Closer
Nach der Trennung von ihrem Lebensgefährten fällt die Rotterdamerin Marieke einem Verbrechen zum Opfer. Um dies zu verarbeiten, oder um einfach zu flüchten, oder um einen Neuanfang zu wagen zieht sie aufs Land in ein heruntergekommenes Haus, in dem sie sich über weite Strecken der Handlung verschanzt. Die damalige Attacke auf ihre Person hat sie völlig traumatisiert bis zu dem Grad, dass sie kein geregeltes Leben führen kann, und das Zusammensein mit anderen Menschen verursacht ihr Angstanfälle. Psychologische Hilfe nimmt sie nicht in Anspruch, weil ihr in ihrem Gemütszustand offenbar der Gedanke gar nicht kommt. Und in den wenigen Szenen, wo Strafverfolgungsbehörden in Erscheinung treten, wird ihr auch keine psychologische Hilfe offeriert. Sich öffnen kann die geschundene Frau nur in Internet-Chats mit Gleichgesinnten. Dies ist aber keine Hilfe, weil diese Chats nur Rachegelüste wecken und Schuldgefühle, sollten die Rachegelüste nicht umgesetzt werden.
So sitzt sie allein in ihrer neu erworbenen, heruntergekommenen Landhütte und es fehlt ihr an Kraft, die Bruchbude zu einem hygienisch einigermaßen erträglichen Lebensraum umzuwandeln. Immer wieder durchlebt die Frau gedanklich die damalige, traumatisierende Attacke, sieht sich endlosen seelischen Leiden ausgesetzt, wird häufig von Angst oder Konfusion übermannt. Der einzige Mensch, der ihr hilft, ihr neuer Nachbar John, droht von Marieke vergrault zu werden. Die labile Frau bringt es oftmals nicht fertig, seine handwerklichen Hilfsangebote anzunehmen und versteckt sich unter dem Küchentisch, wenn der gutmütige John an der Tür klingelt, um irgend etwas im Hause zu reparieren. Dennoch kommen sich Marieke und John irgend wann näher. Und es scheint, als ob die Beziehung der Frau neue Kraft geben würde und als wolle sie aus ihrer Opferrolle ausbrechen. Leider geschieht dies indem sich Mariekes Rachephantasien in obsessive Dimensionen steigern. Und am Ende vom Film ist sie seelisch immer noch am Ende, aber zumindest hat John endlich begriffen, was mit ihr los ist.
Ein in Erzählstruktur und audiovisueller Gestaltung um das Plastisch-machen des zerrissenen Innenlebens einer Opferfigur bemühter Film, bei dem die (auch wichtige) Rahmenhandlung eine phasenweise untergeordnete Rolle spielt.
Im Vordergrund steht Gefühlschaos, die Unfähigkeit einen klar strukturierten Gedanken zu fassen, das Unvermögen zur sozialen Interaktion, Panikattacken, paranoide Schübe, Hilflosigkeit und Ohnmacht, Rachephantasien und umgesetzte Rache (was nie ganz klar wird, ob das nicht auf Gedankenbilder sind). Also nicht enden wollendes Leid. Erbarmungslos rückt die Kamera der abgeschieden lebenden Protagonistin auf die Pelle, mit fast schon geschmackloser Penibilität jede Facette ihres Traumas einfangend. Mit unorthodoxen Schnitten und einer sprunghaften Handlung wird das innere Chaos der Frau zum Leben erweckt. Gleiches trifft auf das Sound Design zu, das Umweltgeräusche und Stimmen immer wieder zu einem unidentifizierbaren Mischmasch verzerrt, wenn die Frau in der Öffentlichkeit eine ihrer Panikattacken bekommt.
In Verbindung mit Rifka Lodeizens mutigem Schauspiel entsteht so ein intensives, fast zu intensives psychologisches Porträt davon, was es heißt, mal einem Verbrechen zum Opfer gefallen zu sein und diesen Umstand nicht verarbeiten zu können und dermaßen traumatisiert zu sein, dass man kein geregeltes Leben führen kann. Und es ist schon brutal wie hautnah und ausgiebig hier das nicht enden wollende Leid einer geschundenen Frau gezeigt wird. Kein angenehmer Film, aber einer, der für Opfer Partei ergreift und mit allen nur erdenklichen filmischen Mitteln versucht, uns deren Situation klar zu machen und Verständnis zu schaffen.