Zu einem unfreiwillig legendären Ruf avancierte „Heaven’s Gate“ dank seiner denkbar katastrophalen Produktionsumstände und dem Umstand im nachhinein einer der größten Flops der Filmgeschichte zu sein.
Regisseur und Autor Michael Cimino brach dieser epische Western das Genick und zerstörte seine verheißungsvolle Karriere, die sich fünf Jahre erholen musste, bis man ihm erlaubte überhaupt wieder einen Film zu drehen und zwar unter den Augen wachsamer Produzenten, die das Budget mit Argusaugen überwachten. Seine Reputation war jedoch für immer zerstört und richtig Fuß konnte er hiernach nie wieder fassen, weswegen Jobs für ihn immer rarer wurden, er in den Neunzigern trotz „The Sunchaser“ völlig in Vergessenheit geriet und sich nach Frankreich zurückzog, wo er inzwischen Bücher schreibt.
Dabei sollte dieser Film seinerzeit etwas ganz Großes werden. Cimino hatte mit dem fünffachen Oscar-Gewinner „The Deer Hunter“ alles richtig gemacht und erhielt von United Artists quasi einen Blankoscheck für sein nächstes Projekt.
Als nihilistischer, bedrückender Abgesang auf den Wilden Westen geplant, griff Cimino das ureigene amerikanische Genre mit voller Breitseite an und konnte damit nur verlieren, weil erstens das Genre zu diesem Zeitpunkt tot war und der Zeitgeist der Reagan-Administration, die amerikanische Ideale mit Rückbesinnung auf die eigene Geschichte proklamierte, sich dem mehrfach verschobenen Film auch in den Weg stellte. So ein düsteres Kapitel wollte sich niemand in Zeiten der Aufbruchstimmung und der Hoffnung auf ein besseres Jahrzehnt, das unter anderem auch die nachhaltigen Wunde Vietnam-Krieg heilen sollte, im Kino ernsthaft ansehen.
Doch diese harten Fakten waren nur die Folgen. Cimino war besessen von seinem Film und so verwandelte der Perfektionist den Dreh in ein finanzielles Chaos. United Artists zog nicht die Notbremse und ließ ihn fallen, sondern butterte Millionen um Millionen in der Hoffnung doch noch einen Kassenschlager zu erhalten, in den Film, so dass am Ende damals astronomische 40 Millionen Dollar Budget zu Buche schlugen.
Versunken in seiner Vision, ließ Cimino teure Sets abreißen und wieder aufbauen, entließ nach Gutdünken Crewmitglieder und stellte sie wieder ein, überzog den Drehplan hoffnungslos und wähnte sich immer noch in der Erfolgsspur obwohl er sich längst völlig übernommen und die Kontrolle verloren hatte. Über fünf Stunden ging sein erster Schnitt schließlich, den er auf Kinotauglichkeit herunterschneiden musste. Ins Kino schaffte es schließlich nur noch eine total verstümmelte Fassung, die gnadenlos von den Kritikern zerrissen und vom Publikum gemieden wurde. Für United Artists bedeutete der Flop fast den finanziellen Kollaps.
Über die verschiedenen Schnittfassungen von „Heaven’s Gate“ und irrsinnigsten Story während der Dreharbeiten ranken sich bis heute die wildesten Gerüchte, die im übrigen ein paar Dokumentationen ganz interessant beleuchten.
Der letztlich offiziell als Director’s Cut ausgezeichnete dreieinhalbstündige Schnitt ist aber eigentlich immer noch zu lang(atmig).
Denn Epen bekommen riesige Probleme, wenn die verantwortlichen Regisseure es nicht schaffen ihre Visionen in Bild und Ton umzusetzen. Sie verkommen zu enormen Geduldsproben mit vielen Längen und ernten Desinteresse. Dieses Schicksal muss zumindest phasenweise auch „Heaven’s Gate“ hinnehmen.
Wobei man Michael Cimino klar durchblicken lässt, dass er hier Großartiges im Sinn hatte, dass ihm aber auch hätte klar sein müssen, dass sein Film so nie im Kino hätte bestehen können. Denn dieses Kapitel der amerikanischen Geschichte ist eines der düstersten. Wieder behandelt Cimino eine Minderheit und wieder schlägt er sich auf ihre Seite.
1891 schließen sich in Wyoming reiche Viehzüchter zusammen, denen die ärmlichen Auswanderer aus Osteuropa, die in „ihrem“ Staat eintreffen, nicht schmecken wollen. Um nicht zu verhungern, stehlen sie Vieh. Weil die Rechtsprechung nicht greift, machen die Viehbarone ihren Einfluss geltend und lassen den Gouverneur eine Todesliste mit 125 Namen absegnen. Schnell engagierte Söldner sollen die Neuankömmlinge nun nicht vertreiben sondern gleich töten. Der angeordnete Holocaust nimmt seinen gnadenlosen Lauf...
Cimino prägt die Bilder mit einem omnipräsenten Braunfilter, der seinem Antiwestern Pessimismus eintrichtert. Die Sets wirken kalt, karg und höchst zweckmäßig gebaut. Er verkehrt quasi das Westernambiente eines sauberen John Ford ins Gegenteil, lässt Dreck, Armut, Hunger und Elend in den Westen einkehren. Ja, fast postapokalyptische Tendenzen kann man ihm unterstellen.
Und trotzdem ist seine Regie so unnachahmlich edel und verschwenderisch, dass man das wahnsinnige Budget dahinter schon glauben möchte. Die bevölkerten Städte und die grandiosen Naturpanoramen rauben, egal ob in positives oder negatives Licht gerückt, dem Zuschauer den Atmen. Denn Cimino meint was er zeigt verdammt ernst und hält Amerika, dass doch so stolz auf seine Geschichte ist, den Spiegel vor Augen, indem er Realismus den Vorzug gibt. Zugegeben, eine sehr sympathische Einstellung, wenn denn die Umsetzung auch funktionieren würde.
Und genau da hapert es bei „Heaven’s Gate“. Der Film hat ohne Frage brillante inszenierte Momente in denen er das Zeug zu einem Klassiker hat, doch dann zerfasert er auch immer wieder zusehends, verweilt in seinen Stadien und hat nichts mitzuteilen. Selbst die dreieinhalbstündige Fassung fühlt sich somit leider immer noch viel zu lang an, obwohl die Qualitäten sich zu erkennen geben.
Michael Cimino badet förmlich in seinen Figuren und Sets, schwelgt wo es geht und fasst sich ausführlich, wo weniger mehr wäre. Schon der Epilog in Harvard, der die zentralen Figuren mit einem Auftrag in die Welt entlässt, genießt allein schon durch seine atemberaubende Umsetzung viel Aufmerksamkeit, während die dort gesprochenen Sätze schnell wieder verblassen und dies soll sich fortsetzen.
Trotzdem entgleist der Film nie völlig. Diesen Umstand hat er dem Konflikt zwischen den habgierigen, hinterhältigen Viehzüchtern, die über Leichen gehen und den ärmlichen Auswanderern, die von der drohenden Gefahr nichts ahnen und drohen abgeschlachtet zu werden, zu verdanken. Die angespannte Situation spitzt sich während dieser 205 Minuten kontinuierlich zu bis es zu einer verlustreichen Schlacht zwischen den Jägern und Gejagten kommt. In der Tradition von Größen wie Sam Peckinpah scheut Cimino nicht Gewalt und Tod als solche zu zeigen, ästhetisiert jedoch nie, sondern filmt rau, blutig, brutal und menschenunwürdig, so dass der Film auch heute noch Gemüter bis zu einer Vergewaltigung mitnimmt. Diesen unbeschönigenden, ungeheuer imponierenden Bildkompositionen gilt das höchste Lob, denn so etwas gab es bis heute nie wieder. Wohl auch, weil sich solche schweren, desillusionierenden Stoffe, damals wie heute, einfach nicht rechnen. Von abgetrennten Körperteilen über quasi zerschossene Leiber bis zu blutigen (echten) Tierkadavern verschrieb sich Cimino der Authentizität, stieß vor den Kopf und scheiterte an den eigenen Ansprüchen.
Nur er selbst weiß wohl, was ihn geritten hat sein, von diesem Konflikt und den sich darin befindlichen Figuren sehr lebendig gehaltenen Skript so mit einer Dreiecksbeziehung zu überladen, zu der man als Zuschauer nie Zugang erhält. Da kann sich der Star-Cast noch so sehr abmühen.
Das Hauptproblem ist dabei, dass die Figuren nie Interesse wecken. Eventuell ist es auch ein Manko der zusammengeschnittenen Fassung. Christopher Walkens („God’s Army“, „The Rundown“) Nathan bleibt ebenso eine hoffnungslos unterentwickelte Figur wie Ella (Isabelle Huppert).
Visuell reizt Cimino zwar alles denkbar Mögliche aus, doch an den meisten Dialogen und dieser Beziehung scheitert er. Einzig und allein Kris Kristofferson („Convoy“, „Blade“) als Sheriff des Distrikts kann inmitten der herben Gewaltsausbrüche und Übergriffe seinem James Averill noch Profil verleihen. Es ist bezeichnend, wenn die tragischen Schicksale von Randfiguren den Zuschauer im nachhinein mehr beschäftigen als die Protagonisten obwohl eines gewiss ist: Ein Happy End wird es nicht geben. Für niemanden.
Doch so sympathisch Averill, der sich für die ärmlich lebenden Aussiedler einsetzt, auch ist, die nicht enden wollende Beziehung zu Ella und der Störfaktor Nathan wollen lange Zeit kein Ende nehmen. Der Einblick in ihr aller Seelenleben bleibt marginal und der Zuschauer sitzt doch reichlich distanziert und harrt der Dinge die da kommen als wirklich Partei für sie zu ergreifen. Dabei kann das Geschehen in Johnson County, auch weil im Originalton behalten, zu Verständnisschwierigkeiten führen und kann man den Sinn und Zweck einiger Momente nicht einordnen. Kar, so eine Maßnahme steigert die Atmosphäre trägt aber wenig zum Verständnis des Films bei.
Pathos und Klischees bleiben immerhin außen vor, erinnernswerte Aussagen aber meist auch. Viele Situationen und Figurenkonstellationen (u.a. James und John) wirken schlecht ausbalanciert und phasenweise mangelt es offensichtlich an Dynamik, da Cimino mal wieder verweilt anstatt voranzuschreiten. Diese nicht ständige, aber zeitweise Zähigkeit des Stoffes erntet aufgrund der imposanten Laufzeit immer wieder Unverständnis. Warum nicht einfach eine Nummer kleiner und kürzer? Die hätte es öfter auch getan.
Fazit:
Man kann Michael Cimino für „Heaven’s Gate“ verfluchen und beglückwünschen. Sein krankhafter Perfektionismus garantiert unvergessliche Bildkompositionen. Von den atemberaubenden Panoramen von Kameramann Vilmos Zsigmond („Deliverance“, „The Deer Hunter“) über die dreckig-düstere, trostlose Atmosphäre bis hin zu den unverhohlenen Gewaltexzessen kann man dieses Epos problemlos als Highlight abtun. Abseits des anklagenden Konflikts zwischen den habgierigen Viehbaronen und den ärmlichen Siedlern liegt allerdings einiges im Argen. Die Dreiecksbeziehung nervt aufgrund ihrer Ausführlichkeit und fehlender Fortschritte, die Dialoge erweisen sich als selten gut und einige Späße des Regisseurs wollen auch nicht funktionieren. Der Prolog, der die Beziehung wohl angedachter Schlüsselfiguren erklärt, hat beispielsweise keine weitere Wirkung, da besonders John Hurt nur noch als Stichwortgeber im weiteren Verlauf fungiert.
Der blutige Konflikt sorgt in seiner realistischen Umsetzung zwar für Versöhnung und der kritische Blick als omnipräsenter Zeigefinger bleibt auch stets aufrecht, doch deutlich ausgearbeitetere Charaktere wären wünschenswert gewesen.
Das Budget erkennt man jedenfalls in einigen unglaublichen Aufnahmen und die rechtfertigen auch zumindest das einmalige Ansehen. Schade, daraus hätte wesentlich mehr werden können. Für das Ende muss man Cimino trotzdem beglückwünschen.
Der Western blieb hiernach selbstverständlich für weitere Jahre mausetot.