Giallo (2009)
Der gute Dario Argento provoziert noch immer Fans und Kritiker gleichermaßen, warum auch nicht, nur die Umstrittenen bleiben interessant.
Sein neuester Film „Giallo“ verspricht allein vom Titel her Großes, dazu verfügt er auch noch über ein (vergleichsweise) hohes Budget, Oscargewinner Adrien Brody spielt mit, sowie Emmanuelle Seigner.
Da läuft einem als Fan doch das Wasser im Munde zusammen… aber „Giallo“ ist ein kleines, subversives Stück, das jegliche Zuschauererwartungen untergräbt, und dem Publikum demonstrativ den Mittelfinger entgegenstreckt.
„Giallo“ wird Viele verwirren, denn er führt das fort, was Argento bereits in „Mother of Tears“ praktiziert hat- die eigene Demontage.
Wenn die Karriere langsam zu Ende geht, dann neigen manche Filmemacher dazu, das eigene Werk postmodern aufzuarbeiten. John Carpenter hat mit „Ghosts of Mars“ eine Art „Best of“ hinterlassen, das bekannte Motive aus früheren Filmen noch mal aufgreift und sie überspitzt. Deswegen darf man solche selbstreflexiven Spielereien auch nicht bierernst nehmen.
Denn wenn man das tut, dann ärgert man sich nur. Für viele war „Mother of Tears“ eine Beleidigung, dabei war der Film ein einziger Groschenroman, der „Suspiria“ und „Inferno“ zitierte und parodierte. Im Ernst, die Mütter-Trilogie in der heutigen Zeit anständig zu beenden, ist unmöglich. Der Zug ist längst abgefahren. Argento weiß das, er macht seit 1968 konstant Filme, er weiß, dass das Kino sich weiterentwickelt, und auch er hat all die Jahre nichts anderes gemacht. Er hat versucht, neue Wege zu beschreiten („Das Stendhal-Syndrom“, „The Card-Player“), er hat andere zitiert („Do you like Hitchcock?“), jetzt zitiert er sich selbst, doch diesmal ohne das Ganze besonders ernst zu nehmen (wie in „Sleepless“).
Das begann mit „Mother of Tears“ und wird mit „Giallo“ konsequent fortgeführt. Argento weiß, dass er sich oder anderen nichts mehr beweisen muss, und so kommt er am Ende seiner Karriere wieder bei sich selbst an.
Das Dilemma von „Giallo“ ist gleichzeitig seine Stärke. Giallo- und Argentofans werden sich amüsieren, weil sie die Zitate und Querverweise verstehen. Sie werden darüber staunen, wie man so respektlos mit dem Giallo-Genre, ja, mit dem eigenen Werk umgehen kann. Die Nicht-Eingeweihten werden dem Film wenig abgewinnen können, für sie bleibt er ein unspektakulärer Serienkiller-Thriller.
Doch selbst manche Fans werden Schwierigkeiten haben, den leisen (aber bissigen) Humor von „Giallo“ wahrzunehmen.
-Einige Spoiler vorhanden-
Die Schwester von Lina (Seigner), ein Modell namens Celine (Elsa Pataky), wird von einem psychopathischen Killer entführt. Inspektor Enzo Avolfi (Brody) betreut den Fall. Zusammen mit Linda macht er sich daran, den Killer, bekannt als „Yellow“, zu schnappen.
Das ist die Story. Dazu gibt es noch die wunderbare Vorgeschichte von Avolfi, die seine Obsession für Serienkiller enthüllt: als er noch ein kleiner Junge war, wurde seine Mutter brutal ermordet, von dem ortsansässigen Schlachter, wie er später herausfindet. Der Junge spürt den Schlachter auf und tötet ihn (!), dabei wird er leider von einem Polizisten erwischt. Dieser versteht jedoch Enzos Tat (!!), lässt ihn laufen. Dieser Polizist ist sein heutiger Kollege Inspektor Mori (!!!).
Die Vergangenheit war für Argento stets der Schlüssel zur Wahrheit, die Vorgeschichte eines Charakters erklärt dessen aktuelle Handlungen. Das ist auch hier der Fall, doch Avolfis Vorgeschichte ist so überspitzt, so haarsträubend und lächerlich, dass man nur lachen kann. Natürlich bleibt die Inszenierung sehr ernst und zurückgenommen, was die Komik aber nur verstärkt.
Überhaupt ist das Spiel von Adrien Brody so übertrieben, dass es eine wahre Freude ist. Er ist das lebende Klischee des von der Vergangenheit verfolgten Polizisten, gleichzeitig spielt er wie ein betrunkener Humphrey Bogart, während Emmanuelle Seigner einige hysterische Highlights bereithält.
Dann der Killer… auch er hat natürlich eine böse Vorgeschichte, alle haben ihn wegen seiner gelben Hautfarbe gehänselt, jetzt hockt er vor seinem PC, hat einen Schnuller im Mund und masturbiert vor den Bildern seiner gefolterten Opfer.
Der Killer wird übrigens von einem gewissen Byron Deidra (zwinker, zwinker) verkörpert, in gewisser Weise ein Hinweis auf „Tenebre“ und „Stendhal-Syndrom“.
Argento karikiert sowohl Helden als auch Schurken, er spult, scheinbar lieblos, Standardsituationen ab, um diese ad absurdum zu führen.
Die Inszenierung und die tolle Musik von Marco Werba suggerieren zwar noch einen ernst gemeinten Thriller, doch letztendlich ist der Film viel zu albern um ernst genommen zu werden. „Giallo“ ist einfach nur ein verdammt ironischer Haufen Spaß, der Klischees en masse präsentiert, ganz bewusst. Vielleicht ist das Argentos Art sein Gesamtwerk Revue passieren zu lassen, vielleicht ist das aber auch eine bittere Abrechnung mit einem Genre, das dem Mann einfach nur lästig geworden ist.
Ich frage mich, ob das nicht sein letzter Film war…