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Basierend auf der Biografie von John Dillinger: Während der Weltwirtschaftskrise überfällt Dillinger, gespielt von Johnny Depp, mehrer Banken. Während er vom Volk als eine Art moderner Robin Hood gefeiert wird, heftet sich ein FBI-Agent, gespielt von Christian Bale, hartnäckig an die Fersen des ersten amerikanischen Staatsfeinds Nr. 1.

Aufgrund seiner emotionalen Tiefe, seiner überragenden Darsteller und seines enormen Spannungsbogens schrieb Michael Manns Meisterwerk "Heat" 1995 Filmgeschichte und avancierte zu einem der größten Kultfilme der 90er. Welche Bürde sich alle Beteiligten dabei im Endeffekt aufgeladen hatten, wurde bereits Anfang des Jahres deutlich, als Pacino und de Niro in "Kurzer Prozess" erstmals wieder gemeinsam vor die Kamera traten und der, eher als Durchschnitts-Thriller aufgenommene Film zwangsläufig den Vergleich mit "Heat" aufnehmen musste. Da Michael Mann sich nun entschlossen hat, sich wieder dem Gangster-Genre zuzuwenden, nachdem er seit "Heat" vor allem mit dem Drama "Insider" und dem Action-Thriller "Collateral" in Erscheinung getreten war, war die allgemeine Erwartungshaltung erneut sehr hoch - zu hoch, als dass sie hätte erfüllt werden können. Aber auch realistische Erwartungshaltungen an den neusten Film des gefeierten Meister-Regisseurs, dürften angesichts dessen, was im Endeffekt geboten wird, ebenfalls nicht erfüllt werden.

So werden bereits bei der Story zahlreiche Fehler gemacht. Die Vergangenheit von Dillinger, seine Kindheit, das Milieu, aus dem er stammt, ja selbst die Zeit, in der er lebt, werden nicht weiter tangiert, alles, was man über die Herkunft des Staatsfeindes erfährt, stammt aus einem kurzen Dialog mit seiner Geliebten; wenn die Handlung des Films einsetzt, ist Dillinger bereits zu einem Bandenchef aufgestiegen und bricht mit geschmuggelten Waffen aus dem Gefängnis aus. Aber auch die eigentliche Charakterstudie des Bankräubers will kaum gelingen. Zwar gewinnt Dillinger ein wenig an Profil, so wird seine Liebe zum Film aufgezeigt, die ihm schließlich zum tödlichen Verhängnis wird, er wird relativ sympathisch gestrickt, so ist es durchaus verständlich, dass er seiner Zeit als moderner Robin Hood von den einfachen, unter der großen Depression leidenden Bevölkerung gefeiert wurde und auch die Liebes-Beziehung fügt dem Charakter eine weitere Facette zu. Unterm Strich bleibt das Phänomen Dillinger, des ersten Staatsfeinds der amerikanischen Geschichte, aber doch recht unnahbar und unverständlich, vor allem da Hintergrundinformationen fehlen und die Gründe, weswegen er vom Volk gefeiert wurde, ebenfalls kaum aufgezeigt werden und angesichts der Laufzeit, wäre all dies durchaus möglich gewesen. Statt eine komplette Dillinger-Biografie, eingearbeitet in ein Zeitportrait und eine Milieu-Studie zu konstruieren, ist "Public Enemies" leider kaum mit Inhalten gefüllt, sodass sich die Laufzeit ohne Weiteres um gut eine Stunde hätte reduzieren lassen können.

Im Endeffekt ist es einzig und allein Johnny Depp, der den charismatischen Bankräuber überaus gelungen auf die Leinwand bringt und mit seiner starken Präsenz durchaus den Fokus auf Dillinger lenkt. Mit ein paar locker und flapsig servierten Sprüchen, etwa im Gespräch mit seinem Verfolger, oder beim Interview mit der Presse, seiner emotionalen Darstellung im Zusammenspiel mit Marion Cotillard und seinem ernsten Auftreten während der Überfälle und Schießereien, ist Depps Darstellung gewohnt gelungen, auch wenn es ihm nicht ganz gelingt, den Film streckenweise im Alleingang zu tragen. Trotz der starken Darstellung bleibt der Protagonist aber merkwürdig farblos und sein Schicksal nicht allzu mitreißend.

Leider sieht es beim Antagonisten in diesem Fall kaum besser aus. Der ehrgeizige Ermittler Melvin Purvis, der von J. Edgar Hoover persönlich auf Dillinger angesetzt wird, bleibt eine eher flach konstruierte Nebenfigur, deren Privatleben und Herkunft überhaupt nicht tangiert wird. Außerdem spielt Christian Bale, der zuletzt in "Terminator - Die Erlösung" auf ganzer Linie enttäuschte, erneut eher blass und so gelingt es Mann zu keinem Zeitpunkt, den Gangsterfilm als den Zweikampf eines Gangsters und seines Verfolgers aufzuziehen, wie es ihm bei "Heat" noch so vortrefflich gelungen war. Und auch die restlichen Nebenfiguren, seien sie nun aus dem Team von Purvis oder aus der Bande von Dillinger, bleiben eher profillos und dass trotz der mitunter brillierenden Nebendarsteller, wobei an dieser Stelle vor allem die sympathische und charmante Marion Cotillard lobend zu erwähnen wäre.

Was also im Endeffekt an Plot bleibt, ist ein, trotz allem recht interessanter Einblick in die letzten Lebensjahre des Bankräubers, der durchaus solide konstruiert ist und zumindest stellenweise an Fahrt aufnimmt. Und vermutlich wäre so auch ein wirklich ordentlicher Unterhaltungswert drin gewesen, würde Mann das Erzähltempo nicht derart langsam dahinfließen lassen, angesichts des doch recht substanzlosen Plots. So entstehen nämlich vollkommen vermeidbare Längen, die den Unterhaltungswert unterm Strich lediglich auf ein solides Niveau bringen, zumal sich die verschiedenen Subplots um die Banküberfälle Dillingers, seine Liebesbeziehung und die Ermittlungen seines Verfolgers teilweise gegenseitig die Fahrt nehmen, während sich bei "Heat" noch alle Nebenschauplätze gegenseitig vorangetrieben hatten und keine einzige Szene überflüssig war. So ist es leider einzig und allein das tragische Finale, das einen wirklich nachhaltigen Eindruck hinterlässt und dies ist in Anbetracht der Laufzeit beim besten Willen zu wenig.

Immerhin weiß der Film inszenatorisch in einigen Punkten zu überzeugen, so ist der Soundtrack, passend zur historischen Kulisse der 30er Jahre durchaus stimmig ausgewählt und auch die authentische Ausstattung trägt ihren Teil dazu bei, dass ein stilvolles, nostalgisches Flair aufkommt, das durchgehend besteht. Überhaupt wirkt Manns Werk, das auch als Hommage an die Zeit und das Genre angelegt ist, sehr stilvoll und auch die wohl dosierten Action-Szenen sind durchaus überzeugend inszeniert und derart spannend und dynamisch, dass sie immer mal wieder Höhepunkte in einem ansonsten mäßig unterhaltsamen Film darstellen.

Aber ein grober Schnitzer unterläuft Mann dann doch noch und verhindert endgültig den Sprung über das graue Mittelmaß. So ist der Film, der optisch wohl passend zum HD-Zeitalter möglichst hochauflösend wirken sollte, leider sehr befremdlich. Visuell wirkt das Geschehen besonders bei schnellen Kamera-Bewegungen sehr distanziert und schließt den Zuschauer - als wären bei der Story nicht schon genug Fehler gemacht worden - emotional noch deutlicher aus, sodass der Einstieg in Manns Werk noch schwerer fällt. Und auch hierbei handelt es sich um einen vollkommen vermeidbaren Fehler, weil die visuelle Machart im Grunde überhaupt nicht zur Thematik passt, außerdem ist dies besonders ärgerlich, da man beim versierten Schnitt und der exzellenten Kameraführung doch merkt, dass ein großer Filmemacher am Werk war, der einst mit seiner genialen Hochglanzoptik "Collateral" zu einem visuellen Leckerbissen machte.

Fazit:
Auch wenn die Action-Szenen durchaus spannend inszeniert sind, die Ausstattung und die Musik ein stilvoll/nostalgisches Flair aufkommen lassen und Johnny Depp auf ganzer Linie zu überzeugen weiß, gelingt Michael Mann hier bei Weitem kein Meisterwerk, sondern lediglich unscheinbares Mittelmaß. Zu substanzlos ist die Story, zu distanziert wirkt die Machart, zu langsam ist die Geschichte Dillingers erzählt, zu blass bleiben die Charaktere, um nur die schwerwiegendsten Fehler zu nennen. Martin Scorseses "Goodfellas" und Ridley Scotts "American Gangster" haben gezeigt, wie mitreißend sich eine Gangster-Geschichte nach wahrer Begebenheit inszenieren lässt, aber dabei scheitert Mann bei seinem verhältnismäßig emotionslosen und damit auch mäßig unterhaltsamen Film leider auf ganzer Linie.

51%

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