Oh, Mann! Was gehen mir Superheldenfilme mittlerweile auf den Keks. Das ewig gleiche, bombastisch-aufgeblasene CGI-Gedöns, lächerliche, bunt zusammengewürfelte Heldengruppierungen, immer neue, immer stärkere Gegner, sinnlos zusammenkonstruierte Pseudo-Konflikte (damit sich die Superhelden auch untereinander prügeln können), und am Ende ist wieder alles beim Alten, das Böse ist besiegt, die Guten ziehen zufrieden von dannen. Am Schlimmsten ist jedoch, daß der zig Millionen Euro teure Pixeltsunami kalt und seelenlos von der Leinwand ins Publikum schwappt, ohne Charme, ohne Herz, und schön weichgespült, um nur ja nirgendwo anzuecken. Allen möchte man es recht machen, bloß niemanden vergraulen. Eine eigene Handschrift? Fehlanzeige! Man könnte die Regisseure beliebig untereinander austauschen, und niemand würde es merken, der Film wäre der gleiche. Aber genug der Meckerei. Erstens bringt es nichts, und zweitens sind die Geschmäcker verschieden, wie die Millionen Menschen beweisen, die immer wieder aufs Neue in die Kinos strömen, um den Abenteuern der Superhelden beizuwohnen.
Wobei ich nichts gegen Superhelden per se habe. Ich mag es halt lieber Old School, und gerne auch mit Ecken, Kanten und Regisseuren, die ihren Arbeiten einen eigenen Stempel aufzudrücken imstande sind. Tim Burtons und Christopher Nolans Batman-Filme sind immer wieder ein Genuß, Juan Piquer Simóns Supersonic Man rührt mich zu Tränen, Mario Bavas Diabolik ist einfach nur göttlich, Mark Goldblatts The Punisher rockt, Thilo Gosejohanns Captain Cosmotic ist genial, ja, selbst J.R. Bookwalters Robot Ninja bereitet mir wesentlich mehr Spaß als das aktuelle Avengers-Spektakel. Womit wir - endlich - bei The Dark Angel: Psycho Kickboxer wären. Keine Ahnung, ob der Dark Angel jetzt überhaupt per Definition ein Superheld ist oder nicht, ist mir ehrlich gesagt auch schnuppe. Für mich ist der Typ ein Superheld, basta! Alleine schon deswegen, weil sonst die ganze schöne Einleitung ad absurdum geführt wird. Alex Hunter (aka Dark Angel), der Held dieser immens launigen Actiongülle, ist ein phantastischer Kickboxer, was kein Wunder ist, wird er doch vom 1962 geborenen Curtis "The Explosive Thin Man" Bush gespielt, seines Zeichens fünffacher Kickbox-Weltmeister.
Und schon in der Eröffnungsszene, einem Trainingskampf, darf Herr Bush zeigen, was er drauf hat. Ja, der durchtrainierte Mann beherrscht sein Metier (Kampfsport, nicht Schauspielerei, Gott bewahre!). Nur die übertriebenen, comichaften Schlag- und Trittgeräusche lenken ein wenig von seinem fulminanten Können ab. Auch abseits des Kampfrings geht es ihm gut, hat er mit Julie doch eine hübsche, vertrauensvolle Freundin ("As long as I've got you nothing's gonna happen to me") an seiner Seite, die seinen eher lustlos vorgetragenen Heiratsantrag auch prompt annimmt. Alex ist der Sohn von Chief Alan Hunter (George James), welcher gerade dem skrupellosen Gangsterboß Hawthorne (Tom Story) im Nacken sitzt. Um den hartnäckigen Polizisten ein für alle Mal loszuwerden, schlagen Hawthornes Männer gnadenlos zu. Alan, Alex und Julie werden feige aus dem Hinterhalt attackiert, überwältigt und entführt, und dann wird es unschön. Chief Hunter muß am Lauf einer Pumpgun nuckeln, deren Kugel seinen Schädel spektakulär explodieren läßt. Julie wird vor Alex' Augen vergewaltigt und ermordet, und Alex selbst wird angeschossen, heftigst verprügelt und zum Sterben zurückgelassen.
Aber Alex ist zäh, er weigert sich zu krepieren. Stattdessen wird er von Joshua (Rodney Suiter), einem dunkelhäutigen Vietnam-Veteran im Rollstuhl, gefunden und gesund gepflegt. Und anschließend auch noch trainiert. Joshua hat mit Hawthorne nämlich noch eine Rechnung offen, und da kommt ihm Alex gerade recht. Mal ehrlich: Wann, wenn nicht nach einem solch schrecklichen Erlebnis, kann man zu einem Dark Angel oder zu einem Psycho Kickboxer (oder am besten gleich zu beiden zusammen) werden? Und so geschieht es. Als Dark Angel streift Alex kostümiert durch die Straßen, auf der Suche nach Verbrechen, die es zu vereiteln gilt (der Mann hat einen echten Riecher dafür). Egal ob heimtückischer Handtaschendiebstahl, ungenehmigtes Graffiti-Sprayen, brutales Carnapping oder versuchte Vergewaltigung, Alex pfuscht den Schurken gehörig ins Handwerk. Daß er dabei meist nicht gerade zimperlich vorgeht, versteht sich bei seinen Kickboxkünsten von selbst. Während unser Superheld fröhlich Fressen poliert, Knochen bricht und Schädel zerschmettert, spuckt das Lumpenpack Blut und stöhnt vor Schmerzen. Aber das alles sind natürlich nur Aufwärmübungen, denn am Ende geht es gegen Hawthorne und dessen Schergen.
The Dark Angel: Psycho Kickboxer ist ein klarer Fall von SBIG (= so bad it's good). An und für sich ist das angeblich nur zehntausend Dollar billige B-Movie ein ziemlicher Murks und keinesfalls ernst zu nehmen. Die Regisseure Mardy South und David Haycox verpassen dem in Hampton Roads, Virginia, gedrehten Streifen eine sehr sympathische Camp-Qualität, die nicht nur für mordsmäßig Laune sorgt, sondern auch das Eis jeder Party in Rekordzeit brechen sollte. Auf mich wirkt der Film wie das mißglückte Love-Child aus Revenge of the Ninja und Captain Cosmotic. Da kippt der Film manchmal in Sekundenschnelle von ernst und brutal in absurd und haarsträubend, geben sich harte, blutige Fights und lächerlich-dämliche Aktionen die Klinke in die Hand. Als Beispiel sei die Szene genannt, in der ein Mann versucht, ein Auto zu klauen. Er reißt die Tür auf, prügelt das Gesicht der Fahrerin blutig und will sie aus dem Wagen zerren, doch plötzlich taucht Dark Angel auf und gibt ihm Saures. Während Dark Angel, nachdem er noch fürsorglich nach dem Opfer gesehen hat, die Beine in die Hand nimmt und davonläuft, als müßte er mal ganz, ganz dringend für kleine Superhelden, brettert die wütende Autobesitzerin beinhart über den Kopf des am Boden liegenden Täters und zermalmt ihn zu Mus.
In Sachen Gewaltdarstellung übt sich The Dark Angel: Psycho Kickboxer nicht gerade in vornehmer Zurückhaltung. Allerdings sind diese Momente eher cheesy in Szene gesetzt. Sie sind zwar recht hart, aber nicht unangenehm hart, sondern eher comichaft hart. Dieser sehr angenehme Comic-Touch wird durch die simple, formelhafte Geschichte, die übertriebenen Soundeffekte und den eindimensionalen Figuren, die unserem Superhelden zum Fraß vorgeworfen werden, noch unterstrichen. Hin und wieder fühlt sich der Flick an wie einer dieser lustig zusammengeschusterten Ninja-Trasher aus den 1980er-Jahren, nur daß anstelle von bunten Ninjas ein psychopathischer Kickboxer Jagd auf Bösewichte macht. Wobei ich noch erwähnen sollte, daß das Kostüm unseres Helden frappant einem (schwarzen) Ninja-Outfit ähnelt. Da man die klischeetriefende Grundstory nicht auf neunzig Minuten strecken konnte oder wollte, gibt es zwei Nebenhandlungsstränge, von denen sich einer - Journalistin Cassie Wells (Kim Reynolds) tut sich mit Privatdetektiv Jack Cook (Rick Clark) zusammen, um herauszufinden, wer als Dark Angel sein Unwesen treibt, und dabei geraten die beiden prompt in Hawthornes Schußlinie - immerhin gegen Ende mit der Hauptgeschichte verbindet. Der andere (zwei Komiker einer Radioshow quasseln über unseren Helden) ist bloßes Füllmaterial.
In Punkto Plausibilität muß man Abstriche in Kauf nehmen. Das ist auch gut so, denn sonst wäre der Film nach ca. fünfzehn Minuten (wenn es die Gangster verabsäumen, dem angeschlagenen Alex den Rest zu geben) schon zu Ende. Am Schluß kommt es sogar zu einem Déjà-vu. Erneut befindet sich Alex in Gefangenschaft, gefesselt, verletzt, hilflos. Anstatt ihm jedoch einfach eine Kugel in den Schädel zu jagen, hat sich Hawthorne (der hin und wieder übrigens ein klassisch-diabolisches Über-Bösewicht-Lachen zum Besten gibt) etwas Besonders einfallen lassen. Er läßt Dark Angel gegen die besten Kämpfer der Welt antreten, die er mal eben hat einfliegen lassen. Wie das ausgeht, kann sich jeder, der ein klein wenig Ahnung von diesem Genre hat, bestimmt ausmalen. Fünf lange Jahre dauerte es, bis The Dark Angel: Psycho Kickboxer endlich im Kasten war. Gut Ding braucht eben Weile. 1997 wurde er auf die Welt losgelassen... und damit kam er etwa acht Jahre zu spät. Ach, was wäre es schön gewesen, wenn Curtis Bush zeitgleich mit Dolph Lundgren den Verbrechern das Fürchten gelehrt hätte? Damals hätte es der Streifen bestimmt auch nach Deutschland geschafft, wäre von den Sittenwächtern um einige Minuten erleichtert worden und hätte das Herz der Fanschar trotzdem im Nu erobert, davon bin ich überzeugt. Aber es hat nicht sollen sein. Schade. So muß The Dark Angel: Psycho Kickboxer halt weiter alleine im Untergrund wüten.