Review

Was wäre gewesen, wenn "The Sixth Sense" nicht so ein brachialer Erfolg geworden wäre?
Wäre es ein heißer Geheimtip geworden?
Was uns zu der Frage bringt, wieso die Leute auf den Knien in die Kinos gerutscht sind, um ihn noch einmal zu sehen.

Nehmen wir die offensichtlichste Lösung mal an: es geht um den sogenannten Last-Minute-Plot-Twist, die entscheidende Szene, der gewisse Kniff, die überraschende Auflösung, die hier erst zwei Minuten vor Schluß erfolgt und auf überraschende Art und Weise den ganzen Film in komplett anderem Licht erscheinen läßt.
Selbst wenn man den Dreh ahnt oder er einem erzählt worden ist, birgt die Pointe von M.Night Shyamalans Groß-Debut genug Überraschungspotential, um noch die nächsten Tage die kleinen Zahnräder rotieren zu lassen, sei es nun aus Gründen der Analyse oder auf großer Fehlersuche.

Doch wo liegen die anderen Qualitäten?
Zunächst einmal: "The Sixth Sense" ist nur in zweiter Linie ein Horrorfilm. Er beginnt und endet als menschliches, bzw. kindliches Drama. Sogar Psycho-Drama, wenn man es wörtlich nimmt. Es gibt da einen Jungen, der Tote sehen kann! Das ist das Problem - ein höchst ungewöhnliches allerdings, vor allem für einen Neunjährigen. Das macht Angstzustände und belastet psychisch, weswegen sich ein Therapeut der Sache annimmt. Der Film behandelt diese Therapie.

Diesen Kniff beherrschte schon Hitchcock zur Genüge. Schlimm genug, daß einem Film ein Etikett aufgedrückt wird - hier spielt jemand mit den Erwartungen des Zuschauers. Shyamalan weiß, das die Leute der Werbung entsprechend Grusel und Horror erwarten, serviert ihnen aber eigentlich etwas ganz anderes, ein sensibles und gut gespieltes Drama, das ganz nebenbei noch mit einigen Horrorsequenzen gespickt ist.

Geduldig und in unendlich ruhigen, aber sehr stimmigen und perfekt abgestimmten Bildern inszeniert der Inder seine Exposition: Willis Bauchschuß durch einen psychisch durchgeknallten Ex-Kinderpatienten von ihn, sein Trauma, seine scheinbar zerstörte Ehe, der Junge mit der besonderen Gabe.
Letztere wird uns auch nicht um die Ohren gehauen, sondern wie Willis Psychiater entblättert der Junge sein Geheimnis nur langsam und Shyamalan verrät uns nicht mehr darüber, ehe es Willis nicht auch mitbekommen hat. Und auch dann schleicht sich der Schrecken auf leisen Sohlen an uns heran, eine unerwartete Gestalt, die an der Kamera vorbeigeht, eine Frau in der Küche, ein Junge auf der Suche nach einem Revolver. Nur langsam setzt sich das Puzzle zusammen und das Miträtseln fasziniert den Zuschauer, lädt zum Mitmachen ein.

Und als die Katze aus dem Sack ist, folgt der Film auch weiter seiner behutsamen Linie, führt eine ganz besondere Methode der Therapie vor (die Folgen des auf die Geister-Reagierens ergeben eine der intensivsten Szenen des ganzen Films, obwohl gerade da nichts Übernatürliches zu sehen ist. Und als auch dieser Knoten geplatzt ist, dann natürlich die Überpointe. Alles neu, alles anders - im letzten Moment blickt man zurück...und fängt von vorne an.

Neben der aussergewöhnlich kontrollierten Art der Inszenierung (übrigens in chronologischer Reihenfolge gefilmt, was dem Film gut tut) liegen die besonderen Qualitäten des Films in seinem Drehbuch. Das ist minutiös ausgefeilt und enthält nicht eine Szene, die für den weiteren Verlauf oder die Entwicklung der Charaktere nicht wichtig wäre. Alles baut aufeinander auf, erklärt, hängt zusammen, birgt Hinweise, sogenannte "Clues" für die Auflösung oder treibt den Plot voran.
Shyamalan weiß definitiv was er will und wie er es bekommt und filmt dann genau das.

Beachtenswert ist vor allem die Unbehagen bereitende herbstliche Atmosphäre, geisterhaft bleiche Drehorte und bedeckter Himmel in vielen Szenen, Gesichter des Sterbens. Selten wurden gewöhnliche Räume wie Kinderzimmer, Treppenschächte, Flure oder Küchen so still und bescheiden und doch so effektiv in Szene gesetzt. Doch ein Erstarren ist nie zu bemerken, die Uhr dieses Films tickt stetig und fast unbemerkt vor sich hin und so wirken ein ungemein guter Haley Joel Osmont und ein nüchtern-effektiver Bruce Willis wie ein klassisch eingespieltes Pärchen.

"The Sixth Sense" lernt man tatsächlich mit der Zeit noch mehr schätzen, gerade wenn der Überraschungseffekt am Ende weg ist. Aber dazu muß man nicht Horror, sondern Filme lieben. Und das macht einen Klassiker aus. (9/10)

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