(Final Cut)
Vietnamkrieg, 1969. Captain Benjamin Willard erhält den Auftrag, den abtrünnigen Colonel Kurtz zu beseitigen. Dieser hat sich mit seiner Anhängerschaft über die Grenze nach Kambodscha zurückgezogen und quasi sein eigenes Reich gegründet. Mit einem Boot und einer handvoll Männer macht er sich auf den Weg, flussaufwärts, ins Ungewisse.
Coppola nahm sich „Heart of Darkness“ von Joseph Conrad lose zum Vorbild, ebenso das Sachbuch „Dispatches“ von Michael Herr, welches Reportagen aus dem Vietnamkrieg beinhaltet. Hieraus entstand eine Melange, ein Fiebertraum und eine Reflexion über den Krieg, seinen ihm innewohnenden Irrsinn und die Zerrissenheit, die er hervorruft.
Willards Auftrag ist nur der Startschuss, vielmehr ist der Weg das Ziel. „Apocalypse Now“ ist ein Roadmovie in die Wirren des Krieges, voll von ikonischen Begebenheiten. Ein bekanntes Zitat über Napalm, den Drang zu surfen, „The End“ und der Walkürenritt, ein Auftauchen aus dem Wasser. Viele Szenen haben bis heute im filmischen Gedächtnis überlebt. Neben der Veränderung innerhalb der Seele, die das Grauen hervorruft, zeigt der Film aber auch beeindruckende Effektszenen, die umso wirkungsvoller sind, da sie aus schön altmodischer Handarbeit bestehen. Hier explodiert wirklich was, brennt, vergeht.
Die Produktion von Coppolas Epos war eine Katastrophe. Ein Taifun zerstörte Sets, Sheen erlitt einen Herzinfarkt, Streit zwischen dem Regisseur und Brando war keine Seltenheit. Sechzehn Monate (mit Unterbrechungen) dauerte der Dreh auf den Philippinen und in der Dominikanischen Republik, vom verbrauchten Budget gar nicht zu reden. Am Ende schuf Coppola einen Klassiker seines Genres.
Diesen gibt es in diversen Fassungen, der 2019 erschienene "Final Cut" ist eine ganz gute Mischung, ist aber auch nicht frei von Längen. Diese treten mit der Sequenz auf der Plantage auf und begleiten den weiteren Verlauf noch ein Stück, indiskutabel ist die Szene mit dem Büffel.
Die Besetzung hingegen kann sich sehen lassen. Martin Sheen, der den zuerst schon in der Rolle des Captain Willard tätigen Harvey Keitel nach zwei Wochen ersetzte, ist zentraler Punkt und quasi-Identifikationsfigur. Er begleitet die Geschichte mit Kommentaren auf dem Off und rekonstruiert den Werdegang von Kurtz. So schafft er, auch für den Zuschauer, trotz dessen Abwesenheit schon eine Verbindung zu diesem. Ein interessanter Kniff, sodass man nicht das Gefühl hat, plötzlich auf einen wildfremden Charakter zu stoßen. Sheens Figur wirkt in diesem manchmal irreal anmutenden Szenario schon fast wie eine Insel. Dabei diese Tour über Strecken mit teils ungläubigem Blick stellvertretend für das Publikum aufnehmend. Rauchend, schwitzend. Clowns und Zirkus.
Der Rest der Truppe auf dem Boot, die ihn flussaufwärts begleitet (darunter ein junger Laurence Fishburne), definiert sich da eher durch den Umgang miteinander oder das Reagieren auf die Umgebung. Einzelne Figuren sind nicht so wichtig, die Hauptattraktion ist das Szenario selbst, der Krieg als Zustand, außen als auch innen.
Marlon Brando, der wegen seiner Ausmaße oft nur im Halbschatten agiert, hat durchaus charismatische Szenen, doch auch er verliert gegen den atmosphärischen Überbau. Dennis Hopper, der einen Kriegsreporter spielt, war beim Dreh des Öfteren so zugedröhnt, dass er ohne Unterlass laberte. Neben Robert Duvall als Napalmfreund Kilgore und einem Cameo von Coppola selbst, der die Soldaten am Strand filmt, hat auch Harrison Ford eine kleine Rolle - als Colonel G. Lucas.
Visuell ist "Apocalypse Now" meisterlich. Vittorio Storaro macht die Hitze spürbar, unterstützt dies mit der Farbgebung und führt die Kamera angenehm ruhig. Gerade in der letzten Episode entstehen so atmosphärische Bilder durch die Arbeit mit Licht und Schatten, doch generell ist das Grauen hier einfach nur fantastisch eingefangen. Einziger Kritikpunkt ist für mich der übertriebende Einsatz von Lens Flares, auch wenn es den unwirklichen Charakter mancher Szene unterstreichen mag.
"Apocalypse Now" gilt zu Recht als Klassiker. Coppolas Epos, egal in welcher Fassung, ist ein meisterlich fotografiertes Stück Filmgeschichte, ohne Heldentum, aber nicht frei von Längen oder Widerspruch. Letzterer passt zum Szenario, wohnt dem Krieg und den Handlungen der sich in ihm bewegenden Figuren inne. Das oft genannte Grauen, das hier an keinem spurlos vorbeigegangen ist und über allem schwebt, ist Coppolas stärkste Waffe. Mehr noch als das groß spielende Ensemble sind es die Atmosphäre und der alles durchziehende Wahnsinn, die die Faszination des Werks ausmachen.