"Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun.“
Regisseur David Fincher ("Der seltsame Fall des Benjamin Button", "Panic Room", "Sieben") adaptiert mit "Fight Club" das gleichnamige Buch von Chuck Palahniuk und hält sich dabei sehr eng an die anarchistische Vorlage.
Der Erzähler (Edward Norton) der Handlung führt ein scheinbar normales Leben. Er übt einen kaufmännischen Beruf in einer hiesigen Automobilfirma aus und lebt in einem Luxusappartement. Allerdings ist er, wie viele andere seines Standes, ein Opfer des Konsums und leidet seit kurzem unter Schlaflosigkeit. Da er keinerlei ärztliche Unterstützung bekommt, beginnt er an Selbsthilfegruppen teilzunehmen. Dort erhält er die Zuneigung durch schwer erkrankte Personen, wie beispielsweise den an Hodenkrebs leidenden Robert Paulsen (Meat Loaf), die ihm im Alltag fehlt. Für eine gewisse Zeit löst sich sein Schlafproblem. Aber dann erscheint eine weitere Simulantin, Marla Singer (Helena Bonham Carter), in seinen Selbsthilfegruppen. Durch sie kann er sich nicht mehr öffnen. Die Folge ist erneute Schlaflosigkeit.
Während eines Fluges lernt der Erzähler den charismatischen Tyler Durden (Brad Pitt) kennen. Nachdem das Appartement von Ersterem durch eine Explosion unbewohnbar wurde, nistet er sich bei Tyler ein. Die beiden gründen den nur nächtlich aktiven Fight Club, in dem sich jeweils zwei Teilnehmer nach vorgegebenen Regeln gegenseitig verprügeln und durch angewandte Gewalt und Schmerz dem Alltag entfliehen. Mit der Zeit entwickelt sich der Fight Club weiter und sorgt für Chaos und Anarchie an der Oberfläche.
"Fight Club" ist ein Film der die Gemüter anno 1999 erregte. Insbesondere mit Vorwüfen der Gewaltglorifizierung musste sich das Werk auseinandersetzen. Die Mischung aus Psychothriller und Gesellschaftssatire spielt allzugerne mit der Wahrnehmung des Zuschauers und erschafft eine dichte, düstere Atmosphäre. Ohne Kompromisse spiegelt der Film unsere Welt auf eine sehr wahrheitsgemäße und kontroverse Art. Dieses diskutable Detail ist manch einem Kritiker gegen den Kopf gestoßen, könnte eine Konfrontierung vieler versteckter Botschaften von "Fight Club" doch eine Massenhysterie bewirken. Solch ein Ereignis blieb allerdings aus.
Bei dem Titel "Fight Club" denkt man zuerst an die kämpferische Komponente eines Martial-Art-Filmes. Tatsächlich enthält der Psychothriller Abschnitte, in denen sich Kontrahenten gegenüber stehen und in boxerischer Form ordentliche Schläge verpassen, teils bis das Blut nur so aus Platzwunden fließt. Dass die Kämpfe nicht ohne sind verrät bereits das FSK 18 Gütesiegel. Hart und mit heftigen Schlägen geht es zur Sache, bevor manch ein Körper mit dumpfen Schlag auf den Boden sinkt oder den Kampf vorzeitig abbricht. Zweckmäßig verfolgt der Film allerdings eine völlig andere Richtung als plakative Gewalt. Nämlich die, der sozialkritischen Gesellschaftskritik.
Chuck Palahniuk hat in seinem Roman bereits das ad absurdum unserer Gesellschaft vordefiniert. Gebunden an portionierte Durchschnittlichkeit und des kulturellen Untertauchens in der grobschlächtigen Masse, existiert der Durchschnittsbürger nur für sich selbst. In vielen Bereichen benutzt er nicht mal mehr seinen Namen, sondern versteckt sich hinter einem Pseudonym, bei Ämtern oder im kaufmännischen Bereich auch gerne als Nummer. Ohne wirkliche Träume und feste, soziale Beziehungen bemüht sich dieser Bürger nur um eines: dem Konsum. Dabei verliert er seine individuellen Entfaltungsmöglichkeiten. Ohne der Bedeutungslosigkeit seines Tuns bewusst zu werden, läuft er seinen eingeschränkten Pfad immer weiter.
Symbolisch übernimmt der Erzähler in der Handlung die Rolle solch eines Durchschnittsmenschen der zuerst durch Selbsthilfegruppen wach gerüttelt wird. In diesen erfährt der gesunde Erzähler einerseits Zuneigung und das Gehör anderer Menschen, die bewusst leiden. Gleichzeitig wird ihm bewusst, wie gut es ihm eigentlich im Vergleich zu den todkranken Menschen um ihn geht. Dies führt später, in Kombination mit einer weiteren Persönlichkeit, zur Gründung eines eigenen Formats seiner Definition einer Gruppe und dem Verlangen, den eigenen Schmerz und die Erlösung körperlich zu spüren.
Tyler Durden ist der Auslöser des Verlangens danach. Er steht im absoluten Gegensatz zur Gesellschaft und dem Durchschnittsbürger und scheint keinerlei moralische Grenzen zu kennen. Vom System nicht betroffen, lebt Tyler jenseits sozialer Zwänge, kultureller Maßstäbe oder religiöser Riten.
Der Zuschauer wird unmittelbar in die Geschichte dieser beiden Persönlichkeiten miteinbezogen. Allein schon der nie direkt erwähnte Name des Erzählers gibt Gelegenheit für ausgiebige Diskussionen. Hinweise auf den Namen Jack sind mehrfach vorhanden, könnten aber gleichfalls eine weitere Komponente eines der größten Verwirrspiele der Filmgeschichte sein.
"Fight Club" fordert Aufmerksamkeit, und das zu jeder Sekunde. Zwischen philosophischen Zitaten, düsterer Ironie und heftigem Schlagabtausch findet sich eine absolute Wahrheit, die vielfach in anderen Filmen kopiert wurde, allerdings niemals in solch einer Perfektion. Den vollen Grad der Manipulation erfährt der Zuschauer erst gegen Ende, wenn sich das Verwirrspiel und die Absichten hinter allem auflöst. Obwohl sich dadurch ein paar Logiklöcher bilden, schlägt die Lösung wie ein Schlag in die Magengrube ein.
Sicher ist der ironische und sehr direkte Witz nicht jedermanns Sache. Man muss allerdings zugeben, dass die Dialoge fern von sinnfreiem Inhalt sind, sondern immer mit teils abartigen Lebensphilosophien und überspitzten Bemerkungen punkten können.
Auf technischer Ebene ist Fight Club sehr gelungen. Spektakuläre Kamerafahrten durch Mülleimer, hinter Küchenmöbel und im Intro gar durch das Gehirn steigern den seherischen Wert ungemein. Ebenso die visionäre Schnitttechnik. Dazu gibts einen treibenden Soundtrack der insgeheim für eine Temposteigerung sorgt.
Schauspielerisch ist Fight Club ein Meilenstein. Obwohl sich die Figur des Tyler Durden abwegig sonstiger Rollen von Sunnyboy Brad Pit ("Der seltsame Fall des Benjamin Button", "Babel", "Troja") bewegt, besitzt er alles was für diese Rolle notwendig ist. Die Ausstrahlung, die Reife und auch den selbstzerstörerischen Blickwinkel. Gleiches gilt für Helena Bonham Carter ("Sweeney Todd", "Terminator - Die Erlösung") die eine herrlich schräge Performance einer am Ende agierenden Mittellosen bietet.
Obwohl beide wirklich grandios schauspielern werden sie von Edward Norton ("Der unglaubliche Hulk", "American History X") in den Schatten gestellt. Grandios vermittelt er die Rolle eines durchschnittlichen Aufsteigers im Wechsel der gelebten Welten ohne die Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen und bietet die nötige Identifikation zu seiner Figur, die für das aufgehen der Handlung absolut notwendig ist.
Insbesondere durch den komplexen sozialkritischen Stoff, denkwürdige Zitate und eine äußerst unerwartete Auflösung der Geschichte, bleibt "Fight Club" noch lange nach dem sehen im Gedächtnis verankert. Die harten Kämpfe haben dabei nur einen minderwertigen Stellenwert. Wer sich auf einen anarchistischen, bizarren und unweigerlich komischen Psychothriller ausrichtet, erhält einen Film der absoluten Spitzenklasse.
10 / 10