Nahrung für Gedanken.
Das ist es, was aus „Fight Club“, mit zeitlichem Abstand betrachtet, einen der wichtigsten Filme der 90er macht oder wahlweise einen der Filme, die ein neues Millenium eingeläutet haben.
In einer Zeit, in der der Trend dahin geht, Filme botschaftslos der Unterhaltung zu opfern oder mühsam und gleichzeitig lautstark eine simple Botschaft in einem Film unterzubringen, wirkt David Finchers Film wie eine Pandorabüchse, aus der immer neue Ideen und Gedanken quellen, die vielleicht nicht existenziell wichtig sind, aber im Bezug auf unsere kapitalistisch ausgerichtete Gegenwartsgesellschaft vielleicht doch die eine oder andere Überlegung wert sind.
Dabei soll der Film weder moralisch noch belehrend sein, Chuck Palahniuks Buch, das Fincher ziemlich buchstabengetreu wiedergegeben hat, ist im Grunde eine Zivilisationssatire der grotesk-bitteren Sorte, eine, die dem Leser den Kopf ordentlich durchschüttelt und die Ohren freispült, damit wieder Platz für Neues ist.
„Fight Club“ war an der Kasse kein Erfolg, dem generellen Kinopublikum fehlten sowohl Identifikations- als auch Sympathiefigur, eine wirklich klare Linie und eine Aussage, die man innerhalb dieser Gegenwartsutopie schnell nachvollziehen konnte.
Kein Wunder, denn das will der Film auch gar nicht.
„Fight Club“ ist dazu da, den Zuschauer zu verunsichern.
Auf den generellen Plot reduziert, bietet er dem Publikum ein Panoptikum an Doppeldeutigkeiten, Zweitexistenzen und gespaltenen Persönlichkeiten, die das Gesehene der ersten zwei Drittel des Films bald ad absurdum führen und dem Zuschauer eine neue Perspektive abverlangen.
Genau letzteres praktiziert die Story aber schon von Anfang an, indem sie den namenlosen Erzähler, der gerade deswegen ein Everyman ist, einen ewig langen Einführungskommentar sprechen läßt, während die Kamera bemüht ist, dies mit Bildern zu illustrieren. Gefangen in einer Leistungsgesellschaft, die ihn bis zur Selbstaufgabe fordert, verliert der heutige Mensch seine Identität und betäubt seine natürlichen Regungen unter den Dämonen des Konsums, ohne seine Unzufriedenheit damit ausschalten zu können.
Damit erstirbt auch das Gefühl als solches, zu wirklichen Beziehungen nicht mehr fähig, sucht der Erzähler Zuflucht im Elendstourismus, um im Leid des nahenden Todes die einzigen verbliebenen, wahren Emotionen aufzusaugen. Doch selbst dort ist er nicht mehr allein, doch der gemeinsame Mangel wird sich zu einer der ungewöhnlichsten Liebesgeschichten überhaupt auf der Leinwand ausleben, ein Crashkurs im nicht mehr gewohnten Umgang mit Menschen an sich und der Unfähigkeit der Annäherung bei gleichzeitigem Bestehen der Anziehung.
Erst mit dem Auftauchen Tyler Durdens, einer vor Energie berstenden Figur, die die gesellschaftlichen Konventionen komplett aufgehoben zu haben scheint, um nach dem Archaichen im Menschen zu streben, bekommt auch der Erzähler eine neue Richtung. Der Mensch sucht nach Perspektiven, hier ist eine.
Mit rabenschwarzem Witz und nur schwach unterdrückter Radikalität geht Tyler die bestehende Realität an, sie nur als Bühne für den Bruch mit ihr selbst benutzend. Das Spielerische jedoch gebiert letztendlich die Ernsthaftigkeit. Der Fight Club wird geboren, die Reduktion des Menschen auf sein tierisches Selbst, den nackten Kampf.
Die Maxime dabei bleibt, daß man erst dann etwas ist, wenn man alles andere verloren hat, doch die Eingefahrenheit des Systems bietet so nur die Möglichkeit zum Guerrillakampf bzw. zum Terrorismus.
David Fincher erliegt nicht dem Reiz des narrativen Erzählens, des Mitreißens, doch ausweichen kann er ihm auch nicht. Sein Plot-Twist bietet seiner Figur die Möglichkeit zur Selbstfindung, zur Schaffung einer alternativen Perspektive, zum Schluß sogar einer (womöglich) alternativen Gesellschaft, wer weiß. Gleichzeitig ist Fincher jedoch bemüht, mittels des Überraschungseffekts den Zuschauer in den Prozeß hineinzuziehen, obwohl sich der von Minute 1 an eh nur im Kopf des Protagonisten befindet, seine Sicht der Dinge observiert. Die Arbeit des Zuschauers ist dabei, zu entscheiden, was davon narrativ der Wahrheit entspricht und was er in seine persönliche Realität mitnehmen kann.
Insofern spielt das Skript mit dem moralischen Spielraum der Zuschauer. Begrüßt man die ersten Aktionen noch aufgrund ihres Witzes und ihrer befreienden Wirkung, wird die Bereitschaft später, als die Aktionen der FC-Gruppen sich dem Terrorismus annähern, immer stärker auf die Probe gestellt.
Überhaupt ist der Humor hier gallebitter und gerade deswegen so verdammt nah an unserer derzeitigen Spaßgesellschaft. Die Herstellung von feinster Seife aus den Fettabsaugungen einer Schönheitsklinik ist dabei eines der treffensten Bilder.
All dies visualisiert die Produktion in einem furiosen Rock’n Roll-Stil, einem Bilderstakkato, das gleichzeitig verblüfft und zur Mitarbeit auffordert. Ein brilliantes Beispiel (abgesehen vom Bildersturm des Vorspanns, in der die Kamera aus dem Mikrokosmos des menschlichen Körpers zurückfährt um schließlich über eine Kopfhautpore in unseren Kosmos vorzudringen) ist dafür der Schwenk durch die Wohnung des Erzählers, die, werbetechnischen Erwartungen zufolge mittels des neuesten IKEA-Katalogs eingerichtet wurde. Während er uns das erzählt, verwandelt sich auf der Leinwand die leere Wohnung tatsächlich nach und nach in ein Katalogwerbefoto, nicht ohne die einzelnen Elemente gleich mit Benennung, Materialzusammensetzung und Preis abzubilden.
Dieser visuelle und mentale Overkill ist für die Ablehnung des Films hauptsächlich verantwortlich, denn „Fight Club“ ist harte Arbeit für den Zuschauer, allerdings ein Rausch für den offenen Geist. Legt man (wie die Übermacht des Publikums) allerdings rein unterhaltende Maßstäbe an, muß man schon ein Faible für eine zynische Weltsicht, skurilen Humor und geistige Bocksprünge haben, um das Gesamtergebnis genießen zu können. Eine simple „Kauen-und-Schlucken“-Rezeption ist in diesem Fall nicht möglich, weswegen die Geschichte leicht und schnell auf die graphischen Faustkämpfe reduziert wird, um alles aus Gründen der Brutalität als unnötig abzutun. Daß die Fights tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle spielen und es fast eine Stunde dauert, bis es überhaupt mal zu einem Kampf kommt (was umgekehrt auch für die finale Dreiviertelstunde gilt), dringt da schon gar nicht durch.
Bezüglich der Schauspieler ist die Hingabe bis zur Selbstaufgabe wohl besonders erwähnenswert. Edward Nortons Erzähler ist eine bedauernswerte Figur, der trotz ihrer offensichtlichen „Kaputtheit“ stets sympathisch bleibt, wenn man die Ansätze von Parallelen an sich heranläßt. Pitt taucht, wie nicht selten, in seiner Durden-Figur komplett unter, um seinen eigentlichen Starstatus erfolgreich vergessen zu machen. Wirklich beeindruckend aber Helena Bonham-Carter, der man den Status „noch lebend“ tatsächlich in Frage stellen möchte und die dem Begriff kettenrauchendes Slum-Gothic-Wrack eine ganz neue Dimension verleiht, ohne daß sie einen Hauch von Abscheu erregen würde.
„Fight Club“ bietet keinerlei Lösungen an, sondern fokussiert am Ende auf die Rückkehr zur persönlichen Entscheidungsgewalt. In einer Gesellschaft des sich verselbständigenden Trends (und sei es zum Kulturterrorismus) plädiert die Schlußszene irritierenderweise auf die Rückkehr zum Gefühl, zur Intimität. Natürlich im Rahmen des allgemeinen Wahnwitzes, den die wohl verrücksteste und gleichzeitig anrührendste Schlußapokalypse der Filmgeschichte bis zum Auslaufen der Filmrolle durchhält.
So wird aus Finchers Werk der inkonsequenteste konsequente Film und umgekehrt, ein Bastard zwischen Stühlen und Welten und einer der wenigen Filme, die neben dem geforderten Abstraktionsvermögen und den bisweilen zynischen Gegenwartsklagen auch ein ungewöhnliches Maß an sadistischer Unterhaltung bieten.
Diese Abartigkeit bringe ich für mich persönlich gerne auf. (10/10)