Review

Dario Argento, der neben anderen das Genre des Giallo groß machte und selbst durch Gialli groß wurde, dreht einen Film mit dem Titel „Giallo“ – da durfte man gespannt sein.
Tatsächlich bedient „Giallo“ auch die klassischen Handlungsmuster des Genres, das nach Ende der 70er nur noch sporadisch Vertreter hervorbrachte. Der oder die Fremde, der/die nach Italien, meistens Rom, kommt und dort in eine Mordserie verwickelt wird. Hier ist es die Amerikanerin Linda (Emmanuelle Seigner), die nach Turin kommt, um ihre Schwester, ein berühmtes Model zu besuchen.
In der Stadt geht dann auch der obligatorische Mörder um, der hübsche Frauen bei seiner Arbeit als Taxifahrer kidnappt, foltert und anschließend umbringt. Auch Lindas Schwester wird Opfer einer derartigen Entführung und wie im klassischen Giallo ist die Polizei relativ machtlos, bis auf den einen kompetenten Mann, in diesem Falle der Inspektor Enzo Avolfi (Adrien Brody), der eine ganz besondere Obsession für Frauenmorde hat, da seine Mutter vor seinen Augen ermordet wurde.

Also raufen sich die beiden zusammen und gehen bald als dynamisches Duo auf persönlich gefärbte Mörderhatz. Die Zeit läuft ihnen allerdings davon, da der Killer sein letztes Opfer mittlerweile zu Tode gefoltert hat und Schwesterlein nun als nächstes dran ist...
Nach dem katastrophalen „Mother of Tears“ ist „Giallo“ tatsächlich wieder etwas besser und sieht auch so aus, als habe ihn tatsächlich Argento gedreht und nicht bloß ein direct to video Regisseur. Gelegentlich sieht man wieder das Gespür des Altmeisters für Bildkompositionen, gerade bei den Szenen im Park. Wirklich ausgefallene Shots oder besonders originelle Kamerafahrten darf man allerdings auch diesmal nicht erwarten, einen Soundtrack in der Stärke früherer Argento-Werke ebenfalls nicht; stattdessen bleibt die Inszenierung immer noch recht bieder, leistet sich aber keine Schnitzer wie die sauschlechten CGI-FX in „Mother of Tears“.
Inhaltlich ist „Giallo“ dann leider auch nicht mehr als ein stinknormaler und nicht besonders einfallsreicher Krimi geworden, in dessen Verlauf kaum Recherche auf Behördenseite stattfindet. Stattdessen sind es dann zwei, drei Hinweise, welche die Helden auf die Spur des Killers bringen und der Erfolg liegt auch nur darin begründet, dass der Mörder eines seiner Opfer versehentlich lebend ablädt und nicht tot. Insofern verbringen die Helden viel Zeit mit herumlaufen und damit, über ihre Vergangenheit zu reden, ohne dass dies dem Film wirklich Charaktertiefe zu verleihen oder die angedeutete romantische Komponente des Plots vorwärts zu prügeln. Eigenartig ist auch die letzte Sequenz, die andeutet, dass das letzte Opfer noch rechtzeitig gefunden wird, dann rollt der Abspann, als habe Argento keine Lust mehr gehabt den Film vernünftig fertig zu drehen.

Wer angesichts von Titel und Regisseur auf eine Meta-Reflexion des Giallo-Genres gehofft hatte, der wird auch enttäuscht, denn das Wort steht in diesem Falle wirklich nur für „gelb“ und nimmt keinen Bezug auf literarische oder filmische Vorläufer. Auch das Wiederholen bekannter Genremuster reicht da als echte Reflexion nicht aus. Mit viel Wohlwollen kann man allenfalls die wenigen Mordszenen als selbstreflexiv deuten: Während in der Gegenwart im „I know who killed me“-Stil rumgefoltert wird, erinnert der Rückblendenmord an Avolfis Mutter eher an den klassischen Giallo, mit schreiendem Opfer und niedersausendem Messer. Das war es dann auch, Gorehounds werden hier nicht fündig, aber nach dem stupiden Exzess von „Mother of Tears“ hätte es das nicht gebraucht – eine spannendere Geschichte wäre trotzdem nett gewesen.
Nun muss man sagen, dass Schauspielerführung eh nie Argentos Faible war und das merkt man dem Film an. Emmanuelle Seigner und Adrien Brody sind nicht schlecht, spielen ganz gut, aber wenn man sieht, was andere Regisseure aus ihnen herausgeholt haben, dann wirken ihre Performances etwas fade. Wenig charismatisch auch der Mörder, dessen Gesicht aus unerfindlichen Gründen erst nicht gezeigt wird, später dann aber auf einmal doch.

Auch „Giallo“ bringt Dario Argento nicht aus der anhaltenden Talsohle heraus, auch wenn er etwas besser als „Mother of Tears“ und „Do you like Hitchcock?“ ist. Doch mangelnder Spannungsaufbau st auch hier die Hauptschwäche, die Chance auf eine wirkliche Genre-Reflexion wird ebenfalls vertan (das gab’s dann eher in „Tenebre“). Aber schön, dass wieder mehr von der Handschrift Argentos im Film zu erkennen ist.

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