Review

Ist „Apocalypse Now“ der beste Anti-Kriegsfilm aller Zeiten? Nein, sicherlich nicht, so was gibt es gar nicht. Ist „Apocalypse Now“ einer der besten Anti-Kriegsfilme aller Zeiten? Ja, schon eher.


Besoffen liegt Captain Willard (Martin Sheen) in seinem kleinen Zimmer in Saigon. Schon jetzt ist er gezeichnet vom Vietnamkrieg, ohne ihn geht es für Willard gar nicht mehr. So ist er froh, einen neuen Auftrag zu bekommen. Willard soll den Elitesoldaten Colonel Walter E. Kurtz (Marlon Brando) töten. Kurtz gilt für das Militär mittlerweile als komplett wahnsinnig, der sich irgendwo in Kambodscha sein eigenes Reich aufgebaut hat, Menschen tötet und herrscht wie ein König. Mit einem Boot reist Willard nun Stromaufwärts, seine kleine Crew ist jung und unerfahren. So durchleben sie die Hölle von Vietnam, treffen andere verrückte Typen wie den ebenfalls leicht wahnsinnigen Colonel Kilgore (Robert Duvall), der selbst mitten im Gefecht am liebsten surfen würde mit einer Truppe. Bevor die Gruppe das Reich von Kurtz erreicht, hat sich das Leben der Truppe schon komplett verändert, Normalität hat keine Bedeutung mehr...


Wenn man die Umstände kennt, unter denen Francis Ford Coppola „Apocalypse Now“ gedreht hat, kann man wirklich nur noch Hut ab sagen. Eine interessante Auflistung aller Zwischenfälle, Probleme zwischen den verschiedenen Leuten (Sheen ist eigentlich nur die Zweitbesetzung, Harvey Keitel wurde gefeuert) usw. findet man beim Kollegen Blade Runner.

Coppola hat keinen Film geschaffen, in dem es ständig zur Sache geht, „Apocalypse Now“ ist ein Film, der vom Dialog lebt. Der Film zeigt, wie der Krieg Menschen zerstört, jeden auf seine Weise. Manche werden einfach nur still, der Wahnsinn ergreift sie langsam, andere sind total durchgeknallt und machen einfach weiter, für sie könnte der Krieg ewig dauern.
Dennoch bietet der Film eine seiner berühmtesten Szenen. Colonel Kilgore (den Name sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, er beschreibt den Typen wunderbar) muss Captain Willard an eine bestimmte Stelle bringen. Ergo hebt er Willards Boot mit einem Helikopter an und eine komplette Helikopter-Staffel bringt das Boot und Willards Leute zum vereinbarten Punkt. Dort lebt aber „Charlie“, der Feind, die Vietnamesen. Kein Problem für Kilgore. Er legt Wagners Wallkürenritt ein und ballert und bombt alles nieder, was sich bewegt. So ein Szene hat man noch nicht gesehen. Ferner ist der Typ so abgebrüht, er will sogar surfen, während ein paar Meter neben ihm noch Granaten einschlagen, Kilgore zuckt nicht einmal mehr. Der berühmte Napalm am Morgen Spruch stammt natürlich auch von ihm. Robert Duvall liefert in der relativ kurzen Zeit eine Glanzleistung ab, ich stelle ihn da schon fast auf eine Stufe mit R. Lee Ermey aus „Full Metal Jacket“.
Die restliche Besetzung ist ebenfalls exzellent gewählt, Martin Sheen merkt man nicht an, dass er eigentlich nur die 2. Besetzung ist. Soweit man sagen kann, dass er es selber ist, denn auch mit Sheen hatte Coppola so seine Probleme. Gibt es eigentlich jemanden, mit den Coppla gar kein Problem hatte? Mit Marlon Brando sicherlich nicht. Auch der war angeblich viel zu dick für seine Rolle, hatte sich nicht vorbereitet und wenn man ihn das erste Mal so sieht, muss man schon schmunzeln. Das soll ein ehemaliger Elitesoldat sein? Nun gut, jedenfalls hat Brando diese Präsenz, die man für so eine Figur braucht. Von Anfang an wartet man auf diesen Augenblick, wann man Kurtz endlich begegnet. Und selbst dieser Moment ist einzigartig eingefangen. Zunächst sehen wir gar nichts von Kurtz, nur sein blanker Schädel, sein Gesicht wird immer von einem Schatten verdeckt. Und wenn dann Brando mit seinem berühmten Monolog anfängt, fragt man sich wirklich, wer überhaupt wahnsinnig ist.

Genug des Lobes, irgendwelche Schwächen muss auch ein Film wie „Apocalypse Now“ haben, und die hat er. Zumindest für die neue Redux-Fassung muss man eine Menge an Sitzfleisch haben, da Coppola nach 20 Jahren 50 neue Minuten einfügte, über die man geteilter Meinung sein kann. Zwei berühmte Szenen sind natürlich die Playboy-Girls und die Begegnung im französischen Landhaus. Wobei ich sagen muss, die Playboy-Girls passen noch besser ins Geschehen als das französische Landhaus. Die Moral der Truppe sinkt, was bietet sich das besser an, als drei leicht bekleidete Frauen vor den Soldaten rumtanzen zu lassen. Natürlich bricht irgendwann das Chaos aus, die Girls können sich noch gerade so wieder in den Heli retten. Doch lange wärt das Glück nicht. Ohne Sprit kommen sie nicht weit, so dass sie sich weiter oberhalb des Flusses prostituieren müssen, und wer hat das Glück, na klar, Willards Männer. Auch die Girls sind mittlerweile arg durch den Wind, labern nur noch Mist aber dies stört die Soldaten nicht. Wer weiß, ob sie überhaupt noch mal lebend aus dem Dreck hier rauskommen, einmal Spaß ist doch noch das mindeste.

Umso langweiliger wird es dann, wenn Willard und seine Crew auf eine Gruppe Franzosen treffen, die sich eine Art Landhaus eingereichtet haben. Diese Szenen bringen den Film nicht wirklich weiter, es wird viel gelabert und zum Schluss kommt selbst Willard noch in den Genuss, weil er von einer französischen Frau verführt wird. Meiner Meinung nach die unnötigste Passage im Film, macht sie den Film doch noch langsamer, noch länger und erfordert noch mehr Geduld. Keine Ahnung, was Coppola damit genau bezwecken wollte. Vielleicht noch mal eine kleine Pause, bevor der Film in seine Endphase abtaucht. Denn jetzt ist es nicht mehr weit bis zu Kurtz und „Das Grauen“.


Fazit: Sicherlich, „Apocalypse Now“ ist ein Meisterwerk, welches aber auch einige Schwächen hat und vielleicht auch einen Tick zu lang ist, so dass man sich den Film nicht mal eben angucken kann, wenn man Lust hat. Auch ist es kein Film, der nebenbei geschaut werden kann. Der Film hat eine unheimliche Tiefe, die Dialoge sind immens wichtig für das Verstehen, allein Willards Bewunderung für Kurtz, den er jetzt zwar nur aus den Akten kennt, dieses reicht aber schon.
„Apocalypse Now“ ist ein knallharter Film der genau aufzeigt, wie Menschen langsam aber sicher im und durch den Krieg zerstört werden. Auch stellt man sich die Frage, wer ist hier eigentlich wahnsinnig und wer nicht. Anschauen sollte Pflicht sein, doch man sollte wissen, worauf man sich einlässt. Fast 190 Minuten, ein surrealer Touch, dies ist „Apocalypse Now“. Dennoch ein Meisterwerk, keine Frage.

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