Seit einigen Jahren sieht man sie wieder regelmäßig im Kino und im DVD-Regal, die Rachefilme, nun also Johnnie Tos Senf dazu, dem Thema entsprechend „Vengeance“ betitelt.
Es beginnt mit dem Massaker an einer vierköpfigen Familie, das erst fragmentarisch gezeigt wird (eine spätere Rückblende wird die Ereignisse genauer rekonstruieren). Unter den Opfern: Die Tochter von Costello (Johnny Hallyday). Angeblich nur ein Koch aus Frankreich, doch Johnnie To setzt seinen Helden so im Stil des Schwarzen Serie in Szene, dass man ahnt, dass mehr hinter der Fassade steckt – nicht nur aufgrund seiner Herkunft muss man bei dem Protagonisten an Alain Delon in „Der eiskalte Engel“ denken, der sich ja auch auf die Schwarze Serie bezog.
Costello weiß was er will und wo er suchen muss, macht seinerseits drei Killer ausfindig: Kwai (Anthony Wong), Chu (Ka Tung Lam) und Fat Lok (Suet Lam). Es verwundert kaum, wenn er diesen drei Brüdern im Geiste gesteht selbst man ein Hitman gewesen zu sein, es erfüllt lediglich die Ahnungen des Zuschauers. Ein weiteres Noir Zitat: Costellos Gedächtnis schwindet, ähnlich wie der Held von Christopher Nolans Neo Noir „Memento“ benötigt er Polaroids als Erinnerungsstütze. Düster wie der Noir, fatalistisch wie das Heroic Bloodshed Genre: Man ahnt, dass Rache keine Katharsis bringen wird, dafür sind die beiden Vatergenres von „Vengeance“ zu wenig hoffnungsfroh.
Insofern verwundert es kaum, dass sich bald herausstellt, dass Costello und seine drei neuen Freunde den wahren Schuldigen des Mordes wesentlich näher stehen als sie anfangs glauben – es steht ihre schwerste Entscheidung, ihr härtester Kampf bevor…
Der Genrekenner ahnt ab einem gewissen Zeitpunkt bereits worauf „Vengeance“ hinauslaufen wird, aber ähnlich wie bei dem schwächeren „Exiled“ geht es Johnnie To nicht um das, was er erzählt, sondern wie er es erzählt. Das Tokio ist Neon Noir pur, dessen grelle Leuchtreklamen die sie umgebende Düsternis nur noch finsterer wirken lassen, die Bilder zeichnen bereits den fatalistischen Ausgang der Geschichte vor.
Dabei arbeitet sich „Vengeance“ ausgesprochen ruhig vor, denn Tos Film setzt auf keinen Actionoverkill, sondern verteilt seine Schießereien großzügig innerhalb seiner 105 Minuten, doch wenn es dann zur bleihaltigen Gewalteruption kommt, dann darf der Zuschauer sich auf kreativ choreographierte Shoot-Outs einstellen. Gerade die Konfrontation am Ende eines Familienpicknicks sowie die Ballerei beim Ansturm der Schergen auf das Versteck der Helden sind purer Zucker, das Finale ein gern gesehenes Highlight, nur das Feuergefecht auf dem Schrottplatz, bei dem Schrottwürfel als mobile Deckung dienen, das wird schlecht vorbereitet und mit fehlendem Elan abgefilmt und ist dann „nur“ nette, aber eben keine herausragende Action.
Doch so ausgeprägt Tos Stilwille auch ist, so fetzig die Shoot-Outs auch sind: Inhaltlich kaut auch „Vengeance“ nur althergebrachte Standards her, die To zwar als Zitate aus Noir und Heroic Bloodshed kennzeichnen mag, die dadurch aber nicht frischer werden. Gelegentlich wirkt To auch etwas zu bemüht, wenn er auf die Vorbilder verweisen will, zerredet Sachen lieber in Dialogen anstatt seine wesentlich stärkeren Bilder sprechen zu lassen. Sicher, das Konzept trägt über die volle Lauflänge, zeigt im letzten Drittel aber Abnutzungserscheinungen – „Vengeance“ hat das Potential zum Highlight, das er eben in jenen Momenten verspielt.
Johnny Hallyday ist als Hauptdarsteller recht gut, ganz stark sind Anthony Wong und Simon Yam, beide nicht umsonst als Charakterköpfe des aktuellen Hongkong-Kinos geachtet. Auch im punkto Nebendarsteller ist „Vengeance“ durchaus solide, freilich ohne Bäume auszureißen.
Es bleibt eine visuell starke, in den Actionszenen brillante, inhaltlich aber nicht immer ausgereifte Rachefabel, die emsig zitiert und mit ordentlich Kraft daherkommt, im letzten Drittel aber doch etwas zu gewollt und zu geschwätzig wird. Ein schicker Hongkongreißer, aber nicht das große Highlight, das er hätte sein können.