Dario Argento macht es auch mit "Giallo" seinen Fans wieder mal nicht leicht, und das ist auch einigermaßen verständlich - denn Argento-Fans scheinen mitunter die undankbarsten, die ein Regisseur haben kann. Seit der italienische Regisseur mit "Profondo Rosso" und "Suspiria" die beiden Referenzwerke schlechthin für den italienischen Thriller und den italienischen Horror geschaffen hat, wird anscheinend nur noch eine Neuauflage dieser Werke, d. h. mehr oder minder eine Selbstkopie, erwartet und nichts anderes gutgeheißen. Der Regisseur liefert aber nichts in dieser Art. Ob ihm das unter aktuellen Gegebenheiten überhaupt möglich wäre oder ob er sich dem ohnehin konsequent verweigert, um nicht zum Plagiator seiner selbst zu werden, ist letztlich schwer zu beantworten.
Dass Argento inzwischen unter Arbeitsbedingungen und Produzentenzwängen arbeitet, die die konsequente Durchsetzung einer eigenen Vision bedeutend erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen, kann man einem grölenden Filmfest-Publikum, das sich über einzelne Dialogzeilen und diesen oder jenen Schauspieler einen abgeiert, wohl nur schwer verständlich machen. Das ist der eine Aspekt, den es zu bedenken gilt, wenn man Argentos derzeitiges Schaffen beurteilen will. Andererseits gilt es auch den doppelten Boden eines vordergründig leicht zu beanstandenden Films zu sehen. Das gerade angesprochene Publikum sieht nur, was es sehen will, ist dadurch auch keinem Altershumor, keiner filmischen Ironie und keinem Augenzwinkern zugänglich und liefert in schlecht geschriebenen kleinen Blogtexten ermüdende Verbalkotzereien, die mit Wikipedia-Informationen zum Stichwort Giallo beginnen und mit einem verärgert abgegebenen Punkteminimum enden. Nicht ohne dass vorher noch betont worden wäre, dass Argentos Filme eigentlich schon immer dümmlich gewesen seien und dies lediglich wegen der tollen Optik nicht deutlich geworden sei. Auf solche "Fans" bzw. Rezensenten verzichtet ein Regisseur gerne, und möglicherweise sind Filme wie "La terza madre" und "Giallo" Zeugnisse einer derartigen Verweigerung. Im übrigen wird der kompromisslose Verächter aktueller Argento-Filme auch nicht unbedingt einen Zugang zur Substanz seiner älteren Werke gefunden haben.
Kaum jemand scheint darauf zu kommen, dass es für Argento einfach wäre, seine alten Motive wie den eleganten Handschuhkiller wiederzukäuen und er dies eben bewusst unterlässt. Der Killer in "Giallo" ist ein Gegenentwurf, keine Neuauflage alter Giallo-Mörder. Karikaturhaft, hilflos herumstolpernd, alles andere als ein sein Umfeld überlegen beherrschender Genieverbrecher ist hier am Werk. Daher ist seine Überführung auch kein großes Problem. Hier wendet sich der simple Blogkritiker ab und tippt seine paar schnöden Zeilen samt Minimalwertung, ohne das Warum auch nur ansatzweise zu bedenken. Dabei kann der aberwitzige Einfall, unter dem Namen "Giallo", der in der Filmhandlung auch den Mörder selbst bezeichnet, einen dem klassischen, ästhetisch durchformten und inszenatorisch stilisierten Nobelkiller komplett entgegengesetzten Schmuddel-Sadisten zu präsentieren, schon als bissiger Geniestreich eines schrulligen Altmeisters gelten, der auf die Gunst des einen oder anderen Tastaturquälers leichthin verzichten kann.
Eins muss man "Giallo" aus meiner Sicht in jedem Fall lassen: Durch flüssige Kameraführung insbesondere zu Beginn des Films, ausgewogene, wenn auch manchmal hart wirkende Schnitte und einen volltönenden dramatischen Orchestersatz aus der Feder von Marco Werba, der vom Budapester Sinfonieorchester eingespielt wurde, kann "Giallo" mit Dynamik und stellenweise zu Beginn auch mit der aus früheren Werken gewohnten Eleganz glänzen. Die Kameraarbeit von Frederic Fasano, die in "La terza madre" mit der einen oder anderen billig wirkenden Einstellung irritierte, hat hier spürbar Form angenommen, ohne dass eine Akrobatik sichtbar würde, wie sie etwa Ronnie Taylor in "Opera" unter Beweis gestellt hat.
Auch das Schauspiel von Adrien Brody und Emmanuelle Seigner hat ordentlich Häme einstecken müssen. Dabei zeigt Brody mit seinem unbeweglichen, dauerqualmenden Inspektor eine ebenso extreme Rolleninterpretation wie als Psychiatrie-Insasse in "The Jacket", nur dass in letzterem Fall sein tränennasses Augenaufreißen als Dauergestus offenbar mehr Beifall findet als seine als "hölzern" gebrandmarkte, jedoch als Pose nicht weniger legitime Lethargie in "Giallo". Emmanuelle Seigner erscheint hier kaum weniger überzeugend als beispielsweise in "Die neun Pforten", "Bitter Moon" oder anderen Werken ihres Gatten Roman Polanski. Auch mit Elsa Pataky, die als ständig in Lebensgefahr erscheinendes Opfer von "Giallo" die unangenehme Aufgabe eines Agierens auf dem Foltertisch absolvieren musste, tut dies in ansprechender Weise.
Mit seinen Schauplätzen und deren kameratechnischer Erfassung befriedigt "Giallo" im Gegensatz zu "La terza madre" ebenfalls so gut wie durchgehend, ob - beispielsweise - nun die Betriebsamkeit einer Modenschau-Garderobe oder im entscheidenden Gegensatz dazu die Einsamkeit eines stillgelegten Gaswerks zur Kulisse des Schicksals von Elsa Patakys Figur dient, die Atmosphäre der Umgebung ist hier in kaum zu beanstandender Weise erfasst. Die Rückblenden bedienen sich des nicht sonderlich originellen und gerade heute eindeutig überrepräsentierten Stilmittel des Farbfilters, in "Tenebre" wurde das Zeitebenen-Problem weitaus eigenständiger und überzeugender gelöst.
Fazit: Wieder mal nicht der Film, den sich Argentos Fangemeinde insgeheim vielleicht noch erwartet hat, aber gewissermaßen gerade deshalb Anschaupflicht und letztlich möglicherweise erhellender, als es die anscheinend so erwünschte Selbstkopie des Regisseurs bezüglich seiner 70er-Filme wäre. Auch wenn ich ehrlich zugeben muss, dass mir ein Argento der alten Schule mehr als willkommen wäre. Als jemand, der sich Argento zu bleibendem Dank für vielfältigste Inspiration verpflichtet fühlt, werde ich jedoch auch seine folgenden Filme als Herausforderung und nicht als Vorlage für billige Verrisse aufnehmen und hoffe, dass "Giallo" durch eine momentan noch ausstehende deutsche DVD-Veröffentlichung auch hier ein zur Reflexion bereites Publikum findet.