Ein enormer Hype ging dem Film voraus - ausschlaggebender Grund war mit Sicherheit der Tod Heath Ledgers. An einer Überdosis Medikamenten nahm er sich Januar 2008 das Leben - während der Dreharbeiten zu Terry Gilliams jüngstem Film. Natürlich kann man die Notsituation nachvollziehen - aber ob es wirklich sinnvoll war, den Film trotzdem fertig zu stellen? Der Tod Ledgers hat dem Film nämlich sowohl Vorteile als auch Nachteile gebracht - so zynisch das nun auch klingen mag. Vorteilhaft ist auf jeden Fall, dass Gilliams Films dadurch noch mystischer und fantasievoller wurde, da die Figur von Ledger - Tony - nun in jeder Fantasiewelt ein anderes Aussehen bekam - dargestellt von Jude Law, Johnny Depp sowie Colin Farrell. Ein nachhallender Nachteil ist auf jeden Fall, dass Gilliam den Film nicht vollends nach seinen Vorstellungen beenden konnte. Der Film wäre sicher ganz andere Wege eingegangen als das nun hier zu findende Resultat - aber die tragischen Umstände ließen den Traum nicht zu. Ein Thema, dass Gilliam selbst in seinem Film verarbeitet. Als ob es Zusammenhänge gäbe zwischen den Dreharbeiten und dem Werk. Aber ob diese so offensichtliche Parallelen beabsichtigt waren? Wohl kaum? Denn wer rechnet schon damit, seinen Hauptdarsteller mitten bei der Arbeit zu verlieren? Eben. Das Endprodukt kann sich auf jeden Fall sehen lassen, aber man merkt schon sehr deutlich, dass Gilliam ein goldendes Händchen schon seit Jahren verloren hat...
Dr. Parnassus ist ein Mann, der unsterblich ist. Die Unsterblichkeit ist jedoch das Resultat einer Wette - mit dem Teufel. Von nun an zieht er mit seiner Tochter Valentina, sehr extravertiert dargestellt von der hübschen Lily Cole, einem sehr Kleinwüchsigen Mann, der definitiv kein Liliputaner ist sowie dem Gehilfen Anton durch die Welt, um Geld zu verdienen. Mit einer im Grunde sehr interessanten und atemberaubenden Show. Man kann in seine eigene Fantasie eintauchen. Auf ihrem Weg finden sie jedoch Tony, den sie aufgehängt an einer Brücke vorfanden. Er entpuppt sich als mysteriöser Namensloser, der so einige Tricks auf Lager hat und gen Ende sogar mit seinem dunklen Geheimnisse die Truppe in Gefahr bringt. Nicht nur dies, auch der Teufel mischt sich wieder ein. Und irgendwann weiß man gar nicht mehr um was es wirklich geht und dem Zuschauer ist es im Grunde auch egal, da einem nicht nur einem vor lauter Staunen der Mund offen bleibt.
Die Story ist ein Irrsinn, keine Frage. Was Gilliam uns genau erzählen will und was er damit ausdrücken will, ist nicht unbedingt klar. Eine wirkliche Aussage ist nicht zu finden. Nichts desto trotz erzählt er seine sehr persönliche Story konsequent und ohne viel Wiederholungen durch. In seiner Geschichte gibt es 2 Welten - die Realität und die Fantasie. Doch was ist irrsinniger?
Im Grunde ist der Film in zwei Parte aufgeteilt - die am Ende dann wieder zusammenfinden. Der erste Part ist die Realität, in der die Protagonisten um ihr Überleben kämpfen und selbst noch kleine, persönliche Konflikte überstehen müssen. Tristesse ist das Schlagwort. Über all dem liegt der Mantel der Verdammnis. Man ist ihm Grunde verloren, man hat keine Perspektive. Abgefedert wird das alles jedoch durch den typischen Humor, wie man ihm von Gilliam kennt. Man darf nicht vergessen, er war ja immerhin ein Mitglied der legendären Komikertruppe "Monty Python". Man findet hier gewohnt die obligatorische Skurrilität, jedoch erinnert sie hier mehr an Gilliams Megaflop "Terry Gilliam". Alles ist etwas hysterischer, der Humor gewollt verrückt die absurden Ideen halten sich in überschaubaren Grenzen. Einzig der Kleinwüchsige Percy ist noch für ein paar große Lacher zu, da ihm wahrhaftig sehr amüsante Sätze in den Mund gelegt werden, die das Geschehen auflockern, es aber gleichzeitig auch sarkastisch hinterfragen. Doch nachdem man das erste Mal in der Fantasiewelt ist - um genau zu sein in der Welt einer erhabenen Frau - wendet sich der Film und er wird komplett neu definiert.
Die Fantasiewelt. Optisch eine absolute Augenweide. Zwar merkt man ab und an dass diese famose Welt aus dem Computer stammt, dennoch ist sie faszinierend. In der ersten Fantasiesequenz wird Tony dargestellt von Johnny Depp, welcher dem Charakter einen neuen Touch verleiht, Ledgers Darstellung aber nicht untergräbt, sondern sie nur ein Stück weit erweitert. Auch wenn Depps unnachahmliche Genialität auch hier wieder durchblitzt. In der zweiten Fantasiewelt verkörpert Jude Law den Mysteriösen. Und ab da fängt der Film an auseinanderzubrechen. Laws Darstellung ist solide, jedoch ist er kein guter Ersatz für Ledger. Seine Mime wirkt hier sehr monoton und er vermag dem Spektakel keine Seele einzuhauchen. Auch wenn diese Traumsequenz die Beste ist, da Gilliam als absurdes Highlight gar eine Polizei-Garde ein kleines Musical aufführen lässt. Die letzte Traumsequenz ist dann auch quasi der Absturz des Werkes. Dargestellt von Colin Farrell ist Tony nun in seiner ganz eigenen Fantasie - und zwar in seinem alten Leben. Seine Vergangenheit hat ihn heimgesucht. Dabei darf man nicht vergessen, dass Andrew Garfiels Charakter - Anton - schon längst geahnt hat, dass etwas mit Tony nicht stimmt. Nur Valentine war blind, da sie wahrscheinlich über alle Ohren ihn in verliebt war. Dennoch wird in dieser letzten Fantasiesequenz ganz deutlich, wie es um Tony wirklich steht. Seine Fantasie löst sich wortwörtlich auf und sein Leben endet dort, wie es quasi begonnen hat. Mit dem Galgen. Mit dem Strick. Nur wird ihn diesmal der Galgen nicht retten, sondern töten. Wie es um einen Galgen nun mal steht.
Terry Gilliams Film ist ein optisch sehr überzeugender Augenschmaus, der inhaltlich jedoch sehr ambivalent sein Thema präsentiert. Was will Gilliam uns genau sagen? Man kann vor seinen Problemen nicht fliehen, auch nicht in seiner Traumwelt? Die Fantasie ist nur eine Reflexion der Realität und somit keineswegs absurder. Vielleicht vermag die Fantasie ja für einen kurzen Augenblick den Alltag zu überspielen, aber man wird immer eingeholt, egal wann und wo. Selbst der Tod ist keine Lösung, wie man beim Finale sehr eindeutig erfährt.
Das Werk ist sehr artifiziell, aber nicht anspruchslos. Die nichtssagende Botschaft ist wie ein Klotz am Bein, man versucht zwanghaft irgendetwas hineinzuinterpretieren, versagt jedoch dann am eigenen Anspruch. Wenn es wenigstens unterhaltsam wäre, aber nicht mal dass erfüllt das Werk. Einzig Ledgers Performance und die ab und an aufblitzende Skurrilität rettet den Film. Nach einem guten Drittel verliert sich der Film nämlich in einem Effektbrimborium, dass sein Potenzial in keiner Sekunde ausschöpft. Darüber hinweg tröstet auch der solide Christopher Plummer nicht, der dem verrückten Dr. Parnassus noch etwas Charme abgewinnen kann.
Hier wird ganz klar künstlerisch mit gekünstelt verwechselt. Nicht schlechter als Gilliams Werk "Brothers Grimm", aber auch nicht hinreichend überzeugend. Schade.
Heath Ledgers Tod ist im Grunde gerade zu filmreif. Vielleicht ist ihm das Desaster des Films ja bewusst geworden und er wollte einfach nicht mit ansehen, wie eine an sich brillante Idee so verarbeitet wird. Verzeiht, aber ein bisschen Spaß muss sein. Achja, David Carradine tat es Ledger 1 1/2 Jahre später gleich. Nur das er einen Strick benutzte. Vielleicht als Hommage an Ledger? Wer weiß, wer weiß...