Bis heute gilt "Miracolo a Milano" (Das Wunder von Mailand) als eines der wichtigsten Werke des Neorealismus, obwohl dem Film gleichzeitig dessen spezifischen Eigenschaften abgesprochen werden und De Sicas Film in der Folge von "Ladri di biciclette" (Fahrraddiebe) auch zeitgenössische Zuschauer und Kritiker irritierte. Die gewählte Form eines Märchens, welche zusätzlich durch fantastische Elemente im Film betont wird, hatte scheinbar wenig mit der Abbildung der Realität zu tun, der sich der Neorealismus verschrieben hatte.
Abgesehen davon, dass es nie einen generellen, in sich homogenen Filmstil gegeben hatte, ist Vittorio de Sicas Verfilmung eines Buches von Cesare Zavattini, die konsequenteste Umsetzung seines eigenen Stils, dessen Popularität dadurch entstand, dass er der düstersten Realität noch menschliche Züge abgewinnen konnte. Anders als in Roberto Rossellinis oder Luchino Viscontis Filmen dieser Epoche, durchbrach er den Pessimismus durch kleine, scheinbar nebensächliche Geschichten, wie etwa die Freundschaft des einsamen "Umberto D." zu seinem kleinen Hund. Durch diese Elemente blieben De Sicas Filme immer in einem für den Betrachter emotional erträglichen Rahmen, in dem er sich das Schicksal benachteiligter Menschen ansehen konnte.
Auch heute noch kann man darüber streiten, ob De Sicas Stil die Realität verharmloste oder erst zugänglich machte, doch während in Filmen wie "Ladri di biciclette" oder "Umberto D." die harte Realität und menschliche Züge untrennbar miteinander verwoben sind, lassen sich in "Miracolo a Milano" diese deutlich unterscheiden - während die Realität der mittellosen Menschen in der Barackensiedlung am Rande Mailands nicht beschönigt wird, verfügen alle menschlichen und positiven Entwicklungen über märchenhafte Züge. Sie kulminieren letztlich alle in der Figur des Totò (Francesco Golisano), der in einer Art Kreuzung aus unschuldigem Parsifal und "Hans im Glück", den armen Menschen zu Hilfe kommt. Seine Figur begründet sich aus dem Epilog des Films, denn obwohl von seinen realen Eltern ungeliebt als Findelkind ausgesetzt, wird er von der alten Lolotta (Emma Gramatica) gefunden und mit so viel Liebe aufgezogen, dass er ab sofort gegen jedes menschliche Unbill resistent ist. Er akzeptiert es einfach nicht.
Durch diese bewusst übertrieben gezeichnete Figur, der zudem noch seine Ziehmutter aus dem Himmel mit einer Taube zu Hilfe kommt, stellt Zavattini der realen Welt eine Irrealität gegenüber, die im Film zwar sehr unterhaltend ist, aber von keinem Betrachter als tatsächliche Lösung angesehen werden kann. Dadurch erhält auch De Sicas Schilderung eines Kapitalismus in der italienischen Gesellschaft, deren Elend nicht mehr als Folge des Krieges, sondern als Auswuchs einer neuen gesellschaftlichen Entwicklung angesehen wird, eine entsprechende Kontur, die dem Regisseur und seinem Autor erhebliche Kritik von konservativer Seite einbrachte. Eine für De Sica ungewohnte Situation, da er sich nicht zu kommunistischen Idealen bekannte - eine gerade in den Anfängen des Neorealismus, als Reaktion auf den Faschismus, übliche Haltung.
Aus der heutigen Sicht wirkt die Solidarität unter den Armen vielleicht etwas beschönigend, aber diese wird nur von der Märchenfigur Totò ausgelöst, während De Sica immer wieder in kleinen Nebengeschichten deutlich macht, wie egoistisch letztlich der Einzelne handelt. "Miracolo a Milano" kann in seiner kritischen Anlage neben den thematischen Nachfolgern "Accattone" von Pier Paolo Pasolini, 1961, und Ettore Scolas "Brutti, sporche e cattivi" (Die Schmutzigen, Hässlichen und Gemeinen) von 1976 problemlos bestehen. Pasolini hatte den Gedanken an eine Veränderung aufgegeben, bei Scola hatten es sich die Menschen inzwischen im Elend eingerichtet, aber auch bei De Sica gab es schon keine irdische Erlösung mehr.
Wer das Lachen Totòs, seine Liebe zu Edvige (Brunella Bovo) und den gemeinsamen Ritt der Armen auf dem Besenstil als Zeichen für menschliche Moral und den Sieg der Zuversicht ansieht, sollte nicht vergessen, dass diese Dinge am Ende in den Wolken verschwinden (10/10).