Bruce Willis spielt einen Kinderpsychologen, der von Gewissensbissen geplagt wird, nachdem ein ehemaliger Patient in seine Wohnung eingedrungen ist und ihn mit dem Vorwurf konfrontiert hat, ihm einst nicht geholfen zu haben. Anschließend schoss der Einbrecher zunächst auf seinen ehemaligen Psychologen, dann nahm er sich das Leben. Nun sieht sich der engagierte Psychologe mit einem neuen kleinen Patienten, gespielt von Haley Joel Osment, konfrontiert, der ähnliche Symptome aufweist, wie sein damaliger Patient. Es dauert eine Zeit, bis er das Vertrauen des Jungen gewinnt und dieser ihm anvertraut, dass er tote Menschen sieht.
“Ich sehe tote Menschen“ dürfte wohl eines der bekanntesten Filmzitate aller Zeiten sein und auch die zugehörige Szene dürften viele vor Augen haben, selbst manche, die den Film überhaupt nicht gesehen haben. Es ist eine von vielen Szenen, die bei “The Sixth Sense“ unter die Haut geht, einer der intensivsten Momente der jüngeren Filmgeschichte. Überhaupt handelt es sich bei Shyamalans Werk um eines, das schon jetzt getrost als Klassiker bezeichnet werden kann. Um einen Mystery-Thriller, der über 600 Millionen Dollar eingespielt hat und somit einer der erfolgreichsten Genrefilme aller Zeiten ist. Nicht grundlos inspirierte der Überraschungshit in den Folgejahren einige ähnlich Werke, wobei kaum ein Genrefilm und keines der Plagiate “The Sixth Sense“ erreichen konnte, der zudem als einer von wenigen Mystery- bzw. Horrorfilmen eine Oscar-Nominierung als bester Film einstreichen konnte.
Nach der Eingangssequenz, in der ein verstörter junger Mann in die Wohnung seines ehemaligen Psychologen eindringt, startet das Geschehen zunächst ruhig und langsam. Der von Bruce Willis verkörperte Protagonist wird mit seinem neuen Patienten konfrontiert und versucht sein Vertrauen zu gewinnen. Es gibt einige Hinweise darauf, dass mit dem jungen Außenseiter etwas nicht stimmt, auch darauf, dass hier übersinnliche Phänomene eine Rolle spielen könnten. Und dabei bleibt es zunächst.
Überhaupt ist der virtuose Erzählstil Shyamalans einer der Gründe dafür, dass ihm hier einer der besten Filme aller Zeiten gelungen ist. Obwohl “The Sixth Sense“ mit einigen gelungenen Wendungen aufwartet, besonders natürlich mit der genialen finalen, zeigt Shyamalan keine erzählerische Ungeduld, streut lieber zunächst subtile Andeutungen ein, was mit dem Jungen nicht stimmen könnte. Shyamalan arbeitet auch mit Schock-Effekten und Hintergrundgeräuschen ausgesprochen sparsam, stattdessen verlässt er sich vor allem auf sein hervorragendes Darsteller-Ensemble. Er setzt Kinderzimmer und sonstige Schauplätze, die meist etwas düster sind, gekonnt in Szene, auch die Kirche, die mehrfach als Kulisse dient, erweist sich als echter Glücksgriff. Man hat stets das Gefühl, dass etwas Unheimliches in der Luft liegt, wenngleich es sich erst später im Film allmählich manifestiert. Eine derart dichte Atmosphäre haben nur wenige Filme, Shyamalan baut sie auch ohne aufdringliche Soundeffekte, Gewaltdarstellungen oder Ähnliches auf.
Dabei verliert Shyamalan seine Figuren nicht aus den Augen. Er zeigt, wie sich der von Bruce Willis verkörperte Protagonist von seiner Frau entfremdet, weil der neue Patient ihm alles abverlangt. Ein Patient, der dem Verstorbenen so ähnlich ist, dass es den Psychologen förmlich zerreißt. Die entsprechende Besetzung mit einem nüchternen, ruhigen und gewohnt charismatischen Bruce Willis, wenngleich Oscar-Ambitionen eher unverdächtig, erweist sich dabei als echter Glücksgriff. Willis trägt durch den Film, macht seine Sache gut, lässt aber den anderen Darstellern viel Raum.
Raum, den besonders Haley Joel Osment perfekt auszufüllen vermag. Osment, zum Zeitpunkt des Drehs gerade einmal elf Jahre alt, spielt neben Willis mindestens ebenbürtig auf. Auch seine Figur bewegt sich mitunter auf Augenhöhe mit dem Psychologen, was “The Sixth Sense“ durchaus auszeichnet. So kommt es zu tollen Dialogen zwischen dem Arzt und seinem kleinen Patienten, die über weite Strecken ein Motor des Films sind. Hier liegt auch bei den Therapiegesprächen Spannung in der Luft. Überhaupt spielt Osment hier ganz groß auf, bringt den jungen Außenseiter extrem eindringlich auf die Leinwand, meistert die zahlreichen emotionalen Momente vollkommen glaubhaft und hat wesentlichen Anteil daran, dass sich das Geschehen auch auf der emotionalen Ebene zunehmend zu steigern vermag. Ohne den brillanten Kinderdarsteller wären hier viele Gänsehautmomente, etwa der eingangs beschriebene, nicht möglich gewesen. Nicht unerwähnt bleiben darf die neben Osment ebenfalls zu Recht für den Oscar nominierte Toni Collette, die die Mutter des verängstigten Jugendlichen ebenfalls grandios verkörpert.
In der zweiten Filmhälfte erhöht Shyamalan die Schlagzahl dann allmählich, verfällt aber nicht in klassische Horrorklischees. Er behält die Figurenzeichnung im Auge, streut aber gleichzeitig mehr Mystery-Elemente und wenige wohl dosierte Schockmomente ein, zieht Spannung und Dramatik an. Dennoch bleibt “The Sixth Sense“ bis zum Schluss - und das unterscheidet ihn in wohltuender Art und Weise von den meisten anderen Genrefilmen - ein Film der ruhigen Töne, einer, der sich langsam entwickelt, aber mit dichter Atmosphäre und guter Story dennoch fesselt. Ein Mystery-Thriller, den man hinterher nicht mit einzelnen Schock-Effekten oder Ekel-Szenen assoziiert, sondern mit einem weinenden Haley Joel Osment, der seinem Psychologen sein Geheimnis beichtet, oder seinem genialen finalen Twist, der an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden sollte. Nur so viel: Shyamalan schließt den Kreis nicht nur auf der inhaltlichen, sondern auch auf der dramaturgischen Ebene perfekt und weiß noch einmal zu überraschen, als man eigentlich dachte, alles sei klar.
Fazit:
Was immer man von M. Night Shyamalan, dem nach “The Sixth Sense“ zunehmend weniger gelungen ist, so halten mag, mit seinem ersten größeren Film ist ihm ein Meisterwerk gelungen, ein Film der schon jetzt als Klassiker bezeichnet werden kann. Ohne die großen Schock- und Spezialeffekte, ohne dröhnenden Score und auch ohne Blut und Gedärme ist ihm hier ein Mystery-Thriller gelungen, dessen Atmosphäre nicht dichter und dessen Story nicht ausgeklügelter sein könnte. Ein Thriller, der dank des grandiosen Darsteller-Ensembles auch emotional fesselt und mit einem unvergesslichen Finale aufwartet. Einer, der zeigt, dass es auch in der Horror-Sparte die ruhigen, langsamen Filme sein können, die die größte Wirkung erzielen.
99%