Egar Flores spielt El Casper, ein Mitglied einer mexikanischen Gang, dessen Freundin vom Boss der Gang bei einem Vergewaltigungsversuch getötet wird. Als die beiden einen Zug mit Flüchtlingen, die ihr Glück in den USA versuchen wollen, überfallen, versucht der Gangboss erneut, eine junge Frau zu vergewaltigen, weswegen El Casper ihn ermordet. Da die Rache der Gang nicht lang auf sich warten lassen dürfte, versucht er nun ebenfalls in die USA zu entkommen, wobei die Gerettete ihre Reise gemeinsam mit ihm fortsetzt.
Dass Jugendbanden, die Mafia und Gangs so ziemlich überall auf der Welt ein Problem darstellen und dass es innerhalb der Organisationen meist rauer zugeht als in der Koalition Merkel/Westerwelle oder der französischen Nationalelf ist schon mehrfach filmisch von den verschiedensten Nationen aufgearbeitet worden. Ob "Knallhart" in Deutschland, "Boyz`N the Hood" in den USA oder "City of God" in Brasilien, die Problematik gibt weltweit zu denken. Aber auch in der massigen Konkurrenz an Genrebeiträgen kann das mexikanische Banden-Drama "Sin Nombre" durchaus bestehen.
So ist das alltägliche Leben in der mexikanischen Gang durchaus realistisch wiedergegeben, wobei diverse Überfälle, Gewalt, sexuelle Eskapaden und kriegsbemalungsartige Tätowierungen nicht gerade derart klischeefrei dargestellt werden, dass "Sin Nombre" noch schockieren könnte; was nicht heißt, dass er nicht gelegentlich für ein flaues Gefühl sorgt. Dies tut er besonders dann, wenn gezeigt wird, wie Kinder und Jugendliche als Nachwuchs in die Gang integriert werden und bereits Mitglieder anderer Gangs erschießen, während Altersgenossen das siebte Schuljahr besuchen.
Aber "Sin Nombre" ist letztlich mehr als eine Milieustudie, die man so oder so ähnlich schon dutzendfach gesehen hat, er überzeugt vor allem durch die Konstruktion der Hauptfigur und deren Ausbruch aus der Gang. Der Protagonist, der zunächst als durchschnittliches Gangmitglied betrachtet werden kann, muss mehr oder weniger hilflos mit ansehen, wie der Boss der Gang seine Freundin zu vergewaltigen versucht und dabei (unabsichtlich) tötet. Als jener dann erneut eine junge Frau vergewaltigen will, eskaliert er und tötet den Gangsterboss, wodurch das Drama schließlich schlagartig in Gang kommt und zunehmend mitreißender ausfällt. Dass dies mit Egar Flores, dem Hauptdarsteller, steht und fällt, ist im Grunde überflüssig zu erwähnen, doch der macht seine Sache gut und authentisch.
Es beginnt also die Flucht, die Flucht aus der Gang, aus den zuvor dargestellten Verhältnissen, einem Teufelskreis, eine Flucht in die USA. Regisseur Cary Fukunaga, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, begleitet ihn mit einigen Handkameraeinstellungen und zahlreichen authentischen Bildern der mexikanischen Flüchtlingsströme, die den Sprung in die USA schaffen wollen. So gelingt tatsächlich mitunter ein Einblick tief in die Seele Mexikos, in die der Auswanderer und in die vorherrschenden Problematiken, wobei bei Inhalt und Anspruch immer wieder Abstriche gemacht werden, um den Unterhaltungswert hoch halten zu können.
Und dies gelingt in der zweiten Filmhälfte ebenfalls sehr gut. Die Flucht ist spannend gestaltet, da die Gangmitglieder im Nacken der Flüchtenden sitzen. Und auch die sich anbahnende Romanze, die subtil genug vermittelt ist, um nicht aufgesetzt zu wirken, trägt ihr Übriges zum Gelingen des Films bei, da die emotionale Komponente so ebenfalls sehr stark ausfällt, was nicht zuletzt auf die hinreißende Paulina Gaitan zurückzuführen ist. Da die zweite Filmhälfte schnell erzählt ist und durchaus unterhaltsam gerät, gelingt so ein rundum empfehlenswerter Film, der vor allem zum Ende hin aber vielleicht doch zu sehr zum Unterhaltungsdrama verkommt, obwohl die tieferen Ansätze durchaus vorhanden waren. Diesen Eindruck relativiert schließlich das konsequente Ende, bei dem der Protagonist von seinen Untaten eingeholt wird, gleichzeitig aber auch seinen Frieden findet, da er seine Begleiterin diesmal nicht schutzlos in die Fänge der Gang geraten lässt.
Fazit:
"Sin Nombre" überzeugt als Milieustudie, da er sich der mexikanischen Bandenproblematik durchaus gelungen annimmt, genauso, wie den Flüchtlingsströmen, auch wenn hier vielleicht noch der eine oder andere Ansatz hätte vertieft werden können. Als Unterhaltungsdrama überzeugt der Film aber auf jeden Fall, ist besonders in der zweiten Filmhälfte spannend und mitreißend und bleibt aufgrund seines konsequenten Endes durchaus im Kopf.
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