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Widmet sich ein Film der Zeitreisethematik, gibt es der Vorbilder viele, die schnell für Vergleichstheorien parat stehen. Tatsächlich gibt es nur wenige Themen, die so unmittelbar an der eigenen Realität kratzen, denn wer hat noch nie eine frühere Entscheidung in Frage gestellt oder einer verpassten Chance nach getrauert ? - Neben dem ganz nahe liegenden Gedanken an eine zweite Chance, rufen diese Art Filme gleichzeitig auch die Frage nach den Konsequenzen hervor, die eine in der Zeit zurückliegende Veränderung hervorruft. Dabei können die Auswirkungen gar nicht komplex genug sein, um Befriedigung beim Betrachter hervor zu rufen, der in einem solchen Moment der Faszination nur Eines vergisst - das es keine Zeitreisen in der Realität gibt.

Nun erzählen viele Filme unrealistische Konstellationen, aber dabei handelt es sich in der Regel um Übertreibungen, während die Vorstellung einer Zeitreise nicht die kleinste Saat einer möglichen realen Entwicklung vorweisen kann. Warum also beschäftigen sich Bücher und Filme immer wieder mit dieser Thematik ? - Weil sie sich von den handelnden Personen entfernt, sich nicht nur mit deren Schicksal beschäftigt, sondern im besten Fall den Betrachter selbst zum Denken anregen kann. Und unter diesem Gesichtspunkt macht "Die Tür" alles richtig.

Der Beginn ist trotz seiner darin verborgenen Tragik konventionell. Der Künstler David (Mads Mikkelsen) schläft, anstatt auf seine Tochter Leonie (Valerie Eisenbart) aufzupassen, mit seiner Nachbarin (Heike Makatsch), und kann deshalb nicht verhindern, dass diese unglücklich im Swimmingpool ertrinkt. Seine Ehe mit Maja (Jessica Schwarz), die zu diesem Zeitpunkt schon schwer gestört ist, scheitert daran, und fünf Jahre später vegetiert David nur noch lebensmüde dahin. Zufällig gerät er in der Nähe seines Hauses in einen Tunnel, durchquert diesen und befindet sich plötzlich wieder in der Situation, kurz vor dem tödlichen Unglück seiner Tochter. Er sieht noch den fünf Jahre jüngeren David zu der Nachbarin gehen, wird bei dem Versuch, sofort zum Swimmingpool zu rennen, von einem LKW angefahren, kann Leonie aber noch retten. Doch bald kehrt auch sein jüngeres Ich wieder nach Hause zurück...

Die Gründe für einen Zeitsprung haben in der Regel zwei gegensätzliche Voraussetzungen. Entweder sie basieren auf unerklärlichen Phänomenen und sind deshalb nicht kontrollierbar, oder sie werden ganz konkret mit einer Art Zeitmaschine ermöglicht. "Die Tür" bietet eine überraschende Variante, indem sie sich vordergründig diesen fantastischen Lösungen verweigert und einen ganz profanen Tunnel anbietet. Natürlich ist auch diese Grundidee unrealistisch, aber sie wird konsequent weiter geführt. Nicht nur das David damit konfrontiert wird, plötzlich doppelt vorhanden zu sein, auch seine Veränderungen und Alterung bleiben zumindest seiner Tochter nicht verborgen, die den fünf Jahre älteren David nicht als Vater annimmt. Zudem ist es nur logisch, dass ein Tunnel, der David zufällig aufgefallen ist, auch anderen Menschen nicht verborgen bleiben kann.

Das "Die Tür" in ihrer Story - Entwicklung überraschende Wendungen vornimmt, ist nicht die eigentliche Qualität des Films (die spätestens bei der zweiten Ansicht stark nachlassen würde), sondern dass es gelingt, sich von dem kleinen Drama um den Tod der Tochter wieder zu entfernen, dass lange Zeit den eigentlichen Mittelpunkt des Geschehens zu bestimmen scheint.

Anhänger klassischer Zeitreise - Filme mögen enttäuscht davon sein, dass der Film dieses Szenario nicht zum üblichen Plädoyer über unvereinbare Zeitparadoxien oder die Erfüllung einer zweiten Chance fortführt, sondern es anstatt dessen durch immer wildere Auswirkungen gleichzeitig wieder in Frage stellt. Dem Film gelingt damit das seltene Kunststück einen fantastischen Ausgangspunkt wieder in der Realität zu verankern, keine Theorien über "was wäre wenn" zu spinnen, sondern zum Einen zu verdeutlichen, dass zwar Jeder gerne die Zeit zurückdrehen würde, aber sich allein dadurch trotzdem nichts verändert.

"Die Tür" ist ein Film, der sich auf einen kleinen Wirkungskreis beschränkt und ohne Spezialeffekte auskommt, aber dazu beiträgt, sich über komplexe Zusammenhänge Gedanken zu machen, die weit darüber hinaus gehen, ob man beim zweiten Mal seine Tochter rettet oder beim Tippschein die richtige Nummer ankreuzt (8,5/10).

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