„Saigon... verdammte Scheiße.“
In den 1970er bohrte der US-amerikanische Regisseur Francis Ford Coppola seine dicksten Bretter: die ersten beiden „Der Pate“-Teile und das Antikriegsepos „Apocalypse Now“. Dieses basiert auf Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ und auf den von Michael Herr angefertigten Vietnamkriegs-Reportagen „Dispatches“. Coppola ließ den sozialdarwinistischen Waffennarr John Milius daraus das angemessen kranke Drehbuch verfassen, befreite es anschließend von dessen Unrat und begann mit dem Dreh auf den Philippinen und in der Dominikanischen Republik, der ungeheuer kräftezehrend geriet und die physische wie psychische Gesundheit des Teams massiv angriff. Am Ende stand der 1979 veröffentlichte, 153-minütige Film, der von vielen als Meisterwerk betrachtet wird und von Coppola in den Jahren 2001 und 2019 in erweiterten Director’s Cuts neu herausgebracht wurde.
„Einen Mann an so einem Ort wegen Mordes zu belangen ist wie eine Verwarnung wegen überhöhter Geschwindigkeit beim Autorennen.“
Im Jahre 1969: Der seine längt erlittenen Kriegstraumata in Alkohol ertränkende Benjamin L. Willard (Martin Sheen, „Cassandra Crossing“), Captain einer US-Spezialeinheit, erhält einen neuen Auftrag: US-Colonel Walter E. Kurtz (Marlon Brando, „Der Pate“) sei wahnsinnig und abtrünnig geworden. Im an Vietnam grenzenden Kambodscha herrsche er über eine Anhängerschar und lasse niemanden an sich heran. Wer es bisher versucht habe, sei nicht zurückgekehrt. Willard soll Kurtz ausfindig machen und liquidieren. Ein mit den vier Soldaten Chief Petty Officer Phillips (Albert Hall, „Leadbelly“), Jay „Chef“ Hicks (Frederic Forrest, „Die Wiege des Satans“), Lance B. Johnson (Sam Bottoms, „Der Texaner“) und Tyrone „Clean“ Miller (Laurence Fishburne, „Liebe, Lüge, Leidenschaft“) besetztes Patrouillenboot der US-Invasoren soll ihn von Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt) aus durchs Gebiet des Vietnamkriegs in den kambodschanischen Dschungel bringen, über seine Mission hat Willard Stillschweigen zu wahren. Die Reise gerät beschwerlich und verlustreich, die Logik eines absurden Kriegs ergreift immer mehr Besitz von den zusehends verrohenden Männern. Ruhigere Momente nutzt Willard, um sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Dokumenten zu Colonel Kurtz zu befassen. Er entwickelt eine gewisse Faszination für den Aussteiger. Als er schließlich auf ihn trifft, sieht er sich innerhalb dessen Privatstaats mit einem gebrochenen Mann konfrontiert…
„Charlie surft nicht!“
Der in aufeinander aufbauende, durch den Verlauf der Wasserstraße verbundene Episoden strukturierte Film wird aus Willards Perspektive erzählt, der die Ereignisse im Präteritum aus dem Off kommentiert. Zu Beginn indes wird man noch ohne konkreten Handlungsbezug Zeuge, wie ein Waldstück explodiert und dazu „The End“ der Doors erklingt. Das Ende steht also am Anfang, und welches Ende es sein soll, gibt Anlass zu Spekulationen (die ich hier nicht anstellen werde). Willards erste Station ist die 1. US-Luftkavallerie, die das Boot eskortieren soll. Sie steht unter dem Kommando des von sich selbst eingenommenen Lieutenants Colonel Bill Kilgore (Robert Duvall, „Network“), der ein Dorf angreift, um an dessen Strand surfen zu können, und ein Waldgebiet mit Napalm überzieht. Der Granatenbeschuss macht ihm nichts aus; er geriert sich als Draufgänger, dem nichts etwas anhaben kann. Den Angriff aufs Dorf untermalt er musikalisch mit Wagners „Walkürenritt“, wie es einst die Deutsche Wochenschau mit Bildern deutscher Flieger tat. Man darf davon ausgehen, dass Coppola diesen Faschismusbezug bewusst herstellte. Ebenso eindringlich ist der Wahnsinn, dem Kilgore offenbar verfallen ist. Sein Verhalten erinnert an unter starken Aufputschmitteln wie Kokain stehende Menschen, ohne jedoch dass der Film etwaigen Drogengebrauch Kilgores thematisieren würde. Kilgore steht hier vor allem für den Zynismus des US-Kriegs. Und wie verrückt muss Kurtz sein, wenn Kilgore noch als tragbar durchgeht?
„Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen!“
Zur Truppenbelustigung entblöden sich die USA nicht, drei ihrer Playboy-Bunnys ins Kriegsgebiet zu schicken, um sie vor einer geifernden Soldatenmeute auftreten zu lassen. Zwei der jungen Frauen dienen einzelnen Soldaten in der Redux-Fassung später noch zur Triebabfuhr, wobei die Männer sie behelfsmäßig wie auf den Playboy-Fotos zurechtzumachen versuchen. Selten sahen Sexszenen so traurig aus. Während der Weiterfahrt wird die Bootsbesatzung selbst zu Kriegsverbrechern, als sie die Besatzung eines ihnen entgegenkommenden zivilen, Lebensmittel und Tiere transportierenden Boots ermordet – inklusive Willard, der, um keine Zeit zu verlieren, einer zunächst noch lebenden Frauen den finalen Schuss verabreicht. Diese Episode steht stellvertretend für die zahlreichen aus Angst, Panik, Verachtung oder purer Mordlust heraus begangenen Massaker der US-Armee an der Zivilbevölkerung. Spätestens jetzt ist klar, dass man es bei Phillips, Willard & Co. keineswegs mit rühmlichen Ausnahmen zu tun hat. Wer bis hierhin glaubte, dass sie möglicherweise als Sympathieträger oder Identifikationsfiguren dienen sollten, sieht sich getäuscht.
„Hier sind Sie am beschissenen Arsch der Welt, Captain!“
An der Do-Long-Brücke herrscht schließlich pures Chaos, das sich zur Anomie des Krieges wie eine Gruppe Hooligans zu einer öffentlichen Hinrichtung gesellt. Wer das Kommando hat, weiß niemand mehr, und wer eine Chance hat zu entkommen, sucht das Weite. Coppola dekonstruiert hier etwaige Vorstellungen nach irgendwelchen Regeln verlaufender Kriegsführung. Lediglich in den erweiterten Schnittfassungen enthalten ist die Zwischenstation auf einer Plantage französischer Kolonialisten, die den Vietcong fürchten, der das von den französischen Besatzern gestohlene Land zurückerobern könnte. Mit dieser Episode verweist Coppola auf die europäische Kolonialgeschichte, die ebenso wenig vom Respekt vor anderen Völkern geprägt war wie die US-Außenpolitik und die aus ihnen resultierenden Angriffskriege. Und das ist nicht die einzige Parallele zum europäischen Kolonialismus. Dieser Filmabschnitt bremst die Handlung aber auch aus – und bietet Willard die Gelegenheit zu einem Schäferstündchen.
„Er ist ein Kriegerpoet im klassischen Sinne.“
Die Konfrontation mit Kurtz, also die Klimax, auf die der Film hinsteuerte, avanciert nicht etwa zum westernartigen Showdown zwischen zwei ebenbürtigen Gegnern, sondern zu einer Begegnung Willards mit seinem zukünftigen Ich: Einem vom Krieg höchst traumatisierten, verrohten und des Lebens überdrüssigen Mann, für den keinerlei Chance besteht, wieder zurück in die Zivilisation zu finden. Die stilisierte Szene, in der Indigene einen lebendigen, echten Wasserbüffel mit Macheten abschlachten, hätte es da nicht gebraucht, wenngleich sie offenbar die Realität abbildet. Wenn es überflüssiges Material in „Apocalypse Now“ gibt, dann ist es dieses.
„Das Grauen...“
Als die US-Mörderbande damals in Vietnam einfiel, war sie nach ihrem Wüten in Korea und anderswo moralisch längst bankrott und brachte nicht nur Leid und Tod über das vietnamesische Volk, sondern verlor diesen Krieg auch und damit unzählige Soldaten, die sie teils noch minderjährig (wie Teile der Bootsbesatzung in diesem Film) als Wehrdienstpflichtige verheizte und billigend in Kauf nahm, was „Apocalypse Now“ ungeschönt aufzeigt: den Verlust jeder Menschlichkeit, das Züchten seelischer, moralischer Krüppel. Zynismus, Kinderleichen, Massaker, Wahnsinn, dazwischen Walkürenritt und Popkultur, von Coppola inszeniert wie ein surrealer Fiebertraum oder ein schlechter Drogentrip. Coppola blickt in den Abgrund, bis dieser zurückblickt. Dafür greift er auf die Bilder zurück, die Vittorio Storaro seiner Kamera entlockt und die eine Klasse für sich sind: Style with substance. Sowohl sein Gespür für Naturbilder unter natürlichem Sonnenlicht als auch sein Geschick bei artifiziellen Ausleuchtungen sind große Kamerakunst. Storaro taucht Colonel Kurtz im Finale in einen Halbschatten, der veranschaulicht, dass der Mann nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Der Look (und nicht nur der) dieses Films ist zeitlos.
Und Coppola macht es seinem Publikum nicht unbedingt leicht: Man begleitet mit Willard eine ambivalente Figur und sieht, was Willard sieht, ohne dass man sich mit ihr vollumfänglich identifizieren könnte. Auch die Bootsbesatzung zählt zwar nicht zu den größten Schweinehunden dieses Kriegs, wird aber bald zum Mittäter. Auch eine Logik des Krieges. Weder ist das Filmpublikum unbeteiligter Zuschauer noch konsequent Komplize, sondern stets irgendetwas dazwischen, immer wieder in eine der beiden Richtungen ausschlagend (ein bisschen wie zeitweise in „Cannibal Holocaust“). Das hätte schiefgehen können und der eine oder andere mag dadurch tatsächlich nur schwer in den Film finden; überwiegend funktioniert es jedoch, was zu diesem besonderen Sehgefühl zwischen exotischem Neo-noir, Abenteuer, Kriegsaction und persönlichen Dramen beiträgt. Kurze Momente der Katharsis habe ich immer dann empfunden, wenn es einen der US-Amerikaner erwischt, was wiederum eine Parallele zu meiner „Predator“-Rezeption ist, und sich aufgrund der Erzählperspektive seltsam anfühlt. Ob es sich dabei um einen von Coppola erwünschten und bewusst herbeigeführten Effekt handelt, weiß ich nicht.
In der Summe ist „Apocalypse Now“ ein faszinierendes Filmerlebnis, das auf formaler wie künstlerischer Ebene kaum zu toppen ist. Der fiktionale Fluss, auf dem man Willard & Co. folgt, erweist sich als fesselnder Sog, der einen immer weiter hinabzieht. Inhaltlich ist er in vielen seiner Antikriegsaussagen eindeutig, in psychologischer Hinsicht bleibt er hingegen oftmals eher vage und verlangt es einem ab, eigene Schlüsse zu ziehen. Hier steppt kein Erklärbär und das ist auch gut so.
8,5 von 10 Speerwürfen für „Apocalypse Now“.