Review

>>>MIT SPOILER<<<

Filme vermitteln Weltbilder.
Die Sichtweise dieses Filmes ist der Kampf, die tägliche Schlacht, der Krieg. Das ist seit Alters her eine eminent männliche Angelegenheit. Frauen kommen nur ganz am Rande vor, sie besuchen Selbsthilfegruppen oder sind, wie Marla(Helena Bonham Carter), in erster Linie für den Sex da („Sie ist `ne Bestie, die auf Kuscheltier macht!“).

Der Fight Club ist ein Geheimbund. In ihm treffen sich Männer wie Du und ich, um sich bis zur Ohnmacht zu prügeln. Sie schlagen sich blutig und krankenhausreif. Diese Kämpfe finden sinnigerweise in den Kellergewölben einer Kneipe statt. Das Besondere daran ist, es geht gar nicht um’s Gewinnen oder Verlieren, sondern darum, „auf den Nullpunkt“ zu kommen. Der tägliche Kampf ist ein Ritual, das ihnen die Lebendigkeit vermittelt, die sie in ihrem Leben ansonsten vermissten. („Durch Schlagen erst merkt man, dass man da ist!“)

Ich werde den Verdacht nicht los, es ginge bei diesem Film um die Urgründe der Männlichkeit. Wie wird ein Mann „erwachsen“? Doch wohl nicht, indem er einen Schlipsträgerberuf ergattert und eine Wohnung im selbstgestylten IKEA-Look bezieht!
Das dämmert auch Jack, dem Hauptdarsteller Nummer eins, gespielt von Ed Norton.

„Ich war so kurz davor, mich vollständig zu fühlen,“ sinniert er. Aber daraus wird vorerst nichts. Rastlos begibt er sich auf die Reise zu sich selbst. Viele Selbsthilfegruppen besucht er. Er ist ja nicht wirklich „krank“ oder vielleicht besser gesagt krank an sich selbst, so bessert keine der Therapien seinen Zustand. Jenes Gefühl der Leere, der Unausgefülltheit und Verzweiflung weicht nicht. Auch das Ausweinen an des Eunuchen Bobs mächtigem Busen bringt nur kurzzeitig die Erinnerung an graue Vorzeiten der Geborgenheit zurück.

In klarer Bildsprache werden zwei männliche Grundtypen vorgestellt.
Dem noch unfertigen Softie Jack wird sein Alter-Ego Tylor Durden (Brad Pitt) beigefügt. Beide treffen sich, wie könnte es anders sein, auf den Sitzen neben dem Notausgang eines Flugzeuges in jenem Moment, wo die Suche nach der neuen, erwachsenen Rolle auf ihrem vorläufigen Höhepunkt angelangt ist. Der Zuschauer wird informiert, dass Tylor im Nebenjob als Filmvorführer arbeitet. (Auch sein Hauptjob ist interessant, vor allem im Hinblick auf die Rohstoffbeschaffung!) Er zeigt Jack, wie er den Moment des Rollenwechsels bei der Filmvorführung durch Einfügen eines einzelnen Bildes (von einem erigierten Penis!) in den Filmverlauf markiert. Dieses Bild ist für das menschliche Auge nicht bewusst wahrnehmbar. Die Zuschauer im Kinosaal merken also nichts.
Ein Hinweis auf die Rolle der Sexualität beim Erwachsen-Werden? So ist es auch Tylor, der es wild mit Marla treibt.

Ist der ganze Film eine Analogie zum Erwachsen-Werden? Auch dabei geht der Film nahtlos weiter, und die Zuschauer merken nicht das Geringste! Ein Hinweis darauf, dass Männer bereits vor dem wirklichen Erwachsen-Werden schon wie ein Mann aussehen, aber erst nach dem Rollenwechsel erwachen. Erst die symbolische Mitgliedschaft im „Fight Club“ bringt die Erdung. Die Fähigkeit, sich schlagen zu lassen, ohne mit der Wimper zu zucken, macht das den erwachsenen Mann aus? Gemeint ist das symbolische Schlagen bis hin zum Sich-selbst-Schlagen, das Jack auch in einer Szene vorführt.

Der Fight Club im Film wächst, denn „wir fanden mehr und mehr heraus, dass wir nicht allein waren!“
Geht es nicht vielen/allen Männern so, dass sie den Kampf als Elixier ihrer Lebendigkeit brauchen? Man stellt sich wie Jack diesem Kampf und wird „Stück für Stück ein anderer Mensch“.

Die Organisation wächst, und Tylor ist eines Tages verschwunden. Er arbeitet an einem geheimnisvollen Projekt K., in dessen Verlauf er auf der ganzen Welt Fight Clubs errichtet. Jack stürzt erneut in Verzweiflung. Es ist die Wiederholung der frühkindlichen Tragödie: „Ich bin ganz allein, mein Vater hat mich im Stich gelassen, Tylor hat mich im Stich gelassen!“
Anspielungen auf die familiäre Hintergrundgeschichte gibt es noch mehrere, so zum Beispiel:
„Wir sind die Generation von Männern, die von Frauen großgezogen wurden!“ Oder:
„Ich bin wieder sechs Jahre alt und übermittle wieder Botschaften zwischen meinen Eltern!“

Derweil schreitet Jacks Entwicklung voran. Er erkennt, dass die Männer sich überall auf der Welt schlagen. Überall, wo er hinkommt, hat er das Gefühl, „dass der Boden noch warm war vom Kampf der vergangenen Nacht!“
Zum Zeitpunkt der Mutation kommt es zum „Druckabfall in der Kabine“. Tylor erscheint nun wieder und erklärt Jack, dass der „Rollenwechsel“ ansteht: „Alles, was Du immer sein wolltest, das bin ich. Ich hab all die Freiheiten, die Du nie hattest!“

Spätestens hier wird klar, dass Tylor die erwachsene Seite der beiden verkörpert. Marla muss als Spiegel seiner Realität herhalten: „Hast Du den Eindruck, ich hätte zwei Seiten?“
Sie beschreibt ihn als „klug, witzig, spektakulär im Bett“, und ihm dämmert es langsam... ...auch dem Zuschauer!?

Den Inhalt des Filmes weiter zu berichten, wäre extrem unfair, weil der Schluss eine Überraschung birgt, die keinem Kinogänger selbst zu entdecken vorenthalten werden sollte.


Zur Einschätzung des Filmes:

Der Film handelt von einer relevanten Thematik, die sich dem Zuschauer erst nach und nach vermittelt. Er ist kunstvoll aufgebaut und vermittelt so eine gehörige Portion Spannung. Ich könnte ihn bestimmt noch viele Male sehen, ohne einen Anflug von Langeweile zu erfahren. Der Film steckt voller Symbolik, die hier nur angedeutet werden konnte und bestimmt auch vieldeutig ist. Die Kampfszenen sind voller brutaler Gewalt, die sich aber dem Zuschauer in wunderbarer Weise (ja!) sinnhaft erschließen. (Ja, das ist ein „guter Kampf“!) Für mich ist der Film ein Beispiel für Gewaltdarstellung, die nicht „verherrlichende“ Wirkung hat.

Die Schauspieler sind durchweg große Klasse und in der Verkörperung der Anti-Typen, die sich symbiotisch ergänzen, hervorragend ausgewählt. Die Darstellung der Rollen überzeugt in hohem Maße. Musik wird spannungssteigernd gekonnt eingesetzt.
Abstriche kann ich nirgends machen. Im Gegenteil: Es gibt noch viel zu entdecken, und ich freu mich schon darauf, den Film noch einmal anzusehen.

Fazit:

Männer, holt euch diesen Film, so ihr ihn noch nicht gesehen habt!
Holt ihn euch, wenn ihr ihn schon kennt, um ihn wieder zu sehen und in seine Tiefen einzudringen. Es gibt noch viel zu entdecken!

Frauen, schaut euch diesen Film an, wenn ihr Männer verstehen wollt!

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