Der 8-jährige verängstigte Außenseiter Cole trägt ein finsteres Geheimnis mit sich herum: Er besitzt die übersinnliche Fähigkeit, tote Menschen sehen zu können, die auf der Erde noch etwas zu erledigen haben. Dieser sechste Sinn quält ihn, weshalb er erst im Laufe der Zeit Vertrauen zu dem Kinderpsychologen Dr. Malcolm Crowe faßt. Der kommt der Realität hinter den grausigen Visionen seines Patienten immer näher...
Eine detailliertere Inhaltsangabe verkneife ich mir an dieser Stelle: Wer den genauen Inhalt dieses in vielerlei Hinsicht atemberaubenden und meisterhaften Mystery-Thrillers schon kennt, bevor er den Film überhaupt gesehen hat, ist selber schuld, denn dann entgeht dem Zuschauer einer der perfektesten und schockierendsten Überraschungseffekte der jüngeren Filmgeschichte.
Es fällt schwer, eine vernünftige Kritik über “The Sixth Sense” zu fassen, ohne auf die Handlung einzugehen. Dennoch möchte ich es an dieser Stelle einmal versuchen.
“The Sixth Sense” ist ein ungewöhnlich leiser und berührender Vertreter seines Genres, der ohne aufwendiges Blutvergießen anhaltende Spannung erzeugt, auch wenn Regisseur Night Shyamalan auf die Schockeffekte eines subtilen Horrorfilms/Mystery-Thrillers nicht ganz verzichten mag.
Seine emotionale Glaubwürdigkeit hat der Film seinen beiden Hauptfiguren zu verdanken. Bruce Willis präsentiert sich hier ungewohnt als einfühlsamer Kinderpsychologe und beweist, daß er auch anspruchsvollere Rollen als die des Actionhelden in “Stirb langsam” spielen kann, ohne sich nach Strich und Faden zu blamieren, siehe “Color of Night“. Getoppt wird seine hervorragende Leistung einzig von seinem famos aufspielenden Filmpatienten, dem jungen Haley Joel Osment, der die Rolle des Cole in einer Präsenz auszufüllen vermag, die beinahe beängstigend ist und ihm zu Recht eine Oscarnominierung einbrachte. Ich habe bisher wahrscheinlich keinen überzeugenderen Schauspieler in Osments Alter gesehen.
Die Handlung spielt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, daß alles, was er sieht, immer für real gehalten wird. Shyamalan nutzt dies zu seinen Gunsten aus, um den Betrachter mit seiner - von mir bereits angesprochenen - Schlußpointe zu verstören. Im Nachhinein kann jeder sagen - wie ich es in einigen anderen Reviews gelesen habe -, daß der Ausgang des Films vorhersehbar ist, weil er sich in der Mitte des Films schon erahnen läßt. Das mag sein, aber während man sich den Film das erste Mal ansieht, kommt man garantiert nicht auf die grandiose Auflösung, weil der Regisseur immer wieder von ihr ablenkt. Wer also ohne jegliche Vorkenntnisse in “The Sixth Sense” hineingeht, wird erschrecken. Night Shyamalan sagte hierzu: “Das Drehbuch ist derart schlüssig verschnürt und das Ende so unvorhersehbar, daß der Überraschungseffekt vollkommen ist. Es ist ein Film, der es wert ist, zwei oder drei Mal gesehen zu werden, um alle Feinheiten zu erfassen.” - Dem kann ich nur zustimmen.
Der Überraschungseffekt ist natürlich beim zweiten Mal weg, dafür kann man sich dann also den anderen eindrucksvollen Details widmen.
Zum einen wäre das natürlich die herrlich morbide und alptraumhafte Atmosphäre, die mir immer wieder von neuem einen kalten Schauer über den Rücken laufen läßt. Einen großen Teil zu dieser gespenstischen Atmosphäre trägt die Kameraführung des bereits mehrfach ausgezeichneten Tak Fujimoto bei, die den Bildern einen kunstvollen Charakter und eine immense Kraft verleiht.
Außerdem gibt es auch hier von Shyamalan den Hitchcockschen Kurzauftritt: Der damals 29-jährige tritt als Arzt auf - eine Reminiszenz an den Altmeister.
Doch auch andere Szenen erinnern an große Vorbilder: Bei Betrachten der halluzinatorischen Fähigkeiten denkt man zwangsläufig an Stanley Kubrick und seinen Horrorklassiker “Shining” (1980) oder die wie von Geisterhand geöffneten Küchenschranktüren an Tobe Hoopers “Poltergeist” (1982).
Fazit: Ein perfekter, von einem genialen Schauspielertandem getragener, atmosphärisch starker und vor allem meisterhaft aufgebauter Psychothriller mit Horror-Touch, der auch viele Hartgesottene noch das Fürchten lehren dürfte - und der Schluß hat es echt in sich und schockiert. Deshalb rate ich jedem, “The Sixth Sense” völlig unvorbereitet anzuschauen.
GESAMT: 9/10 (Unterhaltungswert: 9 - Handlung: 9 - Schauspielerische Leistungen: 10 - Kameraführung/Atmosphäre: 10 - Musik: 8)