Review

Als kleine Altare von Lady Diana und anderen jung verstorbenen und dadurch unsterblich gewordenen Prominenten den Styx hinunter schwimmen, ist das ein tröstender Kommentar zum Tod von Heath Ledger, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere verblichen ist und dadurch in der Erinnerung der Öffentlichkeit als Idealbild weiter leben wird. Gleichzeitig ist diese Szene ein bitterer Kommentar auf den Protagonisten Dr. Parnassus, der in seiner Überheblichkeit ewiges Leben erwettet hat und im Laufe der Jahrhunderte feststellen muss, dass er immer irrelevanter wird. Und er wird in der Erinnerung der Menschen nicht als Idealbild weiter leben, sondern (wenn überhaupt) als herunter gekommener Penner, der nicht gemerkt hat, dass seine Zeit längst gekommen ist. Niemals wird er zelebriert werden wie die auf den schwimmenden Altaren gezeigten Personen; ewiges Leben mag er gekostet haben, doch wird er in den Herzen der Menschen nicht ewig weiter leben und ihnen kein Vermächtnis seines Wirkens hinterlassen, weil er seinen Zenit längst überschritten hat. Es scheint als wolle Terry Gilliam eine tröstende Sicht auf Sterblichkeit und Vergänglichkeit eröffnen: Zwar müssen wir alle mal den Löffel abgeben, können aber, wenn wir uns geschickt anstellen, der Welt etwas hinterlassen und so indirekt weiter leben.

Zweitens geht es hier um ein Spiegelbild unserer laut Film zynischen Zeiten. Ein Teufel und ein maßloser alter Mann, die mit ihren eitlen, immer abstruseren Wetten indirekt mit menschlichen Schicksalen zocken wie zwei Vertreter der Finanzwirtschaft. Ein Publikum, dass sich lieber besäuft und prügelt, anstatt in Dr. Parnassus Kabinett eine spirituelle Selbsterfahrung zu durchleben. Überhaupt scheint niemand mehr Interesse an Imagination und phantastischen Geschichten zu haben: Erst als Parnassus seinem Kirmeswagen ein steril modernes Design verpasst, kann er inmitten von Prada, Dolce & Gabana und Apple die Aufmerksamkeit der Konsum-orientierten Menschen erwecken. Wiederum andere fallen bereitwillig auf die Charity-Galas eines falschen Philanthropen hinein, um sich im wohligen Gefühl zu suhlen, etwas Gutes getan zu haben.

Viele seiner Meinung nach beunruhigenden Auswüchse unserer Zeit hat Terry Gilliam in seinen Film gestopft, und das Ergebnis ist eine oberflächlich bleibende Collage. Optisch ist sein Werk aber großartig. Hinter dem Spiegel tun sich surreale Bilderwelten auf, welche geschickt das Seelenleben desjenigen visualisieren, der in den Spiegel tritt. In der Tat schaffen es die Filmemacher hier, dem Publikum Dinge zu zeigen, die im Kino nicht alltäglich sind; vielleicht ist das der größte Verdienst von "The Imaginarium of Dr. Parnassus". Angesichts der ganzen Bilderpracht und filmischen Ideen hätte man sich vielleicht eine etwas lebendigere Kameraführung gewünscht, aber sei's drum.

Das eigentliche optische Highlight ist aber Lily "Dollface" Cole als Valentina. Übrigens eine Figur, die wie alle Figuren dieses Films verschenkt ist und nicht erreichen kann. Als Ausdruck von Valentinas Sehnsüchten und ihrer Unzufriedenheit mit dem Schausteller-Leben muss es ausreichen, dass sie in einer Szene das Magazin "Perfect Home" liest. Nicht nur packt man sich als Zuschauer angesichts solcher bequemen Drehbuch- und Inszenierungs-Abkürzungen entnervt an den Kopf, sondern sie unterminieren auch die Lebendigkeit der Figuren. Aber das ist symptomatisch für "Imaginarium of Dr. Parnassus": Ein Film, der thematisch, inhaltlich und visuell dermaßen überladen ist, dass er das traurige Kunststück schafft, gleichzeitig zu komplex und zu simpel zu sein. 

Details
Ähnliche Filme