"Dem Film vorzuwerfen, dass es da draußen 'n Haufen Bastarde gibt, finde ich jetzt unfair."
- Daniel Gramsch, Co - Moderator des "Bahnhofskinopodcast" über "Ich spuck' auf dein Grab"
Abgesehen von "Das letzte Haus links", "Die Frau mit der 45er Magnum" und dem halb im Genre stehenden "Wenn du krepierst lebe ich" habe ich mit dem "Rape and Revenge" - Bereich des Horrorkinos kaum Kontakt. Wie beim Kannibalenfilm handelt es sich hierbei um eines jener Subgenres, die selbst Horrorultras oftmals nur mit der Kneifzange anfassen. Erst der oben genannte Podcast mit seinen Moderatoren Patrick Lohmeier und Daniel Gramsch, die den Film sehr reflektiert und relativ wohlwollend besprochen haben weckten meine Neugier auf "Ich spuck' auf dein Grab" jenseits des Abhakens eines Titels von meiner seit Jugendtagen bestehenden 131er - Watchlist.
Einen Film wie diesen will man nicht positiv bewerten. Deshalb drücke ich die Qualitäten von Meir Zarchis 78er Werk wie folgt aus: er ist effektiv. Effektiv darin, seine Story haarscharf am Exploitationereich vorbei zu inszenieren. In Zarchis "Deliverance" - Variante folgt die angehende Schriftstellerin Jennifer Hills dem Ruf der Natur ins idyllische Neuengland, um dort nach einigen erfolreichen Kurzgeschichten endlich ihren Debutroman zu vollenden. Die ersehnte Einsamkeit und Ruhe des abgelegenen Ferienhauses, welches sie bezieht werden der freundlichen Autorin aber schnell zum Verhängnis, als die Clique um Tankwart Johnny auf sie aufmerksam wird.
Nach anfänglichen dumpfen Annäherungsversuchen fällt die Gruppe bereits am Folgetag über die Autorin her und foltert und vergewaltigt diese nach einer Hetzjagd durch das Umland. Zwei Wochen später ist die psychisch gebrochene und tot geglaubte Jennifer stabil genug, um ihre Rache zu planen. Einer ihrer Peiniger nach dem anderen wird von Jennifer zur Strecke gebracht.
Zarchi bedient sich hier zwar der Mittel des exploitativen Kinos, vermeidet aber unangenehme Klischees: Jennifers Vergewaltigung ist nicht verfremdet oder gar beschönigt, sondern ein brutaler Akt, der die junge und unabhängige Frau dreckig, blutverschmiert und verstört zurücklässt, die Racheakte an ihren Tätern weit entfernt vom Mordballett italienischer Gialli oder den nebensächlichen Tötungen damaliger Slasher. Selbst die brandartig anmutenden Sprüche, die den Antagonisten besonders auf der deutschen Tonspur in den Mund gelegt werden schaffen es nicht, den Film komplett ins Trashfahrwasser zu ziehen, handelt es sich bei dem frauenfeindlichen Sexgeschwätz offenkundig um eine Ausdruck der primitiven Abgründe der vier Verbrecher. Neben der wiederolten sexuellen Gewalt besteht eine der schmerzlichsten Szenen in der höhnischen Lesung von Jennifers Romanfragment, in der sich die Täter im Anschluss an ihre Untat ergehen.
Die sind im Gegensatz zu Protagonistin Jennifer bewusst flach gezeichnete, eindimensionale Schweine, die alles, was nach der quälenden, 30 - minütigen Vergewaltigungssequenz auf sie zukommt ehrlicherweise mehr als verdient haben. Sogar Matthew, der designierte Versager der Gruppe, ist kein Unschuldslamm und fällt nach anfänglichen Schwierigkeiten ebenfalls über Jennifer her. Und bezahlt sein feiges Mitläufertum mit dem Leben, während die verbliebenen drei Triebtäter Johnny, Andi und Stanley sich bis zuletzt gegenseitig beschuldigen.
Das damalige Verbreitungsverbot verwundert im Nachhinein nicht. Als Zensurgegner bin ich froh, dass dieser offenkundig als konservativer Mittelfinger gegen unabhängige Frauen missverstandene Film es aus dem Giftschrank herausgeschafft hat: "Ich spuck' auf dein Grab" ist ein filmgewordener Ausdruck der Abscheu gegenüber mysogynen, toxischen Mackern und als solcher kein Zuckerschlecken, nicht unterhaltsam und dem zugriff minderjähriger Zuschauer tunlichst zu entziehen. Davon abgesehen haben wir es durchaus mit einem kompetenten Thriller zum Thema zu tun, der auf Schuldzuweisungen gegenüber seiner Protagonistin verzichtet und sich allein dadurch schon von anderen auch nur entfernt ähnlichen Filmen meilenweit distanziert. Nicht umsonst wollte Regisseur Zarchi den Film damals als Aufarbeitung eines eigenen Traumas begriffen wissen: seinen Erzählungen nach half er einer Betroffenen nach einer Vergewaltigung, die sich im New Yorker Central Park ereignete. Wie der Film zeigt finden sich Schweine aber tatsächlich überall, ein Umstand, dem der Film Rechnung trägt.