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<!--StartFragment -->Wie auch im gleichjährigen Besieged City steht in The Way We Are die Naturschilderung im Eingangsteil des Filmes, um nach nur wenigen Bildern mit gleichfalls rhetorischer Eindringlichkeit die prompte Umkehrung dieser noch beruhigenden, da Trost und Freiheit spendenden Aura vorzuführen. Die weitere Handlung spielt sich inmitten der Tin Shui Wai, der Sky-Water-Walled city ab, ein 1987 als neues Wohnviertel im Nordwesten der New Territories konzipiertes Ungetüm von Wolkenkratzern und Gebäudeschluchten weit außerhalb des Stadtzentrums, dass als quasi weitab isolierte Behausung schnell unrühmlichen Ruf als „City of Sadness“ oder auch „City of Misery“ erlangte.

Zwar ist die Gegend selber geographisch und auch architektonisch in guter Verfassung, bietet den Bewohnern aber viel zu wenig Arbeitsplätze, was erhöhte Erwerbslosigkeit, Armut, Bedarf an Sozialleistungen, Sozialisationsdefizite und Randständigkeit ebenso zur Folge hatte, wie auch die Verbrechens- und die Selbstmordrate in auffällige Ausmaße stieg. Beide Filme widmeten sich auf ihre Weise diesem bedauerlichen Phänomen und der maßgeblichen Formung durch die Umwelt, deren Bedeutungen nahe an einander grenzen; wobei dort Regisseur Lawrence Lau sein Werk als durchaus reißerisches Actiondrama und hier Ann Hui als ruhige, fast quasi-dokumentarische und naturalistisch intendierte high definition Bestandsaufnahme anlegte, ohne gleich einen fassbaren Kommentar im Sinn einer Analyse oder Exegese zu geben:

Cheung Kwai [ Pau Hei-ching ] zieht nach dem Tod ihres Mannes ihren Sohn Cheung Ka-on [ Juno Leung ] alleine auf, arbeitet tagsüber in der Obstabteilung des örtlichen Supermarktes, während er zwar dem Abschluss seiner Schulzeit entgegen strebt, aber den Sommer über meist schlafend im Bett bzw. auf dem Sofa verbringt, um nur ab und zu etwas mit Kumpel Blowfish [ Loh Sin-hang ] zu unternehmen. Als Kwais Mutter [ Chan Lai-hing ] in das Krankenhaus kommt, besucht er sie des öfteren mit seiner Cousine Yee [ YoYo Fong ]; Kwai selber findet aufgrund ihrer Beschäftigung parallel zu den Besuchszeiten keine Möglichkeit für, lernt gleichlaufend aber die neu zugezogene und als Aushilfe eingestellte Leung Foon [ Chan Lai-wan ] kennen und schätzen.

Warum gerade das Stadtviertel zumindest in den Augen der dort Lebenden als Keim allen Übels gesehen und dieser problem area Ruf begierig von den Medien aufgesaugt und wiedergegeben wird, erscheint dabei auf den ersten und zweiten Blick für den Außenstehenden nicht wirklich nachvollziehbar und auch Hui wird in ihrem vierfachen Hong Kong Film Awards Gewinner nicht die genauen Zusammenhänge aufschlüsseln, um die vielen offenen Frage nach den Ursachen und Veränderungen zu beantworten. Im Gegenteil. Dort wo Lau im oberflächlichen Gangs-Stil pauschalisierte, stellt sie aller höchstens Ansätze zur Interpretation und ansonsten einen Durchlauf an eher nichtig erscheinenden Harmlosigkeiten bereit, und zeichnet dazu eine Abfolge von Beziehungen und Lebensstilen innerhalb der dortigen Gemeinschaft auf, wobei sie sich speziell auf eine Freundschaft unter Nachbarn und ausdrücklich auf die sozio-biologische Einheit der Familie konzentriert. Das Miteinander steht im Mittelpunkt, nicht das Gegeneinander und auch nicht das für sich Alleinsein. [Der Auslöser für das Projekt war eigentlich ein brutaler Dreifach-Mord mit anschließendem Selbstmord in der Gegend im April 2004, der hier aber wie auch jede andere Form von Kriminalität ausgespart und erst im wesentlich negativ angelegten Nachfolger Night and Fog thematisiert wird.]

Spektakulär ist dies nicht, und eine richtige Genre-Erzählung im Sinne einer ununterbrochenen dramatischen Dichtkunst, in der die Figuren durch Auslöser erst in Bewegung, den Konflikt und die Auflösung gesetzt werden, findet im engeren Sinne auch nie statt; [als Höhepunkt dient erst ein Ausflug nach Shatin und später das lokale Mittherbstfest]. Vielmehr ist dies eine oft stille Beobachtung der Menschen, keine Observation, sondern eine unpersönlich und zugleich überaus privat gestaltete Wahrnehmung, die die Charaktere über einen begrenzten Zeitraum und niemals vom Affekt beherrscht registriert und vom Blick des unsichtbaren Teilhabers in emotionaler und motivationaler Orientierung erfasst. Gezeigt wird die Routine, der Alltag, in episodischen, oft immer wiederkehrenden Nebenhandlungen, die gleichsam bloß willkürliche Erscheinung darstellen als auch in der Natur der Sache gegründet sind. Kwai arbeitet, geht danach einkaufen, kocht für sich und ihren Sohn etwas. Sie unterhalten sich, nicht mit einem bestimmten Zweck oder einem genauen Anlass, sondern einfach so, im Nebenher, einsilbig, vertraut, familiär. Der Kontakt zu Anderen ist eher gering, einige Male sieht man die anderswo lebende und in offensichtlich besseren Umständen situierte Verwandtschaft um den Patriarchen Uncle Chuen [ Clifton Ko ], an Geburtstagen, während einer Beerdigungsfeier. Ka-on war mitsamt seiner Cousine dort essen, aber das wird nur erwähnt, nicht gezeigt. Auch scheint er einen Schwarm in seiner Tutorin Ms. Tsui [ Ida Chan ] gefunden zu haben, aber das wird ebenso eigentlich nur erwähnt, nicht gezeigt. Woran und wann der Vater gestorben ist, erfährt man nicht.

Doch auch ohne das ihre Herkunft, ihr Werdegang und das Schicksal im Kern aufgeschnitten und preisgegeben werden und die Geschichte eben keiner einheitlichen Form mit offizieller Relevanz zugehört, vernimmt man weitaus genug vom menschlichen Inhalt, um im Selbstkonzept ihr Wesen zurecht zulegen und eine offenbarende Bindung zu den Individuen aufzunehmen. Im Grunde genommen ist es gerade die Normalität und fehlende Aufführung, die die Wertevermittlung auch so einfach gestaltet. Die unaufdringliche Unmittelbarkeit, das Substantielle im Handeln ohne höheres Bewusstsein, dass alle rationale Kategorien außer Kraft setzt, ansonsten könnte man problemlos auch eine treuherzige Identifikation, simulierte Naivität oder das dauernde "Geben ist seliger denn Nehmen" beanstanden.

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