentlich innerlich sind und was sie wollen. Einfühlung oder Identifikation wird so unmöglich gemacht, dabei kann man erahnen, was für ein Potential in der Geschichte gesteckt hätte, wenn man sie etwas vordergründiger, aber dennoch weniger auf "human drama" inszeniert hätte, nah am kahlen Dogma der 90er.

Was bleibt, ist ein bemühter, aber größtenteils leerer Film, der überall dort immer versagt, wo er bemüht ist, seine Stärken auszuspielen: erst bei der emotionalen Gesamtsituation (breit, aber nicht tief), dann bei der Story (komplex, aber oberflächlich und wirr).
Hätte man ihn im Spätprogramm des ZDF präsentiert, wäre damit vielleicht noch ein gewisser Reiz einher gegangen, aber als breit anzukündigende Bestsellerverfilmung bleibt das stets auf dem Territorium von "gewollt, aber nicht gekonnt".
Und wer etwas auf sich halten will, der präsentiert seinem Publikum sowieso nicht jemanden wie Heike Makatsch in einer Rolle, die schon in einer TV-Soap-Opera so etwas wie eine peinliche Selbstparodie wäre.
Auf halbem Wege vom Arthaus zum großen Kino vor Durst verreckt. Schade eigentlich! (4/10)

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