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Mal angenommen, man möchte sich ein zweites Leben aufbauen, eine völlig neue Existenz. Egal ob aus Gründen eines schweren Traumas oder einer dunklen Vergangenheit, - würde man da nicht gleichzeitig auch unweigerlich den Standort wechseln und all das hinter sich lassen, was einen an früher erinnern könnte?
Unsere Hauptfigur tut dies nicht und das bricht ihm im Verlauf fast das Genick.
Dem Drehbuchautor allerdings auch, denn der hat sich offenbar nicht konsequent mit der Materie auseinandergesetzt.

Im Zentrum dieser Mischung aus Thriller und Drama steht die Entführung der elfjährigen Toby, die plötzlich beim Fußballtraining verschwindet. Vater Jack (Simon Baker) und Mutter Amaya (Paz Vega) alarmieren sogleich die örtliche Polizei, doch an der Grenze Mexikos, in Del Rio, einem Moloch aus Prostitution, religiöser Sekten und Drogenkartellen, dauert es einige Zeit, bis man erste Verdächtige ins Visier nehmen kann, wobei Jacks Vergangenheit zunehmend eine bedeutende Rolle zuteil wird.

Der Gedanke an ein entführtes Kind, - diesen Stoff hat man bereits mit Mel Gibson in „Kopfgeld“ recht mitreißend erzählt und jeder halbwegs fürsorgliche Vater würde im Grunde mindestens genauso drastisch vorgehen und nicht lange tatenlos ausharren.
Unser Jack muss wohl seine Gründe dafür haben, sich relativ seelenruhig an einige Zeugen zu wenden, denn der Stoff kommt rein gar nicht in die Gänge.
Weder auf emotionaler Ebene, da die Charakterbildung äußerst oberflächlich bleibt, noch auf Basis von Aktionen, denn bei solch einer Prämisse erwartet man Tempo und Herzblut.
Stattdessen konzentriert man sich verstärkt auf das Ambiente der Umgebung der mexikanischen Slums, einiger religiös angehauchter Riten und Underground Punkten wie Bar oder Strip Club.
Diese kulturellen Einflüsse der Geschichte sind durchaus interessant, werden in Bezug auf das Finale aber zu oberflächlich gestreift.

Also konzentriert sich die Erzählung weniger auf die Entführung, als auf den Vater und die Person dahinter, wobei schon früh deutlich wird, dass mit Jack nicht alles im Reinen ist und der Austausch von Botschaften mit Prostituierten deutlich auf eine dunkle Vergangenheit hinweisen dürfte.
Aber auch in diesem Punkt lässt man sich zuviel Zeit und mäandert durch diverse Kulissen ohne dass ein Weiterkommen der Story auszumachen ist.
Der Besuch bei einem Medium wirkt viel zu theatralisch, die Ermittlungen der zwei FBI Beamten beinahe wie Amateurhaftigkeit und das Geheimnis um Jacks erste Frau zu konstruiert, um im Nachfolgenden nicht vorzeitig entlarvt zu werden.

Bei alledem fragt man sich: Wann wird dieser Jack endlich aktiv und mischt, welchen Laden auch immer, mal so richtig auf? Dabei wundert von Beginn an die ungewöhnliche Sicht des Off-Kommentars durch die entführte Toby (also dürfte sie die Entführung folgerichtig überleben…) und die merkwürdig anmutenden religiösen Zeremonien beinahe aller Beteiligten. Das mag für unseren Kulturkreis ohnehin befremdlich erscheinen, gerade, weil kaum eine jener Verhaltensweisen erklärt wird.
Doch immerhin wird dieser Jack im letzten Drittel aktiv, wenn auch nicht mit der Impulsivität, die man sich von Beginn an gewünscht hätte.
In dem Zusammenhang wundert eher ein Plot Twist, der zwar einige Unwahrscheinlichkeiten mit sich bringt, die bis dato lahme Story aber zumindest ein wenig aufrüttelt.

Der deutliche Mangel an Bewegung und Emotionalität breitet sich viel zu früh aus, um das volle Interesse bis zum soliden Ausgang aufrecht zu erhalten.
Darstellerisch kann Simon Baker als Jack kaum Punkte landen, Paz Vega ist wie immer hübsch anzuschauen, aber maßlos unterfordert, während die übrigen Mimen lediglich als Stichwortgeber fungieren.
Auf Dramenebene zu oberflächlich, als Thriller zu unausgereift und lahm und im Gesamtkontext allenfalls durch das exotische Ambiente ein wenig abwechslungsreich gestaltet.
Wer also einen mitreißenden Entführungsthriller mit Action erwartet, sollte diesen Streifen besser auslassen, - er bietet eher eine Charakterstudie, die jedoch zu kaum einer Zeit Spannung oder gar Tiefe aufbauen kann.
Schade um den an sich gut erdachten Kern der Geschichte.
4,5 von 10

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