Polizeifilme, richtige Polizeifilme, nicht die üblich-witzigen Buddy-Movies mit Dutzenden austauschbarer Schußopfer, sind selten geworden, denn man das TV als geeigneteres Medium entdeckt, um diesen belastenden, intensiven und zerstörerischen Job befriedigend auszuleuchten. Serien wie "The Shield" oder "The Wire" gewannen dem Genre neue Aspekte ab und so ist es beinahe ein wenig ungewohnt, im Kino einem Thema beizuwohnen, das in den 70ern verschiedene Klassiker des Genres hervorbrachte.
Geschrieben von einem TV-Autoren (Michael C.Martin skriptete für "Sleeper Cell"), wurde die Regie Antoine Fuqua überantwortet, dem inzwischen angesehenen, aber immer noch ewigen Talent, das irgendwo zwischen Anspruch und Oberfläche eingeklemmt blieb. Seit seinem ähnlich gelagerten (und definitiv überschätzten) "Training Day", wird Fuqua immer wieder gern im Actionbereich gefeiert, hat aber seitdem eigentlich nur polierte Oberflächenreize ("Shooter"), flache Albernheiten ("King Arthur") oder kernige Peinlichkeiten ("Tränen der Sonne") abgeliefert - was aber durchaus am Material gelegen haben könnte.
Bei "Brooklyn's Finest" fühlt sich Fuqua offenbar wieder mehr daheim, auch wenn die Devise "mehr ist mehr" leider nicht in allen Bereichen fruchtet. Vielmehr wirkt der Film wie ein "Best of" der bekanntesten Themen aus dem Bereich "Polizeifilm", der zufällig noch in Brooklyn spielt, weil da das Lokalkolorit für solche Filme noch stimmt.
Natürlich muß man für so einen Film nichts weltbewegend Innovatives zaubern, Filme über die Ordnungskräfte sind immer Personendramen, ein Pendeln zwischen Innensicht, Selbstverständnis, Reaktion auf die Außenwelt, auf Kollegen, Freunde, gesellschaftliche Strukturen - sofern man das richtig anordnet, läuft die Story praktisch von selbst.
"Gesetz der Straße" versucht es dann auch mit einem Triptychon von Figuren, die unterschiedliche Aspekte des Genres beleuchten: den ausgebrannten, desillusionierten und glücklosen Beamten, den gepeinigten Undercovercop ohne echten Anker und den von Geld- und Familiensorgen gepeinigten Polizisten, dem die Zeit wegläuft.
Eindeutige Botschaften läßt Martin so nicht transportieren, es bleibt dem Zuschauer dann in der Folge der zweieinviertel Stunden überlassen, sich selbst zu fragen, wie man in dieser oder jener Situation selbst entschieden hätte.
Die Vorgabe erfolgt dann auch gleich mit der ersten Szene, in der ein voluminöser Vincent D'Onofrio darüber schwadroniert, daß es bei ihm nicht um "richtig oder falsch" gegangen wäre, sondern um "richtiger" oder "falscher" und daß die Übergänge manchmal fließend bis austauschbar seien, es käme nur auf den Standpunkt an. Damit hat er dann auch recht und Sekunden später ein Loch in der Brust.
So führt Fuqua dann seine erste Figur ein, "Sal", gespielt von einem fettig-langhaarigen Ethan Hawke, der eine asthmatische Frau, ein verschimmeltes Haus, drei bis vier Kinder daheim und Zwillinge auf dem Weg hat und eine Deadline für einen Hauskaufstermin einhalten muß, für den man aber Kohle braucht, an die auch bei Razzien nicht ganz so einfach ranzukommen ist.
Parallel dazu arbeitet sich ein erloschen wirkender Richard Gere als "Eddie" durch seine letzten sieben Tage als Polizist vor der unrühmlichen Pensionierung, verliert nacheinander zwei junge Beamte, die er ausbilden soll (allerdings auf unterschiedlichste Weise) und scheint so vom Schicksal nur bekräftigt zu bekommen, daß seine Selbstmordanwandlungen berechtigt sind.
Das Trio komplettiert dann der stets perfekt getaktete Don Cheadle (als "Tango"), der seit Jahren undercover arbeitet, seine Familie verloren hat und nun auch mit der Identität hadert, denn sein (Gangster)-Boss kommt wieder aus dem Knast (Wesley Snipes nimmt die korrekte Filmarbeit nach Landesflucht und Knast wieder auf) und wirkt loyaler und näher als Tangos eigentliches Ziel, nämlich einen gesicherten Bürojob zu erhalten, der allerdings bedeutet, mit einem Rattenschwanz selbstsüchtiger Bürokraten auf Teufel komm raus zu paktieren.
Diese drei Handlungsstränge entwickeln sich vollkommen unabhängig voneinander im gleichen Gebiet, haben aber nur ganz kurze Berührungs- bzw. Begegnungspunkte und auch die finalen Überschneidungen sind mehr oder minder rudimentär.
Das macht aber nichts, sofern man es schafft, den Plot schön gemütlich bis zum Bersten hochkochen zu lassen und das bietet sowohl Martins Drehbuch als auch Fuquas Regie - wenn auch mit Anlaufschwierigkeiten.
Zunächst scheinen alle Beteiligten zuviel zu wollen, zu viel Gerede, zu viele Kamerafahrten, zu betonter Gangstaslang, alle Szenen ein bißchen zu lang, zu zäh, zu breit gefilmt. Eine straffe Einführung geht wahrlich anders und die Etablierung der Figuren, die wirklich nicht sonderlich komplex sind, hätte man ein wenig schneller gestalten können.
Als Ausgleich erhält man so aber wirklich einen sich aus dem Nichts steigernden Film, dessen Intensität bis zum Schluß immer weiter zunimmt.
Schade, daß die Figuren dabei selbst nicht genau die Schärfe und Kanten besitzen, die der Plot von ihnen verlangt.
Sals Bemühungen um ein neues Haus, um die Schwangerschaft seiner Frau zu sichern (und ihre Gesundheit) sind zwar von Hawke aufwändig gespielt, aber es ist kaum einzusehen, warum er es unbedingt auf dieses Haus abgesehen hat und sich nicht anderweitig oder kurzfristiger behilft.
Derweil wirkt Gere unzugänglich, als ginge es ihm überwiegend darum, gegen seinen üblichen Strich zu spielen und läßt erst im weiteren Verlauf mehr Nuancen zu, wird aber für viele Zuschauer auch später ein Mysterium bleiben, wobei es interessant ist, zu spekulieren, ob sein finaler Aktonismus jetzt ein Selbstmordkommando sein sollte oder der Selbstbeweis, etwas wert zu sein.
Cheadles Undercovereinsatz, der die Schizophrenie des Jobs zum Ausdruck bringt, ist da noch am ehesten verständlich, wird jedoch durch die Tatsache untergraben, daß sein Vorgesetzter (Will Patton) nur als schleimiger Schwätzer daherkommt und die nächsthöhere Instanz (eine kaum erkennbare Ellen Barkin) ein brutales Karriereschwein ist - das nimmt einen Teil der Entwicklung des Films schon vorweg.
Je länger die Geschichte sich dann entwickelt, desto präziser wird auch das Seherlebnis, bis die Figuren schließlich ihre Entscheidungen treffen, die nicht "richtig" oder "falsch" sind, aber eben "richtiger" oder "falscher" und entsprechende Konsequenzen haben - dennoch bleibt "Gesetz der Straße" ein eher pessimistischer und entmutigender Film, der seine Figuren entweder tot oder schuldbeladen zurückläßt oder in einem Zustand, der nicht unbedingt als "lebendig" definiert werden kann.
So gelingt Fuqua nach Startschwierigkeiten (die tatsächlich manchmal in der Synchro etwas albern wirken) ein beeindruckender Film mit Sogwirkung, den man maximal im ersten Viertel etwas hätte straffen können, ohne damit Substanz zu verlieren. Soweit sichtbar sein bester Film, der nicht wie "Training Day" unter der entsetzlichen Chargiererei seines Hauptdarstellers (damals leider auch noch oscarprämiert) zu leiden hat, sondern in allen Erzählsträngen den Kurs hält, daß dieser Beruf korrumpiert. Entweder den Charakter oder die Moral oder die Ideale, die sich dahinter verbergen. Natürlich ist das nicht neu, sondern eher selbst schon ein Cop-Klischee, in der Ausführung gewinnt der Film zurück, was er beim Start verloren hat. (7,5/10)