Review

Mit „Fight Club“ drehte David Fincher wohl seinen besten und meistdiskutiertesten Film, der Kritiker in zwei Lager spaltet. Man liebt ihn oder man hasst ihn. Ich habe mich fürs erste entschieden, denn dieses Werk ist einzigartig in Aussage, Sinn und Inszenierung.

Der Film beginnt mit einem namenlosen Erzähler. Einem ziellosen Menschen, der einen der vielen Bürojobs in einem Hochhaus in einer amerikanischen Metropole nachgeht. Vom stressigen Job und Leben zermürbt, ohne Ideale, Ziele und Motive, von Schlaflosigkeit geplagt sucht er sein Seelenheil bei Selbsthilfegruppen. Erst bei Menschen die verzweifelt und todkrank sind findet er Befriedigung, um sich zu entspannen.

„Seltsam, dass dir die Leute erst wirklich zuhören, wenn sie glauben, dass du krepierst“ ist die erste vieler prägender Aussagen des Films. Der Satz ist zynisch und ehrlich und führt uns genau das vor Augen, was eigentlich niemand von uns wahr haben will. Verdeutlicht durch die Aktionen des Namenlosen.

Mit Tyler Durden lernt er wenig später eine weitere Person im Flugzeug kennen, die ihn auch sofort analysiert und durchschaut. Durden ist ein Mann, der Pornobilder in Disneyfilme schneidet und in Suppen von Banketts pinkelt. „Sicherheit ist eine Illusion“ behauptet dieser Mann und beweist dieses sofort durch seine unbeschönigenden Taten. Geschickt spricht der Erzähler direkt die Zuschauer und macht damit ein Ausweichen unmöglich. Sehr intensive Erfahrung...

Durden ist genau dass, was der Erzähler gern sein möchte. Er ist talentiert, humorig, einfallsreich und extrem selbstbewusst. Als der Erzähler seine Wohnung verliert und nicht mehr weiß wohin er soll trifft er sich mit Durden auf ein Bier. Plötzlich verspüren sie die Lust sich zuschlagen, nicht aus Wut, sondern aus Überzeugung. So gründen sie den „Fight Club“. Ein Verein, nur für Männer, in dem ganz normale Menschen sich einfach nur gegenseitig zusammenschlagen. Das ist der einzige Weg um aus der monotonen Lebensmaschinerie auszubrechen und überhaupt etwas zu fühlen. Es geht nicht ums Gewinnen oder Verlieren, sondern einfach mal aus sich selber herauszukommen und Dampf abzulassen. Selbstzerstörung ist hier Fortschritt, denn erst dadurch fühlt man sich lebendig.

Auch wenn der Trailer es vermuten lässt, geht es hier keineswegs nur um Schlägereien. Wird sich aber wieder getroffen, so hält Fincher drastisch drauf und beschönigt nichts. Gewalt wie sie in Sly und Arni Filmen zu sehen ist wirkt gegen diese reinen und klaren Aggressionen schon fast wie Verherrlichung. Eiskalt läuft’s einem den Rücken runter.

Für Frauen ist bei so einem „Männerclub“ kaum noch Platz. Ausnahme Marla besuchte ebenfalls die Selbsthilfegruppen und will Selbstmord begehen, bevor sich Tyler ihr annimmt und sie mal richtig durchnimmt. Diese Aktion stellt die Freundschaft der Männer auf eine harte Probe, doch fällt sie schließlich dem Zitat: „Nachdem wir von Müttern aufgezogen wurden, ist eine Frau das Letzte was wir brauchen“ zum Opfer. Daher scheint ihr Schicksal besiegelt zu sein.

Gern wird die Konsumgesellschaft aufs Korn genommen und kritisiert. Da stehlen die beiden Hauptfiguren abgesaugtes, menschliches Fett aus einer Schönheitsklinik um daraus später Seife und Sprengstoff zu basteln, welches genau die kapitalistischen Einrichtungen zerstören soll, aus denen diese reichen Menschen geboren wurden bzw das man mit dieser Seife den Menschen ihr eigenes Fett wieder verkauft. Mit Firmen wie Microsoft, Ikea und Calvin Klein hält man sich gar nicht lange auf, denn mit so was wird innerhalb von Sekunden abgerechnet-
Ist es eigentlich bezeichnend das genau die Medienkonzerne, die diesen Film möglich gemacht haben hier abgeschossen werden?

Immer wieder spielt der Film mit der Psychologie des Zuschauers. Provoziert ihn, regt ihn zum mit- oder nachdenken an. Man identifiziert sich mit dem Ich- Erzähler. Taucht in ihn ein und vertraut ihm fatalerweise.

Ziel der beiden Figuren, oder eher das von Durden, ist das Erreichen des Nullpunkts, bei dem es nicht mehr um Kapital und Lebensstandard, sondern nur noch um die pure Existenz geht. Man möchte komplett von Neuem anfangen und so alle Menschen auf eine Stufe stellen. Niemanden bevorteilen oder benachteiligen.

Faszinierend, dass die scheinbare Lösung die Durden anstrebt im Grunde nur eine andere Form der monotonen Kapitalismusgesellschaft darstellt. Denn die Rebellengruppe, die die beiden sich aufbauen ist genauso so totalitär wie die Gesellschaft, aus der sie ausbrechen wollen. Damit wandelt man vom Regen in die Traufe. Kein Fortschritt, sondern nur eine andere Form, in der die Menschen zwar kurzfristig frei sind, aber tagsüber wieder in ihren Käfig wandern und dem Ziel Freiheit erst nachts wieder nahe kommen.
Betrachtet man das Ende des Films stellt aber der kritisierte Kapitalismus die bessere Alternative da. Denn die Idee der beiden Hauptfiguren versinkt in Chaos und Katastrophe, wenn nicht sogar einer finalen Apocalypse.

Die Kameraarbeit trägt ihr übriges zum durchweg positiven Gesamtbild bei. Da wird mit irren Kamerafahrten durch den Film gepflügt, dass einem schwindelig wird oder mit extremen Close Ups der Zuschauer in den Filmsessel gedrückt. Durchatmen darf man jedenfalls nicht, denn sonst bekäme man wahrscheinlich eisigen Atem zu sehen. Nicht vergessen sollte man nicht, den anfangs unauffällig reingeschnittenen Tyler Durden, sowie den provokanten Penis kurz vor Schluß.
Oder auch die hellen und blassen Büroräume als Kontrast zu dem dunklen und verfallenen Haus, in dem der Erzähler mir Tyler Durden lebt. In den Büroräumen gibt es nichts individuelles, die blassen Gesichter der Menschen wirken wie Leichen, in die nur der zerschrammte und blauäugige Erzähler etwas Farbe bringt.

Spoilern möchte ich mal nicht die Überraschung des Films, die man als aufmerksamer Zuschauer aber schon sehr früh erahnen kann. Da der Film aber geschickt täuscht, habe auch ich diese Möglichkeit wieder verworfen. Diese Wandlung gibt dem Film noch mal eine neue Richtung, die dann aber zur vorhersehbaren Katastrophe führt. Überraschen lassen, denn das Projekt „Fight Club“ wird später quadriert, um dann außer Kontrolle zu geraten.

Klasse übrigens Brad Pitt, der mit Worten wie „wir sind erzogen worden um Filmgötter zu werden und sind nun angepisst weil’s nichts draus geworden ist“ mal eben sich selber demontiert. Nach seinen „Good Guy“ Filmen wie „7 Jahre in Tibet und Rendezvous“ mit Joe Black“ scheint er hier einen höllischen Spaß zu haben. Endlich der Ausbruch aus seiner Standardfigur, der sich in Filmen wie „12 Monkeys“ schon ankündigte.

Großartig auch Edward Norton, als „Jedermann“ den scheinbar nichts verzerrenden, glaubwürdigen Erzähler mimt und den Zuschauer damit gehörig aufs Glatteis führt, um ihm schließlich den entscheidenden Schubs zu geben, von dem er sich bis zum Filmende nicht mehr erholt.

Fazit:
„Fight Club“ ist sehr harter Tobak und offensichtliche, zynische Kritik an der bestehenden Kapitalgesellschaft. Um die ganzen Anspielungen und Ideen des Films zu er- und begreifen ( Ich befürchte, dass ich eine Menge übersehen habe) unbedingt mehrmals ansehen. Vielleicht der ehrlichste und tiefsinnigste Film der letzten Jahre. Anspruchsvolles Meisterwerk, dass nichts beschönigt und einen tieferen Sinn besitzt.

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