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"Vielleicht sind meine Waffen nicht so wirkungsvoll wie deine. Aber sie machen nette kleine Löcher, und das hat doch auch was für sich."

Eigentlich wollte sich Sergio Leone nach seiner "Dollar Trilogie" einem anderen Genre als Western widmen. Ihm fiel das Buch "The Hoods" in die Hände, welches er aber erst Jahre später als "Es war einmal in Amerika" auf die Leinwand bringen konnte, da sich 1968 keine Geldgeber für einen Gangsterfilm finden ließen. So drehte er erneut einen Western. Und dieser Western sollte das Genre im Laufe der Jahre so aufwühlen, wie es "Der Herr der Ringe" im Bereich der Fantasyfilme tat.

Dem Geschäftsmann Morton (Gabriele Ferzetti) ist die "Sweetwater" Ranch ein Dorn im Auge, die sich auf der geplanten Strecke einer neuen Eisenbahnlinie befindet. Es wird gemunkelt, dass sich in dieser Gegend in naher Zukunft eine Siedlung bilden könnte, da die "Sweetwater" Ranch in weiterem Umfeld die einzige Quelle für Wasser bietet. Dies würde den Grund und Boden um ein Vielfaches aufwerten und den Grundstückswert unermeßlich steigern. Somit beauftragt Morton den skrupellosen Frank (Henry Fonda) den Besitzer Brett McBain (Frank Wolff) und seine drei Kinder zu töten. Was sie aber nicht wissen ist, dass McBain vor kurzem heimlich geheiratet hat und dessen Frau Jill McBain (Claudia Cardinale) sich gerade auf der Anreise befindet. Als diese auf der Ranch eintrifft führt sie alleine die Ranch weiter. Der Gesetzlose Cheyenne (Jason Robards) und ein schweigsamer Mann mit Mundharmonika (Charles Bronson) stoßen sogleich zu ihr, denn Morton und sein Gesindel lassen nicht locker und die beiden haben noch eine Rechnung mit ihm und Frank offen.

Gleich zu Beginn des Films spürt man, wie viel Zeit und Liebe zum Detail sich Sergio Leone bei diesem Western nahm. Statt Dialogen lässt Leone fast einzig Bild und Soundeffekte sprechen. 13 Minuten bleibt die Handlung genau genommen stehen, man wartet mit drei Cowboys auf einen nahenden Zug und beobachtet diese, während einem von ihnen Wasser auf den Hut tropft, einem anderen surrend eine Fliege ins Gesicht fliegt oder ein Windrad, das während es sich dreht beständig vor sich her quietscht. All dies signalisiert die Ruhe vor dem sich nähernden Sturm in Form von der Eisenbahn und dem sich darin befindenden Unbekannten mit der Mundharmonika. Die Eisenbahn trifft quietschend ein, lädt seine Ladung ab, BAM, BAM, BAM und die drei zwielichtigen Gestalten liegen am Boden. Szenenwechsel.
In etwa so funktioniert der gesamte Film. Leone baut sachte ein Konstrukt auf, verdichtet dieses und lässt es in sekundenschnelle und mit lautem Getöse platzen. Und genau hier scheiden sich häufig die Geister, denn die zählbaren, knallharten Schießereien fallen schnell und kompromißlos aus, und sind eindeutig nur Schmuckwerk. Wesentlich mehr Zeit wird für die Charaktere und eine detailreiche Welt aufgewendet. Wenn man sich darauf einlässt erlebt man eine wahre Meisterleistung. Denn statt zu langweilen erstrecken sich die zweieinhalb Stunden äußerst unterhaltsam und spannend und das, obwohl man die komplette Handlung in 90 Minuten hätte abhandeln können.

Wie schon erwähnt stellt "Spiel mir das Lied vom Tod" seine Charaktere in den Vordergrund. In Form von langsamen Kamerafahrten wird penibel Munitionsgürtel, Hemd, wehender Mantel und starres Gesicht in den Mittelpunkt gesetzt, so dass man sich später an jede Einzelheit erinnert. Solch eine Anwendung einfacher kameratechnischer Mittel ist gar effektiver als manch, mit Special Effects überladener neuzeitlicher Film, in dem die Details in den Hintergrund fallen. Wer erinnert sich schon noch in einem hektischen, temporeichen Thriller daran, was die Hauptdarsteller an Kleidung trugen nachdem ein Gebäude bombastisch und mit lautem Getöse in die Luft fliegt. Wichtiger ist in diesem Fall die Effekthascherei, ob die Kostümierung danach noch stimmt oder plausibel ist, ist zweitrangig.
Da 1968 die technischen Möglichkeiten begrenzt waren, fällt die Effekthascherei aus bzw. präsentiert sich handwerklich durch eine konfirme Ausstattung oder ausgefeilte Soundeffekte. In diesem Fall ist Kulisse sowie Ausstattung üppig ausgefallen. Die Landschaften sind weit und rauh durch Felsformationen geprägt, Gebäude sind einfach und staubig ausgefallen, soweit alles passend für einen Western.
Da es vergleichsweise wenige Dialoge gibt, wird des öfteren auf Sounds zurück gegriffen oder der tolle Soundtrack eingespielt, der zwar aus nur wenigen Musikstücken besteht, dafür aber umso atmosphärischer ausgefallen ist und trotz mehrfachem hören nie nervt.

Ebenso wertvoll erschien Leone wohl der stilistische Wert. Der genial klassisch ausgelegte Western-Stil brilliert nicht nur durch seine weiten Landschaften, die verstaubten Straßen oder die rauhen Figuren. Es finden sich auch immer wieder Szenen in denen die Gesetzlosen einfach da stehen, während der Wind ihre langen Mäntel lebendig werden lässt. Ganz besonders groß ist das Finale ausgefallen, wobei sich die Hauptpersonen in einem Duell gegenüber stehen. Pompös entfaltet sich der Soundtrack zu diesem Finale, lässt die Bilder der sich gegenüber stehenden Duellisten im Staub der Straße sprechen und entflammt das knistern der Spannung im Sekundentakt ohne das Tempo zu erhöhen. Auch hier wird die Geschichte in bewegten Bildern und nicht durch Dialoge erzählt.
Der Plot selbst ist einfallsreich in einer Geschichte um Macht, Gier und Rache verpackt. Wo es aber schwächelt ist der Verlauf der Geschichte, denn der Ablauf ist durchgängig vorhersehbar, auch das Finale selbst, was allerdings durch die Auflösung der Verhältnisse punkten kann.

Darstellerisch stehen fünf Personen im Vordergrund die sich gegenseitig nichts nehmen lassen. Für Charles Bronson bedeutete der Western den Durchbruch in den USA und zeichnete sich später durch ähnlich wortkarge Rollen aus. Es scheint als seien ihm diese Rollen auf den Leib geschrieben. Ihm gegenüber steht Henry Fonda der dazumal nur Rollen auf Seiten der Guten hatte und schockierend gut das todbringende, aber auch nachdenkliche, Ungetüm mimt. Jason Robards übernimmt die vielseitigste Aufgabe und verkäuft den Gesetzlosen Cheyenne sehr charmant und leicht erheiternd. Gabriele Ferzetti macht das Quartett als kränkelnden, beinahe wehrlosen aber auch egoistischen Geschäftsmann komplett. Zwischen ihnen allen steht als einzige größere Frauenrolle Claudia Cardinale, die nicht nur als hübsches, schmückendes Beiwerk dient, sondern auch die Frau, die sich der rauhen Welt des Westens anpassen muss, präsentiert.

"Spiel mir das Lied vom Tod" ist ein Epos, eine eigenständige Welt die durch ihr detailliertes Design aus der Reihe fällt. Selten funktioniert das Zusammenspiel zwischen Kamera, Musik, den Charakteren und den zugehörigen Schauspielern so gut, dass sich die Bilder fest in das Gedächtnis einbrennen, die Geschichte beinahe ohne Worte weiter entwickelt und eine Atmosphäre Sondergleichen erschafft. Definitiv einer der besten Western überhaupt!

10 / 10

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