Regisseur, Drehbuchautor, Hauptdarsteller und ausführender Produzent ein und desselben Films zu sein, das trauen sich nicht allzu viele Menschen, und wer es doch tut – so kann man sich sicher sein –, verfügt über ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein. Eine solche Mehrfachrollenverteilung kann funktionieren wie im Fall des Jahrhunderttalents Orson Welles (der sich jedoch in seiner Karriere immer wieder dem Willen seiner Produktionsfirmen beugen mußte und seine Filme häufig in zurechtgestutzter Form zurückbekam), sie kann aber auch völlig in die Hose gehen, wenn mit dem Selbstbewußtsein auch eine Selbstüberschätzung einhergeht. Die Katastrophe, die sich hinter dem ganz unscheinbaren und wahrscheinlich deshalb so gefährlichen Titel „The Room“ versteckt, fällt eindeutig in die letztere Kategorie und ist gleichzeitig als abschreckendes Beispiel für alle angehenden Filmemacher verwendbar, die bisher vielleicht noch überlegt haben, alle wesentlichen Funktionen in Personalunion zu erledigen.
Mittlerweile hat der Film über zehn Jahre auf dem Buckel und sich dabei in verschiedenen Kreisen zu einem Phänomen entwickelt, das nach dem Totalflop bei seiner Erscheinung erst durch Mundpropaganda zu zweifelhaften Ehren kam und seitdem regelmäßige Vorführungen an britischen Universitäten wie Cambridge spendiert bekommt, bei denen die Zuschauer lauthals mitjohlen, wenn die nächste Unfaßbarkeit über die Leinwand rollt. Dialoge werden lauthals mitgesprochen, Running-Gags etabliert, ein Lachanfall jagt den nächsten.
Was aber ist dieses „The Room“? Der Kopf hinter dem Debakel heißt Tommy Wiseau. Jahrelang trug er das als Theaterstück gedachte Skript mit sich herum, ohne daß ein Interessent angebissen hätte. Also entschied er sich, es selbst zu drehen und fand dafür Leute, die bereit waren, angeblich sieben Millionen Dollar in die Verfilmung zu stecken – eine schier unglaubliche Zahl, die sich in dem Endprodukt zu keinem Zeitpunkt widerspiegelt. Von wenigen Außendrehs abgesehen beschränken sich die Schauplätze auf das – so vermute ich – titelgebende und sehr spartanisch eingerichtete Wohnzimmer des Bankers Johnny (Wiseau), ein Schlafzimmer und ein Dach, auf dem sich die Protagonisten warum auch immer ständig tummeln. Auch das ist nicht weiter schlimm, denn Kammerspiele können ja ihren ganz eigenen Reiz entwickeln, wenn die Dialoge gut geschrieben sind. Und damit wären wir beim größten von den unzähligen Problemen: Das Drehbuch ist eine einzige Aneinanderreihung wirrer unzusammenhängender Szenen voller unerklärlicher Gefühlsschwankungen im Sekundentakt, die fast nie aufgelöst werden und zudem mit redundanten und – um es so deutlich zu sagen – hirnschmelzend dämlichen Dialogen angereichert werden, die nicht mal für eine Schüleraufführung als adäquat angesehen würden.
Relativ problemlos kann man noch die Haupthandlung überblicken: Besagter Johnny möchte seine Freundin Lisa (Juliette Danielle) ehelichen. Diese findet die Idee jedoch, je näher der Termin rückt, immer weniger gut, weil sie sich in der Beziehung langweilt und überdies auch noch eine Affäre mit Johnnys bestem Kumpel Mark (Greg Sestero) pflegt. Darum beginnt sie, Johnny schlecht zu machen und allgemein ihre Selbstsucht ungehemmt von der Leine zu lassen. Johnny möchte das nicht wahrhaben, weil er sie doch so liebt, und so beginnt die große Tragik. Meint jedenfalls Wiseau.
Offensichtlich war er der Meinung, daß, wenn er schon die Hauptrolle bekleidet, er nur positive Eigenschaften abbekommen sollte. So ist er sensibel, fürsorglich, gutmütig, romantisch (weshalb er seiner Liebsten auch ständig Rosen kauft), zu allen lieb und – naja – reich in einem und liefert eigentlich gar keine Angriffsfläche. Kurzum: der Traum aller Schwiegermütter. Dadurch, daß für Lisa allerdings das Wort „Bitch“ neu erfunden werden müßte, wenn es das noch nicht gäbe, kommt Johnny allerdings von Anfang an einfach nur als Trottel rüber, wenn er so viel in die Beziehung investiert und Lisa auch noch dann mit Samthandschuhen anfaßt, als sie überall herumerzählt, er würde sie schlagen. Allein deshalb ist das Funktionieren der Liebesgeschichte von vornherein zum Scheitern verurteilt und hält ihre latente Lächerlichkeit auch bis zum tragischen Schluß mit all seinen Konsequenzen durch.
Wem das alles noch zu normal für ein unglaubliches Filmwrack erscheint, wird seine Meinung spätestens durch die ausgebreiteten Nebenkriegsschauplätze, die „The Room“ mit jeder weiteren Szene eröffnet, revidieren. Es werden Plotpunkte noch und nöcher angerissen, die für den weiteren Verlauf nicht die geringste Rolle spielen, weil keiner mehr ein Wort darüber verliert. Gleich zu Beginn spricht Lisa mit ihrer Mutter (Carolyn Minnott), die ihr erzählt, Brustkrebs zu haben, um danach sofort zur Tagesordnung überzugehen und es nie wieder zu erwähnen. Johnnys merkwürdiger Nachbar Denny (Philip Haldiman), der ständig Ball spielen will und wohl keine Hobbys hat, möchte sich umbringen, weil er Schwierigkeiten mit einem Drogendealer hat, wird aber vom Selbstmordversuch abgebracht, und danach ist alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Figuren betreten uneingeladen die Wohnung, auch wenn weder Hausherr noch Freundin im Haus sind, fummeln miteinander und gehen dann einfach wieder. Überhaupt kommen hier ständig Leute zu Besuch, die keine zwei Minuten bleiben, weil dann irgendwo doch Wichtigeres zu tun ist. Bis kurz vor Ende des Films tauchen immer wieder neue Freunde des Pärchens auf, die man zuvor nie gesehen hat, aber stets über die Beziehungsprobleme auf dem Laufenden sind, Tips geben und auf Nimmerwiedersehen verschwinden.
Dazu streut Wiseau vermutlich erotisch gedachte Szenen ein (zwei davon sogar in gerade einmal drei Minuten Abstand mit denselben Protagonisten Johnny und Lisa und mit teilweise identischem Bildmaterial), wobei etwas überraschenderweise Juliette Danielle auch ihre Brüste präsentiert, und sülzt diese mit gehörgängezerfetzenden romantischen Songs zu, daß man sich das Trommelfell auskratzen will. In einer besonders bizarren Sequenz haben sich einige der männlichen Figuren aus völlig unbekanntem Grund in Anzüge gewuchtet und gehen nach draußen, um mit Denny Ball zu spielen, bis einer hinfällt. Ende der Szene, neue Szene. Keiner weiß, was das soll. Sinn und Verstand – verzweifelt gesucht. Das geht pausenlos so weiter, scheinbar noch eine Rolle spielende Nebenstränge bleiben unaufgelöst, verwirren und überfordern den Zuschauern, bis die Synapsen platzen. Wie man sich aber vorstellen kann, droht hier für fortgeschrittene Trash-Fans permanent Erstickungsgefahr, weil man aus dem Lachen nicht mehr herauskommt und man wirklich nie sicher sein kann, was sich Wiseau als Nächstes hat einfallen lassen.
Vergoldet wird das Vergnügen allerdings erst durch die maßlos grauenvollen schauspielerischen Leistungen. Die meisten Darsteller bleiben so blaß, daß sie sich kaum von den Einrichtungsgegenständen in der Wohnung unterscheiden. Einige sind göttlich schlecht in ihrem Overacting, so etwa Carolyn Minnott, die jede Silbe ganz langsam und in doppelter Betonung ausspricht, damit sie auch jeder versteht. Allerdings gehen die größten Lacher fast ausschließlich in Richtung Tommy Wiseau höchstpersönlich, der mit seinen schwarzen langen ungepflegten Haaren und seinem müden Aussehen, das irgendwie vier Nächte Komasaufen am Stück vermuten läßt, ohnehin nicht in eine Reihe der Frauenschwarm-Adonisse paßt (muß ja auch nicht, kommt schließlich aufs Innere an). Wie er sich in den dramatischen Szenen das Herz aus dem Leib spielt und sich dabei nicht einmal im Ansatz dem annähert, was man unter nuancierter Mimik versteht, sondern stattdessen eine ungemein schmerzhaft aussehende Gesichtsakrobatik an den Tag legt („You’re tearing me apart, Lisa!“) – das muß man wirklich gesehen haben. Hinzu kommt seine völlig falsch und übertrieben betonte Aussprache, die im Zusammenspiel mit seinen entgleisenden Gesichtszügen sprachlos macht. Beim tragischen Finale bleibt dann für alle Beteiligten tatsächlich nur noch hämisches Gelächter übrig, um dieses Gestümpere angemessen zu würdigen.
„The Room“ ist der Beweis dafür, daß ein Film nicht unbedingt pausenlose Action in Gestalt von Ninjas („Das Frauenlager der Ninja“), weltrettenden Türken („The Man Who Saves the World“) und muskelbepackten Seefahrern („Sindbad – Herr der sieben Meere“) benötigt, wenn man sich etwas vor unfreiwilliger Komik Überbordendes antun will. Es reichen dafür manchmal schon kleine, ruhige, sich völlig ernst nehmende Filmdramen (die Kategorie „Komödie“, in die der Film in der Onlinefilmdatenbank u.a. eingeordnet ist, müßte in diesem Fall also „unbeabsichtigte Komödie“ lauten), deren Macher über ein so mächtiges Ego verfügen, daß eigentlich nur Mist herauskommen kann. Dafür kann es nur zwei Trash-Bonuspunkte geben: 3/10.
PS: Zum Schluß die Empfehlung für ein Trinkspiel: bitte alle „Oh hi…“-Begrüßungen zählen, wenn Johnny mal wieder überraschend zur Kenntnis nimmt, daß sich einer seiner Mitmenschen zu ihm gesellt hat. Nicht weniger lohnend (wahrscheinlich noch gefährlicher): seine gekünstelten Lacher, die er auch in völlig unpassenden und unangebrachten Situationen losläßt, wenn er gerade nicht weiter weiß.