„Habt ihr ein Pferd für mich?“ – „Also, wenn ich mich hier so umsehe, entdecke ich nur drei Pferde. Sollten wir tatsächlich eins vergessen haben?“ – „Nein, ihr habt zwei zuviel.“
Und so beginnt es – irgendwo im Westen mit einem grandiosen Shootout!
Wahre Meisterschaft ist selten und kostbar und nur wenige haben bei einer begrenzten Anzahl von Filmen so oft dieselbe bewiesen wie Sergio Leone. „Once upon a Time in the West“ gilt weithin als sein Meisterwerk, wahlweise auch als einer der besten Western oder der beste Italo-Western überhaupt.
Was es aber wirklich ist: es ist der Abgesang auf den Western überhaupt, ein definitives Ausrufezeichen und die Erhebung des Western an sich zur Kunstform -–ein Monument, das danach nicht mehr auch nur ansatzweise erreicht wurde.
Leones Epos beinhaltet verschiedene wesentliche Elemente aus zahlreichen Westernergeschichten und verdichtet sie zu einer Reihenfolge von Szenen, die Intensität, Atmosphäre und Gefühl des Westernfilms in ihrer pursten Form ausstrahlen.
Allein die vier Hauptfiguren stellen Archetypen des Genres dar, allerdings schon der Endzeit dieser Epoche entlehnt:
Jason Robards als Cheyenne etwa ist ein waschechter Outlaw, der Mann hinter dem das Gesetz immer her sein wird, ein Bandit, aber mit so etwas wie einem persönlichen Ehrgefühl, ein Überlebender der wilden Horden des Westens. Seine Zeit ist jedoch abgelaufen und obwohl er noch hin und wieder sein altes Spielchen treiben kann, wird er doch mehr und mehr zum Spielball der einsetzenden Moderne.
Die Eisenbahn als Zeichen der übergreifenden Zivilisation holt ihn ein und schlußendlich wartet auf ihn eine anonyme Kugel.
Das diametral entgegengesetzte Gegenstück dazu ist Henry Fondas „Frank“, der schon einem anderen Zeitalter anzugehören scheint. Frank ist ein eiskalter Killer, der stets nur seinen Profit oder zumindest seinen Vorteil vor Augen hat und nur so paktiert, wie es ihm paßt. Er ist der Unternehmer der Zukunft, der sich vor dem Gesetz wird schützen können, während er Gegner aus dem Weg räumt.
Gegen diese überlebensgroße Figur hilft nur noch das pure Chiffre: Charles Bronsons „Harmonika“ hat nicht einmal mehr einen richtigen Namen, sondern bleibt stets mysteriöse, wenn nicht mystifizierte Figur, die einzig und allein der Wunsch nach persönlicher Rache antreibt und das Ziel ist eben Frank. Um seinen Plan dieser Rache nach Wunsch umzusetzen, handelt er ebenfalls über die Köpfe anderer hinweg, doch im Gegensatz zu seinem Widersacher immerhin mit der nötigen Spur Menschlichkeit, wenn auch seine Beweggründe nicht leicht zu erschließen sind.
Die subtile Bedrohung dieses menschlichen Fragezeichens benötigt nicht einmal einen Namen – er ist eh nur die Personifikation von Franks Nemesis und antwortet auf die wiederholte Frage nach seinem Namen stets nur mit den Namen von Franks Opfern.
Zwischen diesem Triangle steht Claudia Cardinale als die ehemalige Hure mit ein wenig Herz und hoher Schmerzverträglichkeit, die sich vierfach um eine Bindung/Unterordnung bemüht und damit scheitert: ihr Mann wird erschossen, Frank nimmt sie als Mensch nicht wahr, Harmonika treibt die Rache weiter und Cheyenne kommt zu spät für sie.
Am Ende steht für sie die Emanzipation, das simple Karrieredenken und Durchsetzungsvermögen im Rahmen der Möglichkeiten des späten 19.Jahrhunderts.
Natürlich enstehen diese Archetypen nicht in einer realistischen Abbildung der früheren Zustände. Leone stilisiert sein Bild des Westens herauf, der Film ist ein Destillat der wesentlichen Züge des Westerns, sowohl des amerikanischen wie auch des europäischen.
Dabei erschafft er einen melancholisch-traurigen oder zumindest resignativen Totentanz, in dem die Figuren meistens nach Erlösung streben, aber damit scheitern.
Leone faßt dies in epische Bilder von geradezu aufreizender Langsamkeit, breiten Szenen, Personen und Landschaften vor dem Zuschauer aus und kitzelt das Denkwürdige aus ihnen heraus, getragen von bisweilen nur sehr wenig gesprochenem Dialog, der jedoch gleichzeitig um so denkwürdiger ist, indem er reichlich Zitate hervorbrachte, die zum Allgemeingut wurden.
So besteht die erste Dreiviertelstunde des Films etwa auch nur aus ganzen vier Sequenzen, die bis zum Exzess ausgespielt werden: die wartenden Revolvermänner am Bahnhof samt Shootout; der Mord an der Familie McBain; die Ankunft der Cardinale und schließlich das Intermezzo in der Kutschenstation, in der Cheyenne eingeführt wird.
Veredelt durch die stilvolle Kameraarbeit, die jede Falte und jede Unergründlichkeit der Blicke der Figuren heraushebt und teilweise konträr gegen die beeindruckenden Landschaftstotalen setzt, betont vor allem Ennio Morricones grandioser Score die Stimmung des Films, der für jeden der vier Hauptcharaktere ein eigenes Thema präsentiert und sonst mit schwermütiger Melancholität oder deutlicher Todesahnung die Endzeitstimmung anheizt.
Selbst wenn die Narration ein wenig behäbig bleibt, gibt es fast nur denkwürdige Szenen in diesem Film, angefangen von der Titelsequenz, über den Mord Franks an dem kleinen Jungen („Du sollst nicht meinen Namen nennen!“), das fast wortlose Duell in der Postkutschenstation („In den Mänteln steckten drei Männer. Und in den Männern steckten drei Kugeln!“), die Szenen mit Harmonika und Cheyenne rund um den Zug („Soll ich einem Mann vertrauen, der nen Gürtel trägt und dazu noch Hosenträger, einem Mann der nicht mal seiner eigenen Hose vertraut?“), dem Anschlag auf Frank zur Mittagszeit („Mann kommt kaum zum Essen, es ist schon wieder Mittag!“) und natürlich das finale letzte Duell, das so ziemlich niemand vergessen wird, der es jemals gesehen hat.
„Spiel mir das Lied vom Tod“ ist von einer staubigen und traurigen Pracht, wie sie die Amerikaner nie hervorbringen hätten können, ohne Edelmut oder wirklich humane Gesten, ohne echte Hoffnung oder Erlösung, ohne ein Happy End, nur mit einer Art Neuanfang.
Eine schwermütige und monumentale Geschichte, die in all ihrer Unmenschlichkeit trotzdem das Herz des Zuschauers anspricht und den auf Film gebannten Moment unvergeßlich macht. (10/10)