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Aus Paaren werden Eltern - für Hollywood stets ein Zeichen für Witzchen und kleine und große Lebenskrisen, die schlußendlich meistens damit enden, wenn nach geglückter und vielumbrüllter Entbindung alle vor dem kleinen Würmchen dahinschmelzen.
Wie schön, daß es auch noch anders geht, wie in Sam Mendes "Away we go", der die Coming-of-Age-Story für die im Geiste schon Reiferen mal von einer anderen Seite angeht.
Heraus kommt dabei eine Mischung aus Road-Movie und Episodenfilm, in dem ein werdendes Elternpaar sich dem Selbstzweifel der eigenen Existenz gegenüber sieht. Dabei geht es beiden nicht schlecht, gute Jobs, genug Geld, nur eben verheiratet sind Burt und Verona noch nicht (und sie will auch gar nicht) - woran es fehlt, sind die Sicherheit gegenüber dem, was kommen wird, genügend Selbstbewußtsein für den nächsten Schritt und einem Eigenheim, wo die Träume von Partnerschaft und Familie so blühen können, wie sich beide das erträumen.

Bis man aber diesem Ziel näher rückt, schickt Mendes die beiden und damit den Zuschauer auf eine Reise quer durch die Vereinigten Staaten (plus Kanada), stets auf der Flucht vor den nagenden Gedanken und auf der Suche nach dem künftigen Selbst.
Zeit genug für eine Kaskade skuriler Einzelepisoden und seltsamer Begegnungen mit vielen Paaren, die bereits Kinder haben und sich mal so, mal so damit arrangiert haben, um ihr Leben zu leben. Keiner ist vollends glücklich, aber auch keiner das Gegenteil - irgendwo hakt es immer, aber irgendwie gehört das dazu.

Der Zuschauer reist mit, per Flugzeug, Bahn und Auto, immer voran in die Hitze und dann in die Kälte, stets auf der Suche nach ein wenig Wärme. Erwartungsgemäß sind es dann die Nebendarsteller, die Zielpunkte, die dem Geschehen die grellen Farbtupfer verpassen, die so ein Film braucht, denn nicht die Normalität sucht man, sondern man hofft sie in sich zu finden. Also wird das Paar an die Extreme geführt, die aber hier immer mehr als eine grobe Einordnung ins Klischee abdecken: das eine Paar sucht den gesellschaftlichen Anschluß, ist aber in Charakterzügen schon erstarrt, er zynisch, sie laut, während die Kinder noch unmerklich sich zurückgezogen haben. Veronas Schwester ist noch auf der Suche (obwohl tendenziell die eigentliche Schönheit der Schwestern), eine Freundin Burts entpuppt sich als Kardinalfall für den New-Age-Wahnsinn in ihrem Kontinuumshaus, in dem alle in einem Bett schlafen und Buggys eine ernsthafte Bedrohung sind. Auch die anderen Episoden künden nicht vom Verfall der Familie, sondern von den Schatten, mit denen man sich stets umtreibt: vier Adoptivkinder können emotional nicht die fünf Fehlgeburten aufwiegen; eine Trennung führt einen jungen Vater in die Verzweiflung vor der Geißel alleinerziehender Patchworkfamilie.

Dazwischen jedoch, fast unmerklich, hat Mendes das größte Pfand in seiner Hand: Burt und Verona, dargestellt von den sonst eher auf Komödie fixierten, aber hierzulande unbekannten John Krasinski und Maya Rudolph, sind und bleiben das emotionale Herzstück des Films, obwohl sie meistens eher passiv zu den Umständen stehen und sich dann doch immer die nötige Individualität bewahren, um von den anderen Leben nicht erdrückt zu werden. Dabei ergänzen sich die beiden untypischen Menschen großartig, ohne je grotesk oder künstlich zu wirken, jeder hat seine Schwäche und dabei seine Natürlichkeit - und immer ein schlußendlich nötiges Quentchen Witz, um die Krise zu überwinden oder eben weiter zu fahren.

Dabei liegt die Lösung schlußendlich nicht im lokalen Anschluß an Freunde oder Verwandte (was schon zu Beginn überdeutlich wird, als die vermeintlichen Großeltern die nahenden Oma/Opa-Pflichten durch Landflucht negieren, nachdem sie die Perspektiven drastisch genug ignorieren, sondern eher im Bekannten, dem man sich stellen muß, um es zu überwinden und zu genießen.

Mendes ist ein leiser, gefühlvoller Film voll komischer Momente gelungen, der nie in die Rührseligkeit abrutscht oder sonstwie sämig gerät, sondern immer eine nötige Wendung im Gepäck hat. Das Einzige, das emotional sehr stark die Richtung vorgibt, ist der folkige Soundtrack, der ein wenig zu verspielt vor sich hinplätschert, wo mal Akzente gesetzt werden könnten, betont aber immerhin das durch den Humor aufgebrochene Grundthema des Plots.
So funktioniert der Film auch mehr für eine spezielle Zielgruppe, nämlich Erwachsene ab dreißig Jahren, die mit ihrer Lebensplanung noch nicht im Reinen sind oder sich an ihre Versuche damit noch gut erinnern können. Eine gefühlvolle Reise zum Miterleben, manchmal etwas exaltiert, aber ohne all die bekannte Klebrigkeit, dadurch um so natürlicher und realistischer.
Danach sucht man gern mal nach einer neuen Wohnung. (7,5/10)

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