Die ganze Familie kreischte vor Entsetzen, denn Opa hatte sich Honig um den Bart schmieren lassen, und wollte nun ohne Brille Auto fahren.
Half aber nichts, er setzte seinen senilen Dickkopf durch, und sich ohne Sehhilfe hinters Steuer. Der unvermeidliche Unfall, den er dabei natürlich baute, kam schließlich unter dem Titel Giallo in die Videotheken.
Zugegeben, dass jemand wenigstens noch versucht hat, dem seinerzeit schon fast 70-jährigen Dario Argento die beknallte Idee auszureden, dieses jämmerlich zusammengestümperte Drehbuch, das ein naseweiser kleiner TV-Horrorautor ihm als zeitgemäße „Hommage“ an seine Arbeiten der 1970er Jahre aufgeschwatzt hatte, allen Ernstes zu verfilmen, habe ich in künstlerischer Freiheit hinzugedichtet. Der Rest der Geschichte hat sich aber leider wirklich so zugetragen.
Der naseweise kleine TV-Horrorautor heißt Sean Keller. Nach gescheiterten Karriereversuchen als Singer/Songwriter und Schauspieler, fing er aus Geldnot an, Drehbücher zu schreiben, und nach sagenhaften drei (!) Fernseharbeiten fühlte er sich dann auch gleich mal dazu berufen, zusammen mit seinem Co-Autoren Jim Agnew das Mainstream-Horrorkino auf seine nächste Entwicklungsstufe zu heben. (Sag ich doch: ein totaler Naseweis!)
Ihr Rezept: Endlich keine „kleinen Mädchen mit nassen Haaren und Geistergeschichten“ mehr (O-Ton Keller, und ich frage mich dabei: Wie viele Teile von The Ring hab ich denn da scheinbar verpasst? Ich kenne nämlich bloß zwei?!), sondern stattdessen ein Rückgriff auf die Motive und Strukturen des „Giallo“, des berüchtigten italienischen Subgenres des Thrillers, das seine Blütezeit in den 1970er Jahren hatte.
Statt Geistern kleiner Mädchen mit nassen Haaren also ein psychosexuell gestörter Serienmörder, der leichtbekleidete kreischende Miezen abmetzelt.
Das hatten wir ja nun wirklich dermaßen lange nicht, die Idee war so was von originell, ja geradezu revolutionär, dass Keller/Agnew sicherheitshalber lieber doch noch ein paar gerade angesagte Elemente eingebaut haben, sonst wäre das Publikum mit dem Stoff wahrscheinlich total überfordert gewesen.
Dieses giallotypische „Wer-ist-denn-wohl-der-Mörder?“-Ratespiel zum Beispiel, mitsamt den Roten Heringen und dem ganzen Zeug, das ist doch mittlerweile nur noch voll doof und uninteressant.
Viel cooler, als am Schluss irgendeine Nebenfigur überraschend als Täter zu enttarnen, ist es, dem Zuschauer gleich von Anfang an einen so richtig kaputten Typen als Mörder zu präsentieren, der gar nicht erst zu versuchen brauchte, sich als unauffälliger Normalo zu tarnen.
Und einfach nur Abstechen bis der rote Vino spritzt, finden die Leute heutzutage ja auch längst viel zu öde, „Torture-Porn“ ist angesagt!
Bitte, sollen sie haben, dann überwältigt der Mörder seine Opfer also nicht mehr einfach nur, um ihnen gleich an Ort und Stelle zwar äußerst blutig, aber letztlich doch recht zügig das Lebenslicht auszublasen, sondern transportiert sie erst mal zwecks ausgiebiger prämortaler Verstümmelungsorgie in seinen Unterschlupf ab.
Noch was Wichtiges vergessen? Ach ja, natürlich – Zitate! Kein fetziger, intelligenter Horrorfilm kommt heute mehr ohne aus. Was könnte man denn da so Schönes nehmen?
Vielleicht einen an Roark Junior nach seiner Verwandlung in den „Yellow Bastard“ (aus Sin City) angelehnten Killer, der mit der Masche des Bone Collectors auf die Jagd nach Opfern geht, und dabei wiederum seinerseits von einem kettenrauchenden, gewaltaffinen „Hardboiled detective“ à la Mike Hammer gejagt wird? Scheibenkleister ja, das ist gut!
Und damit der Pöbel auch wirklich schnallt, dass das Ganze eben trotzdem immer noch ein „Giallo“ sein soll, bekommt der Film diesen Begriff ganz einfach gleich als Titel verpasst, während er sich zugleich aber auch ein Stück weit von den alten Schinken emanzipiert, indem er dafür zusätzlich noch eine von dieser Genrebezeichnung losgelöste Erklärung aus der Handlung heraus liefert.
Das ist so – selbstreflexiv. Das ist einfach nur geil!
Für Hollywood war es sogar entschieden zu geil. Weit und breit fand sich niemand, der diesen haarsträubenden Dünnsch... - äh, dieses oscarverdächtige Meisterwerk produzieren wollte. Banausen!
Also versuchten Keller und Agnew ihr Glück in Europa, wo das Drehbuch schließlich Dario Argento höchstpersönlich in die Hände fiel, und bei diesem offenbar einen spontanen Schub mittelschweren präsenilen Größenwahns auslöste:
Er beschloss nämlich, sich seiner Umsetzung federführend – als weiterer Co-Autor sowie Regisseur - anzunehmen.
Wenn Opa Craven es mal mit fast 60 noch geschafft hatte, diese blutgeilen jungen Schweinigel mit einer flippigen Überarbeitung seiner hergebrachten Horrorstoffe zum lustvollen Kreischen zu bringen, dann würde Opa Argento das auch mit fast 70 ja wohl immer noch mindestens genauso gut und mit links können?!
Denn wessen Oeuvre, bitteschön, zitieren die Schöpfer der längst zum Kult avancierten, und dieser Tage von den großen Studios reihenweise mit satten Budgets und im Hochglanzgewand kommerziell höchst erfolgreich neuverfilmten, Slasher- und Splatterfilme der 1970er und -80er Jahre schließlich immer so artig und dankbar als ihre maßgebliche Inspirationsquelle? (Na, raten Sie doch mal – ist auch wirklich nicht schwierig, ehrlich!)
Dass er selbst hingegen auch mehr als 30 Jahre später allerdings immer noch bloß Low-Budget-Produktionen inszeniert, die mittlerweile selbst von seinem eingeschworenen Fanpublikum zumeist nur noch mit peinlich berührtem Höflichkeitsapplaus aufgenommen werden, war Opa Argento im entscheidenden Moment offenkundig gerade mal nicht gewahr.
Sehen Sie es dem Mann aber nach, er war eben schon 69, da kann so was ja mal vorkommen. Und so nahm die Tragödie ihren wohl unaufhaltsamen Lauf:
Opa Argento haute erst mal kräftig in die Tasten und prötkerte selbst noch ein bisschen am Drehbuch herum, um … ?
A) Die beiden Naseweise Keller und Agnew nicht in dem Glauben zu lassen, sie könnten ganz ohne seine Mitarbeit einen feschen, zeitgemäßen Giallo schreiben?
B) Der Welt zu beweisen, was für ein profunder Kenner des Mainstream-Horrorkinos des frühen 21. Jahrhunderts er doch ist?
C) Sich zu Beginn des Abspanns mit dem Credit „Written and directed by Dario Argento“ als Autorenfilmer präsentieren zu können?
D) Alle drei Antwortmöglichkeiten sind richtig?
(Ich weiß die richtige Lösung übrigens nicht. Falls Sie sie kennen sollten, schreiben Sie mir bitte nicht! Ich will es gar nicht wissen … )
Am Ende stand dann jedenfalls ein unglaublich hirnrissiger Plot, der neben den bereits erwähnten, willkürlich zusammengeklaubten Versatzstückchen bloß noch eine Verkettung selten dämlicher Zufälle und in seiner lächerlichen Unglaubwürdigkeit jeder Beschreibung spottendes Verhalten der Protagonisten enthält, und sonst nichts.
Nun ist es sicherlich richtig, dass eine ausgefeilte Dramaturgie schon früher nicht unbedingt zu den großen Stärken des Giallo gehörte, und es auch heute noch stapelweise Filme gibt, die in erster Linie bis ausschließlich ihrer Schauwerte wegen produziert und angesehen werden.
Bloß, ausgerechnet im Bereich des Slasher-/Splatterfilms gelten da mittlerweile etwas andere Maßstäbe, entscheidend mitaufgestellt von eben diesem vorerwähnten Opa Craven.
Vielleicht hätte das irgendjemand Opa Argento mal sagen sollen? (Oder hat man es ihm sogar gesagt, und er hatte nur gerade sein Hörgerät nicht eingeschaltet? Ich hab keine Ahnung. Sollten Sie zufällig Näheres dazu wissen, dann unterstehen Sie sich, mir zu schreiben! Ich weiß, wo Ihr Auto steht … )
Aber auch überhaupt: Schauwerte? Atmosphäre? In diesem Film?
Es gibt, wie schon angerissen, ein paar kurze Torture-Porn-Szenen der Güteklasse Standard-Pussyschreck. Gorehounds zieht bei deren Anblick eher die gelangweilte Lustlosigkeit ihrer Inszenierung die Eingeweide zusammen, kreativer Sadismus ist nämlich was so völlig anderes.
Und ja, ganz kurz lässt Opa Argento sogar mal aufblitzen, dass auch seine eigene Erinnerungen an die besten Zeiten seiner Schaffenskraft – wider unvermeidlich längst gehegter gehässiger Befürchtung des genrekundigen Zuschauers – dann doch noch nicht zur Gänze von Kalk und Plaques überlagert sind, nämlich wenn er in Rückblenden aus der traumatischen Jugend des den Mörder jagenden Polizeiinspektors erzählt:
Diese Kulissen! Diese Kameraführung! Dieser Farbstich! Ein in schwarz gekleideter Mörder! Wie das Messer in den Körper des Opfers eindringt, und das Blut aus diesem herausquillt – echter Giallostil! Wahrer Kult!
Die in der Gegenwartshandlung vereinzelt hier und da platzierten, visuellen und akustischen Stilmittel des klassischen Giallo – zur Eröffnung eine Szene in einem ganz in Rot gehaltenen Opernhaus, ein in rotem Samt eingeschlagenes Messer, ein Badezimmer mit vergoldeter Wendeltreppe in der Mitte, die schwarzen Handschuhe, die der Mörder in einer Szene doch tatsächlich trägt, die angedeuteten Kamerafahrten, ab und zu ein bisschen Orchestermusik, vor allem Streicher – wirken jedoch schon fast schon wieder wie lästige, in die ansonsten ganz und gar moderne, geschliffene bis sterile Optik des konventionell geschnittenen Films nur widerwillig aufgenommene Zitate.
Wenn es denn unbedingt sein muss, weil das Publikum so was in einem Film dieses Titels ja wahrscheinlich irgendwie erwartet ...
(Vollhonks! Da will Opa Argento ihnen zeigen, was für eine coole Socke er immer noch ist, indem er mal eben ganz lässig einen voll stylischen, postmodernen Giallo runterkurbelt, aber die Enkel bestehen darauf, dass er dabei noch metertief in der Klamottenkiste wühlt. Sachen gibt’s, aber wirklich mal … )
Die Besetzung der lediglich vier Hauptrollen geriet in Folge diverser Absagen, Pannen und Unlustanfälle während der Vorproduktion zu einem nicht minder deprimierenden Aufgebot eines Dreiviertel-Ersatzballets, und genau so stellen die Leute sich auch an:
Adrian Brody hat zur Vorbereitung auf seine Doppelrolle eine Nacht zu viel mit seiner Method-Acting-Fibel unter dem Kopfkissen gepennt und ist davon komplett schizophren geworden.
Als von einem blutigen Kindheitstrauma gepeinigter Polizeiinspektor spielt er keinen hölzernen Typen, er steht 90 Minuten lang wirklich nur herum wie der letzte Klemmi im Puff an der Bar, so sehr geht er in der Rolle auf.
In seinen Szenen als physisch wie psychisch degenerierter Serienmörder hingegen hält er einfach nur rat- und planlos sein Gesicht in die Kamera, so als wüsste er selbst nicht genau, was der Maskenbildner da eigentlich mit ihm veranstaltet hat und warum.
Für Doppelrollen wurde das Method Acting also erkennbar nicht erfunden.
Emmanuelle Seigner hatte anscheinend das Drehbuch nicht wirklich gelesen, so dass ihr erst während der Dreharbeiten allmählich dämmerte, worauf sie sich da überhaupt eingelassen hatte.
Anhand ihrer von Szene zu Szene schwankenden, aus nachvollziehbarer und berechtigter Sorge um ihren Ruf als ernstzunehmende Schauspielerin erwachsenden Versteinerung lässt sich ganz bequem der Drehplan rekonstruieren.
Einziger Lichtblick auf Seiten der Darsteller ist das spanische Model Elsa Pataky. Die hat zwar nicht wirklich viel zu tun, außer die meiste Zeit des Films über im luftigen Kleidchen wimmernd, schreiend und zunehmend blutverschmiert auf der Schlachtbank zu liegen, doch gerade das macht sie wirklich erregend schön ...
Wenn nur der Rest des Films nicht so ein völliges Desaster wäre. Nächstes Mal setzt Opa Argento zum Autofahren besser wieder seine Brille auf.
Und fährt auch nicht mehr zum Filmset, sondern nur noch bis zum Briefkasten – um seinen lange überfälligen Rentenantrag einzuwerfen!
Prädikat: Kann man in die Tonne treten (2/10)