Review

Vampirisierter Priester verliebt sich in Sterbliche

Südkoreas Vorzeige-Regisseur Park Chan-wook („Vengeance“-Trilogie, „I’m A Cyborg But That’s Ok“) stellt mit seinem neusten Streich seine Bissfestigkeit unter Beweis. In „Durst“ bekommt ein im Sterben liegender Priester eine verunreinigte Blutkonserve transfundiert und ist im Folgenden mit dem Fluch der Unsterblichkeit geschlagen, ferner sogar dazu verdammt sich von menschlichem Blut zu ernähren, will er ein klägliches Dahinsiechen vermeiden. Zunächst gelingt es ihm seinen Zustand vor seiner Umwelt geheim zu halten. Als er jedoch die junge Tae-ju kennen und lieben lernt, offenbart er sich ihr. Ein Fehler wie sich bald herausstellt, denn Tae-ju beginnt schon bald die übernatürlichen Kräfte ihres Geliebten zu missbrauchen, um sich aus ihrem verhassten kleinbürgerlichen Dasein zu befreien…

Oh Dae-su, der einen lebenden Oktopus verschlingt – ein Moment, der nicht nur südkoreanische Filmgeschichte geschrieben hat. Hat „Durst“ nun ähnlich starke Augenblicke zu bieten?
Eines vorweg: „Durst“ weist viele Park typische Elemente auf und ist doch ganz anders als alles, was wir bislang von diesem Regisseur vorgesetzt bekommen haben. Wir haben die tragische, schicksalsgebeutelte Hauptfigur, die tief schürfenden Dialoge, die poetischen Bilder mit den bedeutungsschwangeren Details. Und daneben eben auch die Geschichte eines blutdurstigen Pfarrers.
Wer Eins und Eins zusammenzählen kann, wird wahrscheinlich bereits ahnen, dass uns der werte Herr Park hier alles andere als einen typischen Vampirfilm auftischt. Als Sarg dient unserem Blutsauger ein umgestürzter Schrank. Knoblauch und Kruzifixe machen ihm nix aus, Sonnenlicht dagegen umso mehr. Wenn der Pastor seinem Blutdurst frönt, weiß man zu Beginn nicht, ob man nun lachen oder weinen soll, so unkonventionell geht dieser zu Werke. Da er ein lieber Vampir ist, zapft er am Anfang seiner Vampirlaufbahn nämlich nur Komapatienten an und nuckelt denen den Lebenssaft aus dem Venenkatheter, was belustigt, aber auch ganz schön anekelt. Insgesamt betrachtet fällt „Durst“ übrigens sehr blutig aus. Es werden gar nicht mal wenige Nebencharaktere zum unfreiwilligen Aderlass gebeten, wobei das Blut mal mehr, mal weniger fontänenartig sprudelt.

Einen hohen Stellenwert nimmt in „Durst“ das Thema Sexualität ein. So ausgiebig gerammelt wie hier wurde bei Park noch nie. Wer die Bettszene aus „Oldboy“ noch vor Augen hat, der weiß, dass bei Park Chan-wook weder das Licht gedimmt wird, noch einschmeichelnde Pornomucke im Hintergrund zu dudeln beginnt, noch sich das Geschehen in Idylle vorgaukelnder Zeitlupe abspielt. Bislang hatte man den Anschein, der Regisseur wolle den Geschlechtsakt so realitätsnah wie möglich darstellen (was dem von Hollywood'schem Kuschelsex verwöhnten Auge arg aufstoßen mag), ohne dabei auf pornografische Mittel zurückgreifen zu müssen.
In „Durst“ wird noch eins drauf gesetzt. Hier wird ausführlich Legsex betrieben, Zehen werden gelutscht und genuckelt und auch Achseln ausgeleckt. Fraglich ob man hiermit just die überschwängliche, vollkommen ausgehungerte Gier nach Lust und Liebe des sein Lebtag keusch lebenden Priesters darstellen wollte, die fehlende Körperlichkeit in der Modere anzuprangern versucht oder den Zuschauer nur noch etwas mehr in die Irre führen will.

Oh ja, Befremdung ist auch ein großes Thema von „Durst“. Phasenweise fragt man sich schon, an was für eine Art von Film man hier überhaupt geraten ist. Klar, es geht um Vampire. Untypische Vampire, aber eindeutig Vampire. Der Film ist tragisch, düster, blutig, andererseits aber auch romantisch und zu guter Letzt auch noch ziemlich witzig, zumindest manchmal. Naja, eben diese fernöstliche Art von witzig wie wir sie von Takashi Miike kennen, bei der man nie weiß, ob sie nun wirklich witzig gemeint ist oder nicht.
Gewiss kein Streifen für Jedermann, soviel steht fest. Doch haben hier geneigte Cineasten überhaupt eine reelle Chance?

Meiner Meinung nach: definitiv. Mit seinen über zwei Stunden Laufzeit ist er zwar tatsächlich etwas langatmig geraten und überfordert einen mit seiner Vielzahl an Absonderlichkeiten fast ein bisschen, insgesamt hat man hier aber eindeutig ein sehenswertes Stück Film vor sich.
Mäkeln könnte man an der letzten halben Stunde und am Ende, das sich der eine oder andere gewiss etwas früher herbeigesehnt hätte. Gegen Ende ufert der Plot nämlich noch in ein abstraktes Liebesdrama aus, in dem sich die beiden Liebenden fast gegenseitig zerfleischen. Hier bricht die Spannung leider merklich ein. Der Showdown belohnt einen dann aber noch mal mit wahrlich bezaubernden und ausdrucksstarken Bildern.


„Ich wollte nur für immer mit dir zusammen sein, doch jetzt sehen wir uns in der Hölle wieder.“


Fazit:
Gewiss nicht Jedermanns Fall. Wer jedoch Vampirfilmen á la „So finster die Nacht“ oder Romeros „Martin“, die jeder Konvention trotzen, etwas abgewinnen kann, und auch nichts gegen eine ordentliche Prise fernöstlicher Absurdität einzuwenden hat, der sollte doch bitte zubeißen... äh, -greifen.

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